„Damengambit“: Alle sind komplett verrückt nach dem Netflix-Hit!

"Damengambit": Alle sind komplett verrückt nach dem Netflix-Hit!
"Damengambit": Alle sind komplett verrückt nach dem Netflix-Hit!

PHIL BRAY/NETFLIX © 2020

03.03.2021 22:30 Uhr

Die Mini-Serie „Das Damengambit“ ist der große Abräumer bei den diesjährigen Golden Globes – wir sagen, warum sich das Anschauen der neuen Netflix-Produktion unbedingt lohnt.

Schach, ach ja. Das Spiel macht schon optisch nicht gerade viel her. Menschen beim Denken in einem Film zuzusehen ist nur beschränkt interessant, oder?

Natürlich sind diese Überlegungen alle rhetorisch, denn die Mini-Serie nach dem gleichnamigen Roman von Walter Tevis „Das Damengambit“ hat gerade bei der Verleihung der Golden Globes eindrucksvoll bewiesen, dass diese Vorurteile totaler Quatsch sind.

"Damengambit": Alle sind komplett verrückt nach dem Netflix-Hit!

© IMAGO / ZUMA Press

Golden Globe für Anya Taylor-Joy

Ein Golden Globe für die „Beste weibliche Hauptrolle“ ging nämlich an die 24jährige Anya Taylor-Joy. Und einen zweiten gab’s in der Kategorie „Beste Miniserie“.

Anya selbst war bei der Preisverleihung nicht vor Ort – wie auch. Die Stars waren allesamt in einer Live-Schalte von überall nur digital dabei. Wer aber Anyas Gesicht gesehen hat, als ihr Name bei der Preisvergabe fiel, der sah pure Freude und Überraschung. Wir gratulieren und sagen von Herzen: Wohlverdient!

Netflix veröffentlicht einmal im Monat die Abrufzahlen. Im Dezember letzten Jahres haben „Das Damengambit“ schon 62 Mio Haushalte gesehen. Alle sieben Teile, nicht mal nur reingeschnuppert und Ahoi gesagt, sondern durchgesehen bis zum letzten Teil! Wer im Dezember mit Weihnachten oder dem bösen C zu tun hatte, hat jetzt, nach dem Golden Globe, vielleicht doch noch Lust bekommen, die Serie anzusehen.

Wir sagen, warum es sich lohnt.

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Vom Schachspiel in der Provinz bis zur Weltmeisterschaft

Der Originaltitel bei Netflix heißt „The Queen’s Gambit“. In der Welt des Schachs wird so eine der populärsten Eröffnungszüge genannt. In dem Titel der Mini-Serie ist Dame bzw. Queen doppeldeutig gemeint, einmal der Spielzug und zweitens ist der Hauptcharakter ist eine Frau/eine Dame. Elisabeth, genannt Beth, Harmon (Anya Taylor-Joy) aus dem Hinterwäldler Staat Kentucky spielt ein Schachgenie. Flott in der Hand beim Figuren setzen, fix im Kopf und sonst eher ein problematisches Wesen, so könnte Beth‘ Welt in aller Kürze umrissen werden.

Schach ist in der 1950ern ein männerdominiertes Spiel. Das interessiert Beth (Anya Taylor-Joy, „Emma“, „Split“) herzlich wenig und sie mischt die Szene richtig auf. Sie startet nicht als Frau, die sagt „Euch werde ich es zeigen“, nein, sie ist ein merkwürdiges, gehemmtes und auch spleeniges junges Mädchen. Also knapp gesagt, ob sie Schach toll finden oder nicht ist piep-egal. Es geht um Beth und ihre Geschichte ist richtig packend.

Beth will ganz hoch hinaus!

Als ob der 50er Jahre nicht schon prüde genug waren, spielt „Das Damengambit“ auch noch in den USA. Beth ist zarte 9 Jahre jung, als sie auf verquarzten Schachtunieren auftaucht und für Verwirrung sorgt. Bei den rauchenden Typen kommt das zielstrebige Mädchen überhaupt nicht gut an. Stört Beth aber nicht. Man fragt sich hin und wieder bei den Bildern, was an der Zusammensetzung nicht stimmt – wie bei den Bildern „Finden Sie die 7 Unterschiede“. Aber von Anfang an ist der/die Zusehende auf Beth‘ Seite!

Die Drama-Serie zeigt dann auch, aus welchem „Stall“ das junge Talent kommt und ab da wird es herzig – auch nicht schlecht fürs Gemüt. Beth ist Waise und in ihrer Unterkunft schmeißt der ebenso widerborstige Hausmeister Mr. Shaibel (Bill Camp) den Laden. Drei, zwei eins ist klar, dass Beth ihre Aufgabe im Leben gefunden hat. Sie will den Weltmeistertitel.

KEN WORONER/NETFLIX © 2020

Die Crux an der Sache

Leider sind wir im „Damengambit“ aber nicht in der Produktion „Unsere kleine Farm“, wo die Probleme sehr klein und sehr übersichtlich sind. Beth will und kann sehr gut Schach spielen. Sie pfeift auf Konventionen, aber wie jede interessante Figur braucht sie Hemmnisse, sonst sieht ja keiner am Bildschirm zu. Beth hat vor allem Verhaltensauffälligkeiten. Im Waisenhaus wurden Kinder von Medikamenten abhängig gemacht. Ist einfacher so im Handling, warum sich Mühe geben, wenn ein paar bunte Pillen machen, dass ein Kind Ruhe gibt! Im Erwachsenenalter kommt dann noch der falsche Freund Alkohol dazu. Brisante Mischung, nicht wahr? Also eine notorisch süchtige Schachspielerin.

Schauspielerin Anya Taylor-Joy ist gar nicht genug zu würdigen, wie sie das glaubwürdig hinbekommt. Nun ja, ein Golden Globe als Beste Hauptdarstellerin ist eine sehr hübsche Anerkennung.

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Von Turnier zu Turnier

Das Wunderkind ist im Schach-Zirkus gefragt. Sie reist um die Welt, etabliert ihren Namen und stürzt privat ab. Die schwierige Reise ist eine innere und die heißt Selbsterkundung und Selbstsabotage. Autsch!

Damit sind wir am Kern des 7-Teilers angelangt. Trauer, Verlust und Misshandlungen in der Kindheit holen Beth immer wieder ein und ziehen sie runter bis zur Selbstaufgabe. Im „Damengambit“ geht es um Widerstandsfähigkeit, mal subtil, mal weniger, aber immer glaubwürdig dargestellt.

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Deutsches Händedouble

Die Macher von „Das Damengambit“ haben Schachweltmeister Anatoli Karpow (Weltmeister 1975-1985) engagiert. Für die Aufnahmen beim Speed-Schach wurde das Ziehen der Figuren mit den Händen der deutschen Schachspielerin Filiz Osmanodja gedoubelt. Das Hände-Double eines Profis war notwendig, denn es reicht nicht, das eine Schauspielerin diese imitiert – womit wir wieder beim denkenden Menschen wären. In der „Süddeutschen“ vom 22. Dezember 2020 wird im Interview mit der deutschen Schachspielerin erklärt, dass es einen Riesenunterschied macht, ob eine Schauspielerin, sprich Laie eine Figur zieht, oder ein Profi.

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Filiz Osmanodja 2007. G IMAGO / photoarena/Eisenhuth

Diese Sorgfalt bestimmt die 7-teilige Serie „Das Damengambit“ und hat sich sowohl in den Zuschauerzahlen als auch jetzt mit dem Golden Globe ausgezahlt.

Zu sehen auf Netflix. Mit: Anya Taylor-Joy (umwerfend in „Emma“), Thomas Brodie-Sangster („Tatsächlich Liebe“), Moses Ingram („Lady Macduff“), Bill Camp („The Night Of“), Harry Melling („The Old Guard“) und Isla Johnston als junge Beth. (Kinotante Katrin)

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