25.10.2020 21:42 Uhr

Chima über Musik, das Dschungelcamp und Home-Office-Probleme

Chima meldet sich nach einer musikalischen Auszeit mit einem Knall zurück: "Keine Liebe" heißt seine neue Single, mit der er einen Hit für den Herbst abliefern möchte. Der 47-Jährige konnte in der Vergangenheit mit vielseitigen Projekten von sich Reden machen.

Foto: Viktor Schanz

So war der Frankfurter schon vor knapp 20 Jahren Teil des afrodeutschen Anti-Rassismus-Kollektivs „Brothers Keepers“, sang mit Namika einen Kino-Titeltrack und landete mit „Morgen“ eine Prokrastinations-Hymne. Klatsch-tratsch.de sprach mit Chima nun über sein 2020 und was ihn aktuell – in diesen verrückten Zeiten – so alles beschäftigt.

Du hast dir ja eine kleine Auszeit gegönnt. Was hast du in der Zwischenzeit gemacht? 
Ich habe mir keine Auszeit genommen. Ich habe einfach gelebt und Dinge zu bewältigen gehabt. Ich habe gesammelt, war im Studio und habe Musik gemacht. Ich war viel mit mir selbst beschäftigt: Wer bin ich? Was ist mein Thema? Ende letzten Jahres habe ich dann wieder die Übersicht gewonnen und hab mich dazu entschieden das Album zu veröffentlichen. Das hätte eigentlich schon viel früher passieren sollen, aber dann kam die Pandemie.

Chima über Musik, das Dschungelcamp und Home-Office-Probleme

Foto: Viktor Schanz

Worum geht es in deiner neuen Single “keine Liebe”?
In „Keine Liebe“ geht es darum, dass ein Mann einerseits sehr von den Wertvorstellungen des Elternhauses geprägt ist, und sich andererseits um eine Emanzipation von diesen bemüht. Das fällt ihm so richtig erst durch die Begegnung mit einer Frau auf, die von ihrer Art her so wild, aufregend, anders und damit so viel erfüllter als er selbst ist, dass er gezwungen ist seinen Lebensentwurf zu überdenken. Sie ist so frei und spannend, dass es Anreiz genug ist auch mal ihren Weg auszuprobieren.

Ist das autobiographisch gewesen? Du hast in einem Interview mal erzählt, dass dein Vater sehr streng gewesen ist.
Mein Vater ist ein sehr liebevoller, strenger und klassischer nigerianischer Papa. Er will immer nur das Beste für mich. Er hat u.a. aber andere Vorstellungen als der klassisch biodeutsche Vater. Es hat deshalb einige Anstrengungen gekostet mich von seinen Wertvorstellungen zu emanzipieren und, innerhalb der beiden Welten (Deutschland und Nigeria) zwischen denen ich navigieren musste, mich selbst zu finden.

Wenn du Kinder hättest, würdest du sagen, dass deine Wertvorstellungen eine Mischung zwischen dem typischen deutschen Papa und dem typischen nigerianischen Papa liegen?
Ja genau. Mein Vater sagte immer, „es gibt keinen Kompromiss, ich erziehe dich nigerianisch.“ Ich selber bin wohl irgendwas zwischen dem traditionellen nigerianischen und dem modernen biodeutschen Papa.

Auf deinem Instagram Account gibt es einen Post mit der Line „In dem Moment in dem du versuchst jemand anderes zu sein, verlierst du dich selbst”. Gibt es zu der Line ein Schlüsselerlebnis an das du gedacht hast?
Unter anderem auch die Begegnung mit dieser Frau. Obwohl wir viel gekämpft und am Ende dann doch nicht zusammen geblieben sind, ist Sie eine wirklich atemberaubende Person, viel konsequenter als ich und das es war mir hilfreich zu sehen wie man Herausforderungen lösen kann ohne im Geringsten seine Identität zu kompromittieren. Ich bin eher so der Kopf-Mensch, überreflektiert und in einigen Bereichen zwanghaft akkurat. Das Herz war bei mir in wichtigen Lebensthemen lange Zeit schlechter ausgebildet.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von Chima (@chimamusic) am Jan 25, 2020 um 11:01 PST

Das eigene Gefühl zu mir übrigens auch, weil ich ständig damit zu tun hatte den angenommenen Erwartungen und Bedürfnissen meiner Eltern oder meines inneren Kindes gerecht zu werden. Sie hingegen funktioniert eher so, „Ich fühle das nicht, dann mach‘ ich‘s nicht“, und das aber ohne dabei jemandem vorsätzlich auf die Füße zu treten. Sie hat mir wahrscheinlich dabei geholfen, dass mir nochmal klarer vor Augen zu führen wie viele Schleifen ich benötige um zu identifizieren was gut für mich ist, was nicht und wer ich überhaupt bin. Sie im Gegensatz hört gleich auf ihren ersten Impuls und schaltet alle Fremdeinwirkungen auf stumm. Das ist eine Strategie, die ich bis zu diesem Zeitpunkt kaum genutzt hatte.

Was hielt die Frau davon, dass du über sie singst?
Wir haben Ewigkeiten nicht miteinander gesprochen. Als der Song rauskam hat sie sich dann wieder gemeldet. Sie fühlte sich gewürdigt und findet das gut.

Kann man in deinem dazugehörigen Video vom sogenannten „Stockholm Syndrom“ reden?
Schwer zu sagen… bildet euch dazu am Besten eine eigene Meinung, wenn ihr das Video seht. Wir haben Ewigkeiten nach einem guten Treatment für so ein Video Ausschau gehalten. Wegen der Pandemie wollten wir ursprünglich eigentlich ein Animationsvideo drehen. Im Spätsommer konnten wir dann aber doch noch ein Video mit Darstellern drehen. Das Konzept der Produktionsfirma gefiel uns auf Anhieb und so haben wir es dann gemeinsam zu dem Video ausgearbeitet.

Wie war Corona für dich? Wie bist du klar gekommen?
In der ersten Corona Lockdown-Woche wäre eigentlich meine Akustik Tour gestartet. Zuerst war ich traurig, aber die krasse Entschleunigung hatte viele positive Nebeneffekte. In den Monaten konnte ich mich noch viel mehr auf meine Musik konzentrieren, der einzige Nachteil war, dass ich meine Freunde lange nicht sehen konnte. In einem Punkt war Corona für mich auch eine große Befreiung. Ich bin ein selbständiger, freischaffender Künstler und arbeite viel von Zuhause, was echt schwer zu organisieren ist.

Ich muss mich die ganze Zeit selbst motivieren. Oft lasse ich mich aber stattdessen ablenken, fang‘ dann lieber an Fenster zu putzen, einzukaufen, oder mich ums Kind zu kümmern bis der Tag dann wieder rum ist. Wie oft frage ich mich dann abends, was ich denn – außer blitzblanken Fenstern – den Tag über geleistet habe. Der Tag geht zu ende ohne, dass ich einen Song geschrieben habe. Mein Berufsalltag unterscheidet sich komplett von dem eines Angestellten. Im Laufe der Pandemie habe ich dann gemerkt, dass die angestellten Freunde aus meinem Umfeld so gar nicht mit Home-Office klarkommen.

Da erst fiel mir auf, dass ich dieses Problem mit der Selbstorganisation gar nicht alleine habe. Ich bin nicht die Ausnahme! Ganz vielen anderen Menschen auf dem Planeten geht es exakt genau so, wenn sie sich dann auf einmal selbst organisieren müssen. Das fand‘ ich super, es war wie ein Geschenk. Während des Lockdowns hab ich gemerkt, dass ich in Selbstorganisation gar nicht so schlecht bin.

Wegen den aktuellen Corona-Einschränkungen, die Konzerte nur schwer möglich machen, sehen wir aktuell viele Künstler im TV, die Reality-Show sonst kategorisch für sich abgelehnt hätten. Würdest du in einer Show mitmachen?
Das habe ich nicht vor. Es heißt ja, sag niemals nie. Wenn ich vom Dschungelcamp eine Millionen Euro bekäme, würde ich mir das nochmal überlegen, aber vom Ding her kann ich mir so viel Öffentlichkeit für mich nicht vorstellen. Ich würde mich auf jeden fall niemals für irgendein Showformat prostituieren. Wenn ich Bock drauf hätte ist es eine andere Sache. Ich finde, die Herausforderung im Leben ist oft die Mitte zu finden zwischen „was mache ich für mich und was muss ich für das Außen, etwa bei der Arbeit, machen”. Es gibt dabei aber Grenzen die will und kann ich nicht überschreiten.

Gibt es eine Sache die du während Corona gelernt hast?
Ich habe mehr gekocht und ich habe einen extrem starken Putzfimmel entwickelt. Ich räume gespültes Geschirr mittlerweile direkt weg, dass war zuvor keine ausgemachte Sache.

Du hast ja früher geschauspielert, hattest eine Hauptrolle in einem „Tatort„. Planst du mal wieder sowas ähnliches zu machen?
Ich bin in die Schauspielerei damals reingerutscht, weil ich den Regisseur Lars Becker privat kannte. Beim Drehen stellte sich schnell heraus, das Schauspielerei dann doch was völlig anderes als Musik machen, ist. Bei der Musik wirke ich von innen nach Außen, während ich beim Schauspielern eher äußere Erwartungen an einen Charakter nach Innen übersetzen muss. Das war schon eine Herausforderung, eine anders erfüllende und eine die mir Spaß gemacht hat.

Gibt es Brothers Keepers noch? Kommt was zu eurem 20-jährigen Jubiläum nächstes Jahr?
Ich halte guten Kontakt zu den Initiatoren Ade Odukoja und Thomas Hürtgen und die haben so ein Vorhaben noch nicht an mich rangetragen. Ich für mich persönlich kann mir eine Teilnahme an einem neuen Brothers Keepers-Song aber erst mal nicht vorstellen. Ich habe eigene Ideen für meine (schwarze) Community. Es interessiert mich heutzutage auch viel mehr, wer innerhalb der Schwarzen Gemeinschaft- über die gleiche Hautfarbe hinaus – im Geiste mit mir verbrüdert ist.

Was Ist für 2020 noch geplant?
Gesund zu bleiben und mit „Keine Liebe“ erfolgreich zu sein. Mein Album veröffentliche ich ja erst nächstes Jahr. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Geht das neue Album musikalisch eher in die „Wir können alles sein“-Richtung oder mehr in die von „Keine Liebe“?
Wie mein Sohn so schön sagt, “ Es wird wild “ und sehr autobiographisch. Ich versuche musikalisch auszutoben was sehr besonderes auf die Beine zu stellen und den Spagat zwischen popkulturell zugänglich und konfrontativ hinzukriegen.