Seit 100 Jahren gibt’s die Ampel: Drei Lichter gegen das Chaos

dpadpa | 08.01.2022, 17:21 Uhr
Der Nachbau des Ampelturms am Potsdamer Platz on Berlin.
Der Nachbau des Ampelturms am Potsdamer Platz on Berlin.

Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Sie regelt die Wege von Milliarden von Menschen, hat den Verkehr weltweit revolutioniert – und mit der neuen Bundesregierung in Deutschland bekommt die Ampel noch eine ganz andere Bedeutung.

Seit Dezember wird Deutschland von der Ampel regiert. Auf Deutschlands Straßen sorgt die klassische Lichtsignalanlage in Rot-Gelb-Grün allerdings schon seit Jahrzehnten für Struktur und Ordnung.

Je nach Auslegung ist es inzwischen sogar schon ein ganzes Jahrhundert. Obgleich viele sie und die Geduld, die sie erfordert, verfluchen – ihren Sinn im Straßenverkehr stellt eigentlich niemand in Frage.

1922 wurde auf dem Stephansplatz in Hamburg nach Informationen von Mario Bäumer von der Stiftung Historische Museen Hamburg die erste deutsche Lichtzeichenanlage aufgestellt, zunächst nur für den Straßenbahnverkehr. Belege hierfür fänden sich im Hamburger Staatsarchiv. Bekannter sei aber der etwa zwei Jahre später errichtete Ampelturm in Berlin auf dem Potsdamer Platz, der bereits den gesamten Verkehr regelte. Auch hier stieg zunächst ein Polizist auf den Turm und wechselte per Hand die Farbfelder, wie Bäumer sagt. Die Frage nach der ersten Ampel Deutschlands und sogar Europas sei je nach Bewertung quasi eine Hamburg-Berlin-Rivalität.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), der selbst Hamburger ist, verwies zuletzt auf die Berliner Anlage von 1924 als erste Verkehrsampel – und zieht eine Parallele zwischen dem Verkehrsregler und seinem politischen Anspruch. Ersterer sei schließlich „nicht mehr wegzudenken, wenn es darum geht, die Dinge klar zu regeln und für die richtige Orientierung zu sorgen, und dafür, dass alle zügig und sicher vorankommen“, so Scholz.

Wie alt ist die Ampel?

Ob sie in Deutschland nun seit 98 oder 100 Jahren leuchtet – das Prinzip Ampel ist in jedem Fall noch deutlich älter. Schon 1868 gab es in London eine Gaslaterne mit rotem und grünem Licht, die ein Polizist nachts bediente. Nach kurzer Zeit explodierte sie allerdings und die Idee geriet erst einmal wieder in Vergessenheit. 46 Jahre später leuchtete dann in Cleveland, Ohio, die erste elektrische Ampel, wie wir sie im Grundsatz heute noch kennen. Die Ampel regelte laut Bäumer zunächst den Verkehr nur mit zwei Farben, bis in den USA dann auch die rot-gelb-grüne Lichtzeichenanlage eingeführt wurde.

In ihrer jahrzehntelangen Geschichte hat sie schon das eine oder andere Mal für erhitzte Gemüter gesorgt: Beispielsweise war die Empörung bei vielen Menschen groß, als nach der deutschen Wiedervereinigung das berühmte Ost-Ampelmännchen in Ostdeutschland sukzessive dem West-Ampelmännchen weichen sollte. Während der Kulturrevolution im China der 1960er Jahre soll es das Bestreben gegeben haben, die Farben umzukehren. Der Gedanke dahinter: Rot als Farbe des Kommunismus könne schließlich nicht für Stillstand stehen. Im Verkehr soll das allerdings für Verwirrung und Chaos gesorgt haben, so dass die altbewährte Farbordnung wieder in Kraft trat.

Die Ampel nötigt Menschen weltweit ihre Zeit ab. Schließlich kommt es einem oft so vor, als sei die begehrte „grüne Welle“ eher ein Ausnahmephänomen. Tatsächlich fanden Forscher heraus, dass Autofahrerinnen und -fahrer in Deutschland im Schnitt etwa zwei Wochen ihres Lebens an roten Ampeln warten. Dennoch: Im Allgemeinen habe die Lichtzeichenanlage eine sehr hohe Akzeptanz, sagt der Hannoveraner Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss.

Geduld gefragt

Sie sei nicht „etwas, das den Rhythmus der Menschen durcheinanderbringt“, sondern grundsätzlich eine sehr kluge Erfindung, so Voss, der Vorsitzender des Bundesverbandes niedergelassener Verkehrspsychologen ist. Schließlich werde mit ihrer Hilfe für jede und jeden im Straßenverkehr der Anspruch auf Freizügigkeit gewahrt. „Das bedeutet, dass man fahren kann, wohin man möchte und das relativ sicher ohne zusätzliches Unfallrisiko.“

Die Geduld werde aber so manches Mal unnötig auf die Probe gestellt, findet der Experte – beispielsweise, wenn die Anlagen bewusst so geschaltet seien, dass auf sehr kurze Grün- und Gelb-Phasen besonders lange Rot-Phasen folgten. Die im Grunde genommen vorhandene Akzeptanz werde so überstrapaziert. „Insofern ist die Ampel nicht einfach nur ein Segensbringer, von denen es nicht genug geben kann“, sagt Voss. Oft sei ein Kreisverkehr eine gute, wenn nicht sogar bessere Alternative.

Die Warterei an der Ampel nutzt so mancher gern für einen Flirt. Mit etwas Glück sitzt schließlich im Wagen auf der Nachbarspur ein attraktiver Mensch, der die Wartezeit versüßt. Grundsätzlich sei so eine kleine Kontaktaufnahme natürlich eine „tolle Sache“, sagt Voss – solange sie nicht zu Unkonzentriertheit oder Verzögerungen führe, wenn das Umspringen auf Grün dann nicht mehr registriert werde. Die beim Flirt gewonnene Entspannung dürfe dann schließlich durch das ungeduldige Hupen der nachfolgenden Autos ganz schnell wieder verfliegen.