Freitag, 13. Oktober 2017 21:56 Uhr

Diana Müll: „Du sollst nach vorne kommen. Sie wollen dich erschießen!“

Diana Müll ist 19 Jahre alt und eine von acht jungen Frauen, die 1977 als Preis für eine gewonnene Misswahl zu einem einwöchigen Urlaub nach Mallorca eingeladen wurden. Hinter ihr liegt eine sorgenfreie Woche voller Spaß und Partys und eine durchfeierte Nacht, vor ihr die schrecklichste Zeit ihres Lebens. In einem fliegenden Sarg.

Diana Müll: "Du sollst nach vorne kommen. Sie wollen dich erschießen!"

Foto: Riva/Axel Springer Verlag

Es ist der 13. Oktober des berüchtigten Deutschen Herbstes 1977. Vier palästinensische Terroristen kidnappen die Lufthansa-Maschine „Landshut“ auf ihrem Rückflug von Mallorca nach Frankfurt, um die in Deutschland inhaftierten Terroristen der Baader-Meinhof-Gruppe freizupressen. Eine fünftägige Hölle aus Terror und Todesangst, die mehr als 80 Geiseln an Bord durchleiden – eine von ihnen ist Diana.

In einem neuen Buch aus dem Münchener Riva-Verlag (das wir weiter unten auch verlosen) schildert Diana Müll in erschütternden Details die Entführung, die fünf Tage Geiselhaft an Bord der Lufthansa-Maschine Landshut und ihre dramatische Rettung. Hier ein gekürzter Auszug aus dem erschütternden Tatsachenbericht.

Die verhasste Stimme des Anführers

Ich hatte gerade die Augen geschlossen, als es in den Bordlautsprechern knackte und kurz darauf die Stimme unserer Stewardess Gaby Dillmann zu hören war. Sie forderte auf Geheiß der Entführer alle Frauen auf, ihre Nylonstrumpfhosen auszuziehen und abzugeben. Alle, die tatsächlich welche anhatten, taten das, und dann kamen die Stewardessen, die Dicke und die zierliche kleine Terroristin. Sie gingen durch die Sitzreihen und sammelten die Strumpfhosen ein.

Was konnte das nur wieder bedeuten? Wir konnten uns keinen rechten Reim darauf machen, aber wieder einmal standen die innerlichen Alarmzeichen auf Rot. Kurz darauf dröhnte wieder die verhasste Stimme aus den Lautsprechern. Mahmud war im Gang zur ersten Klasse aufgetaucht und schrie mit seiner heiseren, sich ein ums andere Mal überschlagenden Stimme ins Mikrofon. Er tobte. Die Maschine werde nicht voll aufgetankt, obwohl er es mehrfach verlangt habe. Er werde es jetzt noch einmal versuchen, dann müssten wir die Konsequenzen tragen.

Wenn sie nicht auftanken, werden Passagiere erschossen

Er verschwand nur kurz, offenbar, um erneut mit dem Tower in Dubai zu verhandeln, dann war er schon wieder letzter Versuch gewesen, brüllte er heiser. Wenn nun nicht aufgetankt würde, dann werde er die ersten Passagiere erschießen. Solange, bis man seinen Forderungen nachkäme.

Jan, Freda und ich sahen uns an. Ich konnte den Schrecken auf ihren Gesichtern sehen. Ich sah zu Martina ru?ber, die völlig in sich eingesunken in ihrem Sitz kauerte,bleich und nahezu abwesend. Mahmuds Worte gingen durch Mark und Bein. Ich glaube heute noch, keiner an Bord zweifelte zu diesem Zeitpunkt daran, dass er seine Drohung wahr machen würde. Ich konnte und wollte aber nicht glauben, dass diese Menschen da draußen in diesem fremden Land das wirklich zulassen würden. Sie waren doch Menschen, keine Terroristen, sie konnten das einfach nicht zulassen. Sie mussten – nein, sie würden auftanken, ganz bestimmt! Doch Mahmud war noch nicht zu Ende und seine letzten Worte schienen einem mit scharfer kalter Klinge die Luft abzuschneiden: Er werde nun die ersten Passagiere nach vorne kommen lassen. Ende der Durchsage. (…)

Worte, die womöglich meinen Tod bedeuteten

Meine halbmexikanische Abstammung hatte mich immer schon zu jemandem gemacht, der optische Aufmerksamkeit erregte. Meine schwarzen Haare, meine braunen Augen und mein eher dunkler Teint waren nicht nur im kleinen hessischen Daubringen auffällig genug, dass mich Menschen aus einer Gruppe meist schnell herausfiltern konnten. Und so stoppte der Schöne natürlich an unserer Sitzreihe. Er fragte zunächst die blonde Martina nach ihrem Alter. „Ich bin sechzehn.“

Diana Müll: "Du sollst nach vorne kommen. Sie wollen dich erschießen!"

Foto: Riva

Wortlos wandte er sich ab und sah zu mir. „How old are you?“ „Nineteen.“ Meine Stimme war fest, aber ich hatte das Gefühl, als spräche jemand anderes. „Come on“, sagte er und forderte mich auf, mit ihm zu gehen. Das waren also die Worte, die möglicherweise meinen Tod bedeuteten. Mein Innerstes war von einer Sekunde zur anderen wie eingefroren. Schockgefrostet in diesem Moment, der da war, aber nicht da sein konnte. Mein Verstand weigerte sich, das zu akzeptieren, das Unbeschreibliche zuzulassen. Ich reagierte nur noch mechanisch. Ich stand auf. Ich fühlte mich dabei schwer wie ein Fels.

Mein eigenes Gewicht schien für mich untragbar, aber ich funktionierte einfach. Nur ganz im Hintergrund, wie durch Nebel, realisierte ich, dass auch Jan ausgesucht wurde, mit nach vorne zu kommen. Es hatte in diesem Moment alles keine Bedeutung mehr. Zeit und Raum lösten sich auf, mein Kopf war leer, ich fühlte nichts, es gab kein Echo in mir, alles schien tot, nur meine Beine bewegten sich.

Wer stirbt zuerst?

Unmittelbar vor dem Cockpit saß Mahmud, lässig und herablassend thronte er auf einem Sitz. Vor ihm auf dem Boden kniete bereits unser Flugkapitän Schumann. Dann mussten Jan und ich ebenfalls in die Knie gehen, hinter mir Gaby Dillmann, die Stewardess. Wer würde zuerst sterben? Wer zuletzt? Unser geplanter Tod wurde durchnummeriert. Mit sadistischer Freude über dieses neue Machtspielchen vergab der Terrorchef die Nummern. Ich sollte an zweiter Stelle erschossen werden, Jan war der Erste. Mahmud faselte etwas von einer letzten Frist. Wenn die verstrichen sei, müssten wir wiederkommen. Dann eskortierte uns der Schöne zurück zu unseren Sitzen. (…)

Dann kam sie, die Durchsage: Jans Nummer wurde aufgerufen. Er sollte jetzt nach vorne kommen.(…) Was passierte da vorne bloß? Was machten sie mit ihm? Aus Sekunden wurden Minuten, das Warten auf das Unvermeidliche, das Endgültige, war Folter! Dann geschah das Unglaubliche. Der Vorhang bewegte sich, ging auf und wir sahen in Jans Gesicht. Offenbar stand er völlig unter Schock. Seine Gesichtsfarbe war wächsern, seine Augen starrten ausdruckslos in eine für uns nicht sichtbare Ferne. Er lief mechanisch, wie eine Marionette an Schnüren gezogen.(…) Jetzt endlich war er bei uns angekommen. Ich sah ihm ins Gesicht, ich wollte seine Hand drücken, ihm am liebsten mit Freda um den Hals fallen, doch irgendetwas stimmte nicht. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen seine Augen mein Gesicht. Doch als er anfing zu sprechen, ging sein Blick wieder ins Nirgendwo. Dann erledigte er die Aufgabe, die sie ihm vorne aufgetragen hatten: „Ich soll dir sagen, dass du die Erste bist, die sie erschießen wollen. Du sollst nach vorne kommen – jetzt!“

klatsch-tratsch.de verlost 3 Bücher von Diana Müll

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