Freitag, 27. März 2009 19:31 Uhr

Das peinliche Ende einer Phantom-Jagd

Ein Phantom ging um in Deutschland; es schreckte und faszinierte. Alles begann mit dem kaltblütigen Kopfschuss auf eine junge Polizistin in Heilbronn. Spuren wurden gesammelt, darunter auch die Gene einer Frau – offenkundig der Täterin. Jetzt stellt sich heraus, dass wohl verunreinigte Wattestäbchen die kriminalistische Suche über lange Jahre in die Ergebnislosigkeit führten. Seitdem bemühen sich Innenminister und Polizeipräsidenten zu versichern, dass diese Erfahrung weder die Gentechnologie und die darauf aufbauende DNS-Analyse – die Buchstabenfolge steht für Desoxyribonukleinsäure – als Beweismittel in Frage stellt, noch dürfen überführte Täter darauf hoffen, in einem neu aufgerollten Verfahren doch noch weißgewaschen zu werden. Denn die DNS-Analyse steht als Beweismittel selten allein. Die Lehren aus der Selbsttäuschung können nicht dahin gehen, die Biotechnologie, auf der die DNS- Analyse basiert, in Frage zu stellen. Natürlich gilt es für die polizeilichen Fahnder, Konsequenzen aus dem Phantom-Fall, der keiner war, zu ziehen. Sie müssen noch sorgfältiger als ohnehin arbeiten. Andere aber gehen an uns alle, die wir Teil einer technik-gläubigen und technik-abhängigen Zivilisation sind. Der Untat von Heilbronn waren immer wieder andere Verbrechen gefolgt. Wieder und wieder bewiesen die DNS-Spuren angeblich, dass die grausige Rächerin zugeschlagen hatte; insgesamt an die vierzigmal. Was jedoch auffallend fehlte, war die logische und psychologische Verknüpfung der Untaten. Es gab kein erkennbares Handlungsmuster. Und selbst die minderen Begleitumstände wiesen in verschiedene Richtungen. Außer den Ergebnissen der DNS-Prüfung wollte nichts zusammenpassen. Hohe kriminelle Energie wurde daher der vermeintlichen Täterin bescheinigt, wenn nicht gar die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Scheinbar wahllos, einmal in Österreich, ein anderes Mal an der Saar und im Rheinland, quer durch die Republik schien das Phantom sein böses Werk zu verrichten. Und immer wieder schienen die DNS-Analysen, die selbst geringste Spuren – ob Blut, Schweiß, Haut oder Haar – einer einzigen Person zuordnen können (einzige Ausnahme bei eineiigen Zwillingen wie jüngst beim Einbruch ins Berliner KaDeWe), zu bestätigen, dass dieselbe Täterin am Werk war. Während das Phantom gesucht wurde, lachten sich die wirklichen Täter ins Fäustchen. Bei allen positiven technischen Neuerungen – Allheilmittel sind sie alle nicht. Blindes Vertrauen schließt Fehlschlüsse ein. Aus ihnen ist immer wieder neu zu lernen. Die Glaubwürdigkeit der Polizei und die Verlässlichkeit der Gerichte sind ein kostbares Gut. Groß ist denn auch die Zahl der Verbrechen, die dank DNS unstrittig aufgeklärt werden. DNS kann umgekehrt aber auch unschuldig Verurteilte rehabilitieren. In den USA hat das bereits eine neue Diskussion um die Todesstrafe ausgelöst. Technologie fasziniert und verführt. Das Phantom mahnt, dass der menschliche Geist Herr des Verfahrens bleiben muss. (Berliner Morgenpost)

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Nach Informationen der Heilbronner Stimme stammen die Wattestäbchen, die für die DNA-Analyse im Polizistenmordfall verwendet wurden, beziehungsweise die Baumwolle, aus der sie hergestellt werden, aus dem asiatischen Raum. Eine Firma aus Lübeck, die unter anderem Sockelleisten produziert, liefert die fertigen Sticks an die  Firma Böhm Kunststofftechnik im fränkischen Tettau. Dort werden sie in Kunststoffröhrchen verpackt, und zum Lieferanten der baden-württembergischen Polizei, der Greiner Bio One GmbH in Frickenhausen im Landkreis Esslingen,  geschickt.

    „Die Fehlerkette für Verunreinigungen ist viel länger“, sagte ein Vertreter der Geschäftsleitung von Böhm. „Es ist gar nicht sicher, dass die Verunreinigungen von uns stammen. Die Baumwolle könnte schon vorher kontaminiert worden sein.“

    Das Unternehmen Böhm habe außerdem nie die Vorgabe von ihrem Auftraggeber – der Greiner Bio One GmbH –  gehabt,  DNA-freie   Stäbchen zu produzieren.  Durch Verunreinigungen dieser Sticks sind die Heilbronner Polizistenmordfahnder  fast zwei Jahre lang einer falschen Fährte – dem Phantom – aufgesessen.

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