Montag, 25. Juni 2018 21:27 Uhr

Deutsche Bäckerei in New York schließt nach 116 Jahren

Seit 1902 bedient „Glaser’s Bake Shop“ Naschkatzen in New York. Die Nachkommen der aus Bayern eingewanderten Familie backen auf Wunsch Schwarzwälder Torte, Bienenstich und Lebkuchen. Mit der Schließung verliert die US-Metropole ein Stück deutsche Geschichte.

Deutsche Bäckerei in New York schließt nach 116 Jahren

Co-Besitzer Herbert Glaser im Backraum vom „Glaser’s Bake Shop“. Foto: Stephanie Ott

Unzählige deutsche Immigranten und viele deutsche Geschäfte gab es einst im New Yorker Stadtteil Yorkville. Heute gehören fast alle deutschen Einrichtungen in dem Viertel an der Upper East Side der Vergangenheit an. Mit einer Ausnahme: „Glaser’s Bake Shop“. Die deutsche Bäckerei bedient seit dem 2. April 1902 New Yorker Naschkatzen. Nach 116 Jahren wird nun auch „Glaser’s“ schließen, am 1. Juli ist es so weit.

„Es war eine schwierige Entscheidung“, gesteht Co-Besitzer Herbert Glaser auf Englisch im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Ich habe hier 43 Jahre lang gearbeitet. Ich bin müde. Man muss stundenlang auf den Beinen stehen und die Arbeit wird schwieriger, wenn man älter wird. Es ist Zeit, in Rente zu gehen.“ Deshalb verkaufen die Glasers ihren Laden.

Eine lange Schlange zieht sich durch das Geschäft, dessen Einrichtung seit 1918 nahezu unverändert blieb. „Seit wir unsere Schließung angekündigt haben, haben wir so viel zu tun wie noch nie“, erzählt der 65-jährige Glaser, der das Unternehmen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder John führt. Aus dem Ofen dringen Plätzchendüfte, während im Hintergrund Opernmusik spielt.

Schwarzwälder Torte und Bienenstich in bar bezahlen

Auf Anfrage backen die Glasers deutsche Leckereien wie Schwarzwälder Torte, Bienenstich, Stollen, Lebkuchen und Makronen, für die Kunden bar bezahlen müssen. Man munkelt sogar, dass hier die vor rund 100 Jahren die berühmten „black and white cookies“ kreiert wurden, die in Deutschland „Amerikaner“ genannt werden.

Das Familienunternehmen blickt auf eine lange Geschichte zurück. Herberts Großeltern John Herbert und Justine Glaser stammten aus dem bayrischen Waldsassen. Um 1890 machten sie sich per Schiff auf den Weg nach Amerika. Als gläubige Christen besuchten sie eine deutsch-katholische Kirche in Yorkville, wo sie schließlich ein Gebäude kauften. Darin eröffneten sie 1902 ihre Bäckerei, die von Generation zu Generation weitergereicht wurde.

Deutsche Bäckerei in New York schließt nach 116 Jahren

Kunden im „Glaser’s Bake Shop“. Die deutsche Bäckerei wurde am 2. April 1902 eröffnet. Foto: Stephanie Ott

„Dass wir das Gebäude besitzen, ist der einzige Grund, warum wir so lange im Geschäft bleiben konnten,“ meint Glaser, der noch immer in der Wohnung über der Bäckerei lebt. Der Sohn eines deutschen Vaters und einer irischen Mutter sagt: „Eine kleine Familienbäckerei wie unsere kann sich in Manhattan nicht halten.“

Seit 58 Jahren Kunde

Anwohner Richard Lynch ist enttäuscht, dass Glaser’s bald schließen wird. Er besucht die Bäckerei seit 58 Jahren. Bepackt mit einem Beutel „Scones“ – ein kugelförmiges, vermutlich aus England stammendes Gebäck – erzählt der 80-Jährige: „Vieles hat sich verändert, die Mietpreise hier sind in die Höhe geschossen. Vor ein paar Jahrzehnten war die Gegend noch deutsch, mit Brauereien, Metzger und Restaurants. Damals konnte man in Lederhosen herumspazieren.“

Deutsche Bäckerei in New York schließt nach 116 Jahren

Pamela Davenport (79) im „Glaser’s Bake Shop“. Die gebürtige Britin arbeitet seit 20 Jahren hier. Foto: Stephanie Ott

Immigranten plauderten in Deutsch auf der Straße, deutsche Filme wurden im Deutschen Theater aufgeführt und abends tanzten Einwohner beschwingt zu Volksmusik auf Tanzdielen. Auf der 86. Straße in dem Viertel, scherzhaft „Sauerkraut Boulevard“ genannt, reihten sich deutsche Restaurants aneinander wie das „Bavarian Inn“, die „Lorelei Dance Hall“, „Kleine Konditorei“ und „Café Geiger“. Und auch die deutsche Bäckerei „Kramer’s Pastries“, die 1999 schließen musste.

„Das Viertel verliert einen echten Schatz“

Pamela Davenport, 79, meint: „Kleine Familienunternehmen sind heutzutage eine Seltenheit.“ Die gebürtige Britin arbeitet seit 20 Jahren bei Glaser’s. „Ich habe hier Kinder großwerden sehen. Das Viertel verliert einen echten Schatz.“

Obwohl ihm der Abschied schwerfällt, freut sich Glaser auf den Ruhestand. Er hat Deutschland zweimal besucht, vor allem München und eine Donaufahrt haben ihm gefallen. „Ich habe leider nie Deutsch gelernt“, erzählt er, fügt aber schmunzelnd hinzu: „Wenn ich in Rente gehe, habe ich endlich Zeit für einen Sprachkurs.“ (Stephanie Ott, dpa)

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