Sonntag, 15. März 2020 11:56 Uhr

Corona-Krise: „Es sollte auch keine kleinen Veranstaltungen mehr geben“

Der legendäre Klub SO36 in Berlin. Foto: imago images / Christian Ditsch

Das gab noch nie: In Berlin liegt der Kulturbetrieb seit Samstagnacht am Boden. Außer Restaurants ist fast alles dicht. Der Grund: Das öffentliche Leben muss wegen des Coronavirus drastisch eingeschränkt werden, bevor die Zahl der Infizierten richtig nach oben schnelle. Dieser Welle müsse durch harte Maßnahmen begegnet werden, damit das Krankenhaus- und Gesundheitssystem unterm einem möglichen Ansturm nicht kollabiere.

In Berlin sind laut Gesundheitsverwaltung derzeit 216 Personen mit dem Coronavirus infiziert (Stand Freitag). Der Berliner Senat hatte dann am Samstagabend beschlossen, dass mit sofortiger Wirkung „alle öffentlichen und nichtöffentlichen Veranstaltungen ab 50 Personen“ verboten sind. Polizeiwagen rückten am Abend aus, um die Rechtsanordnung durchzusetzen. Das Verbot gilt in Berlin für Kneipen, Clubs, Spielhallen, Spielbanken, Messen, Wettannahmestellen, Fitnessstudios, Kinos, Theater, Konzerthäuser, Museen, Ausstellungen und auch Bordelle. Grundlage sei das Infektionsschutzgesetzes, Paragraf 75, Absatz 1. Verstöße gelten laut ‚Berliner Zeitung‘ demzufolge nichts als Ordnungswidrigkeiten, sondern als Straftaten.

Corona-Krise: "Es sollte auch keine kleinen Veranstaltungen mehr geben"

Berliner „Privatklub“. Foto. imago images / Christian Ditsch

Die Ausnahmen: Restaurants, die Speisen selbst , müssen bei Tischen einen Mindestabstand von 1,50 Metern garantieren. Gaststätten mit weniger als 50 Besuchern müssen eine Anwesenheitsliste mit Namen und Kontaktdaten führen und sie mindestens vier Wochen aufbewahren.

„Kompromisse sind falsch“

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (53, SPD) empfahl im RBB, Feiern wie Hochzeiten und Geburtstage abzusagen. Beerdigungen unter 50 Teilnehmern müssen mit Teilnehmerlisten geführt werden.

Die Vizepräsidentin des Deutschen Kulturrats, Ulrike Liedtke, hält eine Absage aller Kulturveranstaltungen aus Vorsorge vor dem Coronavirus für sinnvoll. „Es sollte auch keine kleinen Veranstaltungen mehr geben“, sagte Liedtke der Deutschen Presse-Agentur. „Kompromisse halte ich im Moment für falsch, wenn man die Kette der Ansteckungen unterbrechen will.“

Corona-Krise: "Es sollte auch keine kleinen Veranstaltungen mehr geben"

Berliner Polizei setzt Kneipenschließungen durch. Foto: imago images / Christian Ditsch

Sie verwies auf Kulturaktionen zum Beispiel im Internet. „Es gibt aber auch Hauskonzerte im Internet – und kulturelles Leben findet auch statt, wenn ich ein Buch lese oder wenn ich mir eine CD anhöre oder mir Theateraufführungen im Internet angucke“, sagte sie. „Das finde ich herzerfrischend, dass man nicht aufgibt und sein Konzert dann in den vier Wänden solo mit Internetübertragung spielt.“

Notfonds gefordert

Die Vizepräsidentin begrüßt die Vorsichtsmaßnahmen. „Wir sollten jetzt wirklich für zwei bis vier Wochen, das wird sich zeigen, keine Kulturveranstaltungen durchführen. Man fühlt sich auch nicht ganz wohl, wenn man jetzt in einer großen Menschengruppe im Theater säße“, sagte Liedtke, die auch Landtagspräsidentin in Brandenburg ist. „Solche Pausen gibt es auch im gesellschaftlichen Leben zum Beispiel zwischen Weihnachten und Neujahr – nicht in der Kultur, aber für viele Betriebe.“

Corona-Krise: "Es sollte auch keine kleinen Veranstaltungen mehr geben"

Ulrike Liedtke. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa

Sie hält finanzielle Hilfe vor allem für freie Künstler für notwendig. „Um die Kulturveranstalter mache ich mir weniger Sorgen, da wird man Regelungen im Rahmen der Wirtschaftsförderung finden. Aber ich mache mir Sorgen um die Kulturinstitutionen, obwohl sie ganzjährige Budgets haben, so dass man umschichten kann“, sagte Liedtke. „Die größten Sorgen mache ich mir um freie Künstler und kleine mittelständische Kulturveranstalter, wo es sofort wegbricht und wo das höchste ehrenamtliche Engagement mit im Spiel ist für wenig Geld.“ Bei ihnen könne die Lage besonders prekär werden.

Der Deutsche Kulturrat hatte am Mittwoch einen Notfallfonds für Künstler gefordert. „Das betrifft freie Künstler und einen großen Fonds für Institutionen“, sagte die Vizepräsidentin. „Dann ist es Sache der Landesregierungen zu entscheiden, wer Geld bekommt.“ Sie hoffe, dass die Kulturverbände dabei einbezogen würden. Der Deutsche Kulturrat ist der Spitzenverband der Bundeskulturverbände.

Die Bundesregierung hatte am Freitag ein Hilfspaket mit unbegrenzten Liquiditätshilfen für Unternehmen auf den Weg gebracht, die von der Corona-Krise betroffen sind. Der Kulturausschuss im Bundestag berät am 25. März voraussichtlich über Hilfspakete. Die Kulturminister der Länder hatten erklärt, sie wollten sich dafür einsetzen, dass die Kultur bei Programmen zur Stabilisierung der Wirtschaft einbezogen wird. (KT/dpa)

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