13.07.2020 23:03 Uhr

Die Kino-Krise ist längst nicht vorbei – das Interview

Wie geht es den Kinos bundesweit? Ein Interview mit der Vorstandsvorsitzenden vom HDF Kino zeigt: Die Krise ist längst nicht vorbei.

Blue Planet Studio/Shutterstock

Wegen der Corona-Pandemie mussten die Kinos in Deutschland monatelang schließen. Nun sind sie wieder geöffnet. Aber die Krise ist noch lange nicht überwunden, wie Christine Berg vom Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF Kino) im Interview der Deutschen Presse-Agentur berichtet.

Das größte Problem seien die Abstandsregelungen. Doch auch besucherstarke Filme fehlen noch. Die Zukunft könnte düster aussehen.

Die Kino-Krise ist längst nicht vorbei - das Interview

Foto: Mike Auerbach/Photography Auberbach/dpa

Seit Anfang des Monats können bundesweit nun alle Kinos wieder öffnen. Haben Sie hierzu eine erste Bilanz? Wie sieht es mit den Besucherzahlen aus?
Wöchentlich machen mehr Kinos auf und die Besucherzahlen steigen, was uns sehr freut. In der letzten Woche hatten wir über 200.000 Besucher und mit dem Kinderfilm „Meine Freundin Conny“ und Christian Petzolds „Undine“ auch einige neue Starts. Das Publikum dankt es den Kinos, dass neben den Klassikern nun auch neue spannende Filme zu sehen sind. Allerdings müssen wir auch ehrlich sein: Wir haben einen Besuchereinbruch von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wir haben also noch eine weite Strecke vor uns!

Welche Rolle spielen dabei die Abstandsregelungen, womit die meisten Plätze in einem Kinosaal gesperrt bleiben?
Die Abstandsregelungen sind unser größtes Problem. Es gibt in den Bundesländern weiterhin unterschiedliche Vorgaben, mal gibt es eine Begrenzung der Personenzahl, mal eine Maskenpflicht auch im Saal. Die 1,50 Meter Abstand im Saal bestehen weiter. Das ist für uns nicht nachvollziehbar, denn Menschen, die ins Kino gehen, sitzen und schauen nach vorn. Es wird weder geredet noch gesungen oder ähnliches. In unseren Nachbarländern Österreich, Schweiz, Frankreich gilt für Kinos und Theater übrigens nur ein Meter Abstand. Aber wenn wir weiterhin mit weniger als 20 Prozent Auslastungsmöglichkeit auf dem Markt sind, werden größere publikumsstarke Filme weiterhin fehlen. Das ist ein Teufelskreis, den wir unbedingt durchbrechen müssen, wenn wir die Vielfalt der Kinos erhalten wollen.

Was sind hierzu die Forderungen der Kinobetreiber an die Politik?
In Bezug auf die Abstandsregeln haben wir mit der Staatsministerin Monika Grütters eine große Mitstreiterin, sie macht sich überall für die Reduzierung auf einen Meter stark. Nun sind die Bundesländer gefordert. Es ist nicht nachvollziehbar, warum sie keine einheitliche Regelung finden.

Seit einigen Wochen kommen wieder regelmäßig neue Filme in die Kinos. Reicht das derzeitige Angebot, um ausreichend Besucher in die Kinos zu ziehen?
Es freut uns, dass es inzwischen erste neue Filme gibt, die auch Besucher ins Kino locken. Aber das reicht bei weitem nicht aus. Für das Kino, aber auch für das Publikum ist es essenziell, dass jetzt sehr bald weitere besucherstarke Filme kommen. Frankreich macht es uns vor. Hier werden innerhalb kurzer Abstände gleich zwei französische Filme gestartet. Auch wir setzen jetzt verstärkt auf den deutschen Film und hoffen, dass die Gespräche mit den Verleihern dazu führen, große neue Filme zeitnah zeigen zu können. Schließlich ist es ja im Interesse aller Beteiligten, dass das Kino wieder in Schwung kommt.

Wie wichtig wären dabei große Hollywoodproduktionen? Wie abhängig ist die deutsche Kinolandschaft letztendlich von der internationalen Situation?
Natürlich gibt es eine Abhängigkeit von den Blockbustern, aber wir sollten unsere eigenen deutschen Filme nicht unterschätzen. Hier stehen einige spannende Filme an, wie zum Beispiel der neue Sönke-Wortmann-Film „Contra“, die Romanverfilmung „Drachenreiter“ oder auch „Catweazle“ mit Otto Waalkes. Auch der europäische Film bietet Überraschungen, auf die wir uns freuen dürfen.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat bereits finanzielle Hilfen für die bundesweiten Programm-Kinos zugesichert. Reicht das?
Die Kulturstaatsministerin und die Regierung werden nun in einer zweiten Etappe auch alle anderen Kinos in die Förderprogramme aufnehmen. Das ist ein wichtiger Schritt und wird in jedem Fall helfen! Nun steht im Vordergrund, dass der Spielbetrieb wieder zum Laufen gebracht wird, damit wir nicht von Fördergeldern abhängig bleiben.

Was wäre aber, wenn sich an der derzeitigen Situation nichts verändert? Wie viele Kinos müssen Ihrer Einschätzung nach bis Ende des Jahres vielleicht Insolvenz anmelden und schließen?
Wenn unsere Auslastungsmöglichkeiten durch die Abstandsregelungen auf dem Niveau bleiben und die publikumsstarken Filme dadurch weiter fehlen, werden wir einen erheblichen Anteil der Kinos verlieren. Die Filmtheater haben in den letzten Monaten ihre Reserven aufgebraucht und Kredite ausgereizt. Nun muss wieder Umsatz gemacht werden, ansonsten verlieren wir die flächendeckende Kinolandschaft in Deutschland und damit einen wichtigen Motor der Filmbranche.

Was würde das für uns als Kinobesucher und Filmfans bedeuten?
Das würde bedeuten, dass es an vielen Orten kein Kino mehr in Reichweite geben wird und man sich Filme nur noch zu Hause auf dem Fernseher ansehen kann. Damit wäre das Vergnügen Kino ausgelöscht.

Zur Person

Christine Berg, 54, ist Vorstandsvorsitzende des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater (HDF Kino). Sie hat die Position seit dem vergangenen Sommer inne. Davor war die gebürtige Hamburgerin stellvertretender Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA). HDF Kino ist eine Dachorganisation von Kinos in Deutschland und setzt sich für deren Interessen ein.

Interview: Aliki Nassoufis, dpa

© dpa-infocom, dpa:200713-99-772971/5

(PV)

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