27.11.2019 08:43 Uhr

Dresdener Juwelenraub: Wachleute nach dreifachem Alarm verteidigt

imago images / Rainer Weisflog

Nach dem Juwelendiebstahl aus dem Grünen Gewölbe dürfen wieder Besucher ins Dresdner Residenzschloss. Nur in der barocken Schatzkammer geht die Spurensuche weiter – die Kunstexperten dokumentieren dort Verlust und Schäden.

Zwei Tage nach dem Aufsehen erregenden Einbruch ins Historische Grüne Gewölbe in Dresden öffnen die Staatlichen Kunstsammlungen (SKD) das Residenzschloss wieder für Besucher. Ab heute sind alle Museen wieder normal geöffnet – mit Ausnahme des barocken Schatzkammermuseums. „Das bleibt vorerst geschlossen“, sagte Generaldirektorin Marion Ackermann. Die Spurensicherung dort wird nach Angaben der Polizei fortgesetzt. SKD-Experten machen unterdessen eine Bestandsaufnahme der Verluste und Schäden, die die Juwelendiebe am Montagmorgen verursachten. Im Schloss befinden sich auch das Münzkabinett, die Rüstkammer und das Kupferstichkabinett.

Dresdener Juwelenraub: Wachleute nach dreifachem Alarm verteidigt

Polizisten sichern vor der gegenüberliegenden Schinkelwache Spuren. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

Unbekannte waren in das berühmte Museum eingedrungen und hatten zahlreiche Schmuckstücke mit Diamanten und Brillanten gestohlen. Sie stiegen über eines der vergitterten Fenster in den Pretiosensaal ein und liefen dann gezielt ins Juwelenzimmer, den prächtigsten Raum des vom sächsischen Kurfürsten und polnischen König August der Starke (1670-1733) eingerichteten Schatzkammermuseums. Auf einem von der Polizei veröffentlichten Überwachungsvideo sind zwei Einbrecher mit Taschenlampen zu sehen, wie sie den dunklen Raum betreten und einer von ihnen mit einer Axt auf die Vitrine einschlägt.

Taskforce gefordert

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, sieht eine neue Bedrohung für die Sicherheit von Museen. Ermittlungsbehörden wie Bundeskriminalamt, Landeskriminalämter und Sicherheitsfachleute der Museen sollten sich zusammensetzen und beraten, wie darauf reagiert werden könne, sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Wir sollten eine kleine Taskforce einsetzen, die sich genau darüber Gedanken macht aufgrund dieser ganz spezifischen neuen Gefährdungslage.“

Dresdener Juwelenraub: Wachleute nach dreifachem Alarm verteidigt

Der Schmucksaal des Grünen Gewölbes. Foto: David Brandt/Staatliche Kunstsammlungen Dresden/AP/dpa

Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) will Experten zusammenrufen. „In unseren Museen lagern Kunstschätze, die die kulturelle Identität unseres Landes ausmachen und deren Wert in die Milliarden geht“, sagte sie der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Mittwoch). Die Sicherheitskonferenz müsse sich mit der Frage auseinandersetzen, „wie Museen ihre Objekte künftig gegen ein derart brutales Vorgehen schützen können und gleichzeitig in gewohnter Weise für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben“.

Wachleute verteidigt

Für Parzinger ist es eine neue Dimension, Kunst „von höchst symbolischem Wert“ wegen ihres Materialwertes zu zerstören. Es werde „auf barbarische Weise“ geplündert, wie das Geschehen in der sächsischen Schatzkammer zeige. „Die Gefahr ist sehr groß, dass die einzelnen Pretiosen dann zerlegt werden, die Diamanten und andere Edelsteine herausgelöst und möglicherweise geschliffen werden, damit man nicht erkennt, dass es alte Stücke sind, und sie weiterverkauft.“

Dresdener Juwelenraub: Wachleute nach dreifachem Alarm verteidigt

Der 1701 bis 1708 geschaffene „Hofstaat von Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb“ gilt als Hauptwerk europäischer Juwelierkunst des Barock und ist eines der Prunkstücke im Grünen Gewölbe. Foto: Matthias Hiekel/dpa-Zentralbild/dpa

Galerie

110 gewählt und nicht den Alarmknopf

Die SKD verteidigten das Vorgehen der beiden Wachleute in der Sicherheitszentrale nach dem dreifachen Alarm. Sie hätten wegen der auf den Videobildern sichtbaren brutalen Gewalt der Diebe auf die Polizei gewartet und nicht selbst eingegriffen. Einer der zwei Wachhabenden habe sich Berichten zufolge dafür entschieden, die 110 zu wählen und nicht den Alarmknopf zu drücken. Dieser signalisiere allerdings lediglich, dass etwas nicht in Ordnung sei.

Die Ermittler fahnden weiter nach den Tätern, nur das von ihnen in Brand gesteckte Fluchtauto wurde bislang gefunden. Der Ausfall der Straßenbeleuchtung am Schloss während des Einbruchs geht ebenfalls auf ihr Konto.

Dresdener Juwelenraub: Wachleute nach dreifachem Alarm verteidigt

Auch eine Miniatur des „Obeliscus Augustalis“ von 1722 zählt zu den Prunkstücken des barocken Dresdner Schatzkammermuseums. Foto: Matthias Hiekel/dpa-Zentralbild/dpa

Die Polizei sprach von einer „zielgerichteten und geplanten Tat“, SKD-Sicherheitschef Michael John von „hoher krimineller Energie und Vorsatz“. Der Angriff sei außergewöhnlich gut vorbereitet und ausgeführt worden, daher werde von Insiderwissen ausgegangen. Es sei mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Einbrecher detaillierte Kenntnis hatten. „Das wäre eine schreckliche Vorstellung“, sagte SKD-Generaldirektorin Ackermann.

Mehrere Sicherheitsbereiche im Schloß

Im Schloss gibt es laut SKD mehrere Sicherheitszentralen, die mit je zwei Personen rund um die Uhr besetzt sind. Jährlich würden acht Millionen Euro für Sicherheit ausgegeben. Auch sei die Ausbildung der Wachleute privater Sicherheitsfirmen intensiviert worden.

Bis Mittwochmittag will der Direktor des Grünen Gewölbes, Dirk Syndram, den Schaden beziffern und der Polizei möglichst genaue Beschreibungen der Verluste übergeben, „auf dass diese dann erkannt werden“. Er durfte am Dienstag erstmals an den Tatort und selbst Fotos machen. Nach einer ersten Einschätzung ist von den drei kostbarsten Juwelengarnituren weniger gestohlen worden als befürchtet. Einige sehr wichtige Objekte seien weg, aber andere verlorengeglaubte nicht, hieß es. (dpa/KT)

Das könnte Euch auch interessieren