Sonntag, 2. November 2014 19:06 Uhr

Ergreifender „Polizeiruf 110“: Ein Familienvater läuft Amok

Frisch und frech von der Waterkant, schimpfend und schnell in Schimanski-Manier legten Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau als neues Rostocker ‚Polizeiruf 110‘-Team 2010 ihren Einstand hin.

Ergreifender "Polizeiruf 110": Ein Familienvater läuft Amok

Nun ermittelt das Duo bereits in seinem zehnten Fall und dürfte mit dem äußerst gelungenen Jubiläumsstück die Erfolgsserie für Kommissar Bukow und Profilerin König fortsetzen. Der Fall ‚Familiensache‘, den das Erste heute um 20.15 Uhr zeigt, liefert mit einem Wettlauf gegen die Zeit und beklemmenden Szenen Hochspannung – mit einem überragenden Andreas Schmidt als Amok laufenden Familienvater.

„Das Erste, das der Mensch im Leben vorfindet, das Letzte, wonach er die Hand ausstreckt, das Kostbarste, was er im Leben hat, ist die Familie“, heißt es im Film auf einer rauschenden Polizei-Party – als eine schreckliche Familientragödie gerade ihren Lauf nimmt. Arne Kreuz (Schmidt), dreifacher Vater ohne Job und von seiner Frau verlassen, tötet nach und nach das, was ihm eigentlich lieb ist: seine Familie. „Was uns brutal erscheint, erscheint dem Täter nur effektiv“, erklärt Regisseur Eoin Moore im Presseheft des Norddeutschen Rundfunks (NDR). „Er wünscht seinen Opfern ja auch nichts Schlimmes; im Gegenteil: Er will ihnen – aus seiner Wahrnehmung heraus – Schlimmes ersparen, indem er sie tötet.“

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Der Zuschauer sieht die Leichen aufgebahrt, mit Blumen drapiert – Moore verzichtet auf direkte Gewaltdarstellung. „Ich wollte, dass die äußere Gewalt nicht zu sehr von den inneren Vorgängen ablenkt“, sagt der Filmemacher, der auch den ersten Rostocker Fall inszeniert hatte. Den Mord an der Ehefrau zeigt er gar als eine Art „Liebestanz“. „Für Arne ist seine Tat ein Akt der Liebe“, erklärt Moore. «Er fühlt sich dafür verantwortlich, die Frau aus ihrem Leben, aus diesem Dilemma, aus der ihm untragbar erscheinenden Situation zu befreien.»

„Der will nicht fliehen, der will das zu Ende bringen – alles andere ist ihm egal“, erklärt Profilerin König (Sarnau) im Film ihrem Kollegen Bukow (Hübner). Letzterer, selbst Vater zweier Söhne, hat nicht nur mit den grausamen Taten des verzweifelten Familienvaters Kreuz, sondern mit ganz eigenen, privaten Problemen zu kämpfen: Er erfährt von einer Affäre seiner Frau. Doch Bukow sei ein Spieler, erklärt Hübner seine Rolle. „Er kann sogar in dieser Situation schnell seine Regeln neu stellen, und davon erfährt niemand etwas. Das ist sein Wesen, über Jahrzehnte geschult.“

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Ergreifender "Polizeiruf 110": Ein Familienvater läuft Amok

„Seitenlange Viten“ hätten die beiden Schauspieler für ihre Figuren damals vor dem Start geschrieben, heißt es, weil sie so begeistert gewesen seien. NDR-Intendant Lutz Marmor lobte sein ‚Polizeiruf 110‘-Team jüngst erst wieder für „spannende und authentische Kriminalfälle, die immer wieder ein Millionenpublikum finden“. Die neunte Folge (‚Liebeswahn‘) mit teils drastischen Szenen hatten Anfang dieses Jahres 8,88 Millionen Zuschauer (23,6 Prozent Marktanteil) eingeschaltet – die bis dahin beste Quote für die Rostocker, die gerade mit den Dreharbeiten für eine neue Folge begonnen haben. Darin geht es um das Drogennetz der ‚Ndrangetha, einer weltweit agierenden Mafiaorganisation. Noch bis zum 26. November wird in Rostock und Hamburg gedreht.

‚Familiensache‘ war jüngst schon auf dem Hamburger Filmfest zu sehen und holte dort prompt den Sieg in der TV-Sektion: Die Produktionsfirma Filmpool Fiction erhielt den mit 25 000 Euro dotierten Produzentenpreis. Der Film „steppt auf der Rasierklinge“, meinte die Jury. „Was bei einem Teil der Protagonisten wie ein alltäglicher Fehltritt auf der Damentoilette erscheint, spiegelt bei dem anderen Teil eine Tragödie antiken Ausmaßes.(…) Ein Film mit Herzschlag.“ (Dorit Koch, dpa)

Fotos: NDR/Christine Schroeder,

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