Mittwoch, 14. Februar 2018 14:58 Uhr

Deniz Yücel seit einem Jahr in Haft: „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“

„Dieser Ort“, schreibt Deniz Yücel im Februar 2017 aus dem Polizeigewahrsam in Istanbul, „hat keine Erinnerung. Alle, die ich hier kennengelernt habe – kurdische Aktivisten, Makler, Katasterbeamte, festgenommene Richter und Polizisten, Gangster – alle haben mir gesagt: ‚Du musst das aufschreiben, Deniz Abi.‘ Ich habe gesagt: ‚Logisch, mach ich. Ist schließlich mein Job. Wir sind ja nicht zum Spaß hier'“.

Heute ist das Buch Wir sind ja nicht zum Spaß hier: Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte (Nautilus Flugschrift) des außerordentlich klugen und vor allem unbeugsamen Zeitgenossen erschienen.

Deniz Yücel seit einem Jahr in Haft: "Wir sind ja nicht zum Spaß hier"

Foto: Edition Nautilus

Seinem Job als Journalist kann er seither nicht nachgehen. Denn er sitzt in der Türkei in Untersuchungshaft – davon neun Monate in einer Einzelzelle. Alle Anstrengungen seiner Anwälte, seiner Freunde und Kollegen in Deutschland wie in der Türkei, internationaler Journalistenorganisationen und der Bundesregierung seine Freilassung zu erwirken, sind bisher gescheitert. Nicht einmal eine Anklageschrift liegt bislang vor. Doch die Stimme des „Welt“-Journalisten lässt sich nicht wegsperren.

In einer ziemlich mühsamen „Kommunikation“ über seine Anwälte und zusammengestellt von der deutsch-kroatischen Journalistin Doris Akrap hat er eine Auswahl aus seinen Texten aus den vergangenen 13 Jahren zu einem ebenso klugen wie unterhaltsamen und in jeder Hinsicht abwechslungsreichen Buch zusammengestellt – Reportagen, Satiren, Polemiken, Kommentare, Glossen und andere „Gebrauchstexte aus dem Handgemenge“. Außerdem gibt es zwei Stücke, die er im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9 hierfür verfasst hat, sowie einen Beitrag seiner Frau, der Fernsehproduzentin und Lyrikerin Dilek Mayatürk Yücel.

„Scheißefinden und Besserwissen“

Ob es um Journalismus geht – „Scheißefinden und Besserwissen“ –, um unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund – „Mathe für Ausländer“ –, um ganz Allgemeines wie „Biokoks und Surenbingo“ oder, natürlich, um die Türkei – „Der Chef, der Putsch und der Park“: Bei Yücel geht bissige Gesellschaftskritik mit einer klaren Analyse der harten Fakten einher.

„Aber wir sind ja nicht zum Spaß hier“: Mit diesem Buch spricht der Verlag Edition Nautilus seinem „Autor und Freund“ sein „Solidarität aus und fordern die sofortige Freilassung Deniz Yücels und aller in der Türkei inhaftierten Journalistinnen und Journalisten“.

Foto. Edition Nautilus

Foto. Edition Nautilus

Übrigens: Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim deutete heute in einem Interview kurz vor seinem Besuch bei Kanzlerin Merkel mit den ARD-Tagesthemen an, in dem Fall des inhaftierten Journalisten werde es „in kurzer Zeit eine Entwicklung geben“. Er betonte aber, dass darüber nicht die Regierung, sondern die Justiz zu entscheiden habe. Die aber hat sich seit 12 Monaten nicht gerührt. Darüber lacht halb Deutschland …

Zur Person

Deniz Yücel, 1973 als Kind türkischer Einwanderer in Flörsheim am Main geboren und seit Mai 2015 Türkei-Korrespondent der Welt. Hat in Berlin Politikwissenschaft studiert und vor seinem Wechsel zur Welt als Redakteur der „tageszeitung“ und zuvor der Wochenzeitung „Jungle World“ sowie als freier Autor für verschiedene Medien gearbeitet. Mitgründer der preisgekrönten antirassistischen Leseshow Hate Poetry. 2014 erschien in der Edition Nautilus sein erstes Buch „Taksim ist überall – Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei“ (erweiterte Neuausgabe April 2017).
Im Februar 2017 wurde Deniz Yücel in Istanbul verhaftet und sitzt seither im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9. Dort heiratete er seine Lebensgefährtin Dilek Mayatürk.

 

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