„Die letzte Instanz“: Warum es okay ist, auch mal nichts zu sagen

„Die letzte Instanz“: Warum es okay ist, auch mal nichts zu sagen

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04.02.2021 18:00 Uhr

Manchmal kann es so einfach sein, eine Meinung abzugeben: Zum Beispiel, wenn es um die neue Frisur der Arbeitskollegin geht. Wenn die Themen allerdings komplexer werden als ein Haarschnitt, sieht das ganz anders aus. Wir hauen trotzdem raus, was wir meinen, zu sagen zu haben. Wissenslücken? Mangelnde Erfahrung? Egal, Hauptsache man hat eine Meinung! Wir erklären, warum es völlig okay ist, manchmal auch nichts zu sagen und einfach nur zuzuhören.

Wir alle kennen diese eine Person, die einfach zu jedem Thema eine „Experten-Meinung“ hat: Corona? Klar! Black Lives Matter? Natürlich! Sexismus? Sowieso! Dabei wäre es manchmal vielleicht angebracht, den Mund zu halten und statt zu reden, einfach mal nur zuzuhören. Nämlich dann, wenn man von gewissen Themen auf Grund mangelnder Erfahrung oder fehlendem Wissen, absolut keine Ahnung hat.

Bestes Beispiel? Die WDR-Talkshow „Die letzte Instanz“: Vier weiße, privilegierte Prominente der deutschen Fernsehindustrie sprechen über Diskriminierung. Dass keiner von ihnen je auch nur eine einzige persönliche Erfahrung mit diesem Thema gemacht hat? Keiner von ihnen weiß, wie es sich anfühlt, in dieser Welt nicht weiß zu sein? Nicht so wichtig.

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Wenig Ahnung, viel Meinung

Twitter, Instagram und YouTube sind voll von Meinungen zu allen erdenklichen Themen. Jeder möchte ein Statement abgeben, mitreden, gesehen werden. Generation Internet halt. Problematisch wird das, wenn Menschen zu Wort kommen, die wenig Ahnung von den besprochenen Themen haben. Als in der WDR-Talkrunde das Thema „rassistische Begriffe im Alltag“ aufkommt, verkündet Schauspielerin Janine Kunze, sie habe sich „über viele Worte nie Gedanken gemacht“. Trotzdem ist sie der Ansicht, genau diese Worte, über die sie sich nie Gedanken gemacht hat, beurteilen zu können und zu entscheiden, dass „Mohrenkopf“ niemandem rassistisch zu nahe tritt. Hat man ja schließlich schon immer so gesagt und überhaupt solle man sich doch einfach nicht so anstellen. Jemand, der mit genau dieser Art von Alltagsrassismus immer wieder zu kämpfen hat, ein Experte also, kommt in der Gesprächsrunde nicht zu Wort.

Der Druck, immer Stellung beziehen zu müssen

Vor allem Social Media vermittelt einem oft das Gefühl, zu allem und jedem Thema etwas sagen zu müssen. Aber nur hier und da mal ein bisschen was gelesen, kurz mal in diese eine Doku reingeschaut zu haben, schnell mal ein paar Instagram Posts und Tweets zu checken reicht eben nicht immer aus, um sich fundiert äußern zu können.

Der Druck, das dennoch zu tun, ist trotzdem da. Warum wir genau diesem Druck nicht nachgeben sollten? Weil es nicht darum geht, die Augen zu verschließen, Probleme auszublenden und sich nur noch auf seine eigene kleine Blase zu fokussieren, sondern viel mehr, Sensibilität für Probleme zu entwickeln, mit denen man selbst nie zu kämpfen hatte. Sich einzugestehen, dass einem bestimmtes Wissen einfach fehlt und sich nicht dazu drängen zu lassen, ohne dieses Wissen etwas zu einem wichtigen Thema zu sagen. Es ist okay, in einer Diskussion zu sagen „Zu dieser Sachen müsste ich erst mal was lesen und darüber nachdenken. Mich ausführlich informieren, bevor ich mich dazu äußere.“, statt empathieloses Halbwissen zu teilen.

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Malcom Ohanwe: Mut zur Meinungslosigkeit

Der Journalist Malcom Ohanwe hat genau dafür eine Lanze gebrochen. Nach der WDR-Debatte, teilt er einen Beitrag auf Instagram und Twitter. Darin fordert er: „ Lasst uns bitte normalisieren zu sagen: Das kann ich nicht beurteilen, weil ich mich mit der Thematik nicht auseinandergesetzt habe. Deswegen würde ich dazu erstmal keine Meinung abgeben und das erstmal aussetzen und mich besser informieren.“  Seine Worte finden großen Anklang. Der Beitrag wurde etliche Male geteilt und kommentiert.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von Malcolm U?zo?ma Ohanwe (@malcolmohanwe)

„Das weiß ich nicht“ ist keine Schwäche

Ob wir es wollen oder nicht: Wir sind noch lange nicht befreit von Alltagsrassismus, Sexismus und anderen gesellschaftskritischen Problemen. Oft ist uns das nicht einmal bewusst aber wie heißt es so schön? „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.“ Wäre es da nicht viel schlauer, einfach auch mal zu sagen „Das weiß ich nicht“, statt immer nur das nachzuplappern, was uns Eltern und Großeltern vorgelebt oder was wir irgendwann mal irgendwo aufgeschnappt haben, nur um überhaupt eine Meinung zu äußern?

Ein „Das weiß ich nicht“ zeugt in diesem Zusammenhang nicht von Unprofessionalität, sondern von Empathie und die haben wir alle bitter nötig. Mit einem „Sorry, ich habe mit diesem Thema noch keinerlei persönliche Erfahrungen gemacht. Ich kann nicht entscheiden, welche Worte wir benutzen sollten und welche nicht, weil es mich eben einfach nicht betrifft.“ hätten sich wohl auch alle Beteiligten der WDR-Rassismus-Talk-Runde einen großen Gefallen getan. (AB)