06.07.2020 07:58 Uhr

Der Dalai Lama: Wenn ein Gott lächelt

Der Dalai Lama feiert seinen 85. Geburtstag. Ein Leben voller Lächeln, Sanftmut, göttlicher Verehrung und zwischen Filmstars und Politikern.

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Er lächelt. Das ist keine Momentaufnahme, denn er lächelt immer, vermutlich sogar im Schlaf. Die Welt liebt sein Lächeln, also liebt sie auch ihn. Gäbe es eine Wahl zum sympathischsten Menschen der Welt – der lächelnde Dalai Lama wäre der große Favorit. Sein Lächeln macht ihn scheinbar alterslos. Eigentlich sah er schon immer so aus wie heute, und wahrscheinlich ist er rein äußerlich auch in zehn Jahren um keinen Deut gealtert. Am heutigen Montag wird er 85 Jahre alt.

Dalai Lama ist der offizielle Titel des geistigen Oberhaupts Tibets. Bis Ende der 1950er-Jahre war er auch der weltliche Herrscher, dann gewannen die kommunistischen Volkschinesen unter Mao Zedong (1893-1976) die endgültige Kontrolle über das Himalaya-Land, und der Dalai Lama floh ins Exil und gründete im nordindischen Dharamsala eine tibetische Exilregierung.

Wer ist der Dalai Lama?

Der 14. Dalai Lama (seit 1474) wurde am 6. Juli 1935 in einem kleinen Dorf im Nordosten Tibets unter dem Namen Lhamo Döndrub als zweiter Sohn von insgesamt 16 Kindern einer Bauernfamilie geboren. Er war noch nicht einmal zwei Jahre alt, als ihn eine Delegation von vier buddhistischen Mönchen nach mystischen Visionen und Orakelsprüchen als Wiedergeburt des 1933 verstorbenen 13. Dalai Lama ausfindig gemacht hatte.

Das Kind wurde von seiner Familie und dem Provinzgouverneur freigekauft. Sie nahmen es mit in die Hauptstadt Lhasa, dort erhielt er als vierjähriger Mönch den Namen Jetsün Jampel Ngawang Lobsang Yeshe Tendzin Gyatso – „Heiliger Herr, gütiger Herr, mitfühlender Verteidiger des Glaubens, Ozean der Weisheit“ – und wurde am 22. Februar 1940 im Potala-Palast als 14. Dalai Lama inthronisiert. Zehn Jahre später erklärte man Tendzin Gyatso auch zum weltlichen Herrscher über Tibet. Soweit die historischen Daten.

Nach der Flucht eroberte der junge Mann mit seinem Lächeln die Welt außerhalb des Einflussbereiches der Volksrepublik China, die ihm auch nach über sechs Jahrzehnten spinnefeind gesonnen ist. Die Frage, ob der Dalai Lama nun politisch naiv oder gewitzt sei, war schnell beantwortet – mit seinen eigenen Worten: „Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche mal zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.“

Als er schließlich 2011 jeglicher politischen Macht entsagte, hatte er endgültig eine gottähnliche Stufe als höchste Instanz für Gewaltlosigkeit, Frieden und Toleranz erklommen. Und er gibt sich, natürlich lächelnd, als jedermanns Freund. „Ich bin für Sie, was Sie wollen, das ich für Sie bin“, soll er laut „Spiegel“ gesagt haben. Solche Sprüche hören die Menschen weder von Politikern noch von anderen Religionsführern. Mittlerweile bedeutet die Freundschaft zum Dalai Lama, dem Friedensnobelpreisträger von 1989, ein unvergleichliches Renommee und eine hohe moralische Auszeichnung. Wer wäre da nicht gerne sein Freund?

Sein Freund Richard Gere

Hollywoodstar Richard Gere (70) ist seit langem mit ihm befreundet. 2018 ließen der konvertierte Buddhist und seine schwangere dritte Ehefrau Alejandra Silva ihr ungeborenes Kind von Tendzin Gyatso segnen. Gere lebt zeitweise in einem Haus in Dharamsala, er hat in New York das Tibet-Haus gegründet und unterstützt die Exilregierung des Freien Tibets. Als er im Rahmen der Oscarverleihung 1993 Chinas Tibet-Politik kritisierte, erklärten die unversöhnlichen Chinesen den Dalai-Lama-Freund zur persona non grata.

Die Freundschaft zu einem Österreicher

Besonders freundschaftliche Beziehungen unterhält der Dalai Lama zum deutschsprachigen Raum. Diese Verbundenheit liegt in erster Linie an dem Österreicher Heinrich Harrer (1912-2006). Der Bergsteiger, Forschungsreisende und Autor aus Kärnten war ab 1939 auf einer deutschen Himalaya-Expedition, als er mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs von den Briten in Indien interniert wurde. Nach seiner Flucht aus dem Lager schlug er sich bis nach Tibet durch und lernte schließlich 1946 in der damals verbotenen Stadt Lhasa den jungen, gerade mal elfjährigen Dalai Lama kennen, der wie ein Gott verehrt wurde.

Harrer wurde sein Lehrer und unterrichtete Tendzin Gyatso in Englisch, Geografie und Mathematik. Er richtete dem kindlichen Mönch sogar ein Privatkino ein. Es entwickelte sich eine Freundschaft, die Leben lang halten sollte.

1952 kehrte Heinrich Harrer in seine Heimat zurück und schrieb das Buch „Sieben Jahre in Tibet. Mein Leben am Hofe des Dalai Lama.“ Es wurde in 53 Sprachen übersetzt und 1997 mit Brad Pitt (56) in der Hauptrolle verfilmt. Der Kontakt zu Tendzin Gyatso riss nie ab. 1992 besuchte der Dalai Lama seinen Freund Harrer zu seinem 80. Geburtstag im Kärntner Heimatort Hüttenberg, 2002 kam er zu seinem 90. Geburtstag, und 2006 legte er, vier Monate nach dem Tod Harrers, den Grundstein zum Tibet-Zentrum Hüttenberg.

Der Dalai Lama ist auch mit einem ehemaligen deutschen Spitzenpolitiker befreundet, der als nicht besonders zimperlich galt und bei einem Wahlkampf schon mal mit einer Unterschriftenaktion gegen Ausländer und die doppelte Staatsbürgerschaft antrat. Mit dem früheren hessischen Ministerpräsident Roland Koch (62) begegnet ein eher robuster Mensch der Sanftmut des Buddhisten. Erstaunlicherweise harmoniert das seit fast 40 Jahren.

So feierte Koch mit Tendzin Gyatso dessen 70. Geburtstag mit 20.000 Menschen im Kurpark von Wiesbaden. Das Motto: „Freunde für einen Freund.“ Koch besuchte den Dalai Lama auch in Dharamsala. Da trug der überzeugte Katholik brav den weißen tibetischen Gebetsschal, den ihm Tendzin Gyatso vor Jahren geschenkt hatte, über seinem dunklen Anzug.

(ln/spot)

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