19.08.2020 15:00 Uhr

„Exil“: Ein Mann zwischen Realität und Wahn

In dem Psychothriller "Exil" mit Misel Maticevic geht es um eine Identitätskrise, Alltagsrassismus und eine tote Ratte. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt.

AlamodeFilm

Der Film „Exil“ von Regisseur Visar Morina (geb. 1979, „Babai: Mein Vater“) ist eindringlich, beklemmend und erschreckend realitätsnah. Bereits im Januar 2020 feierte der Psychothriller beim Sundance Film Festival seine Weltpremiere. Ab 20. August 2020 läuft „Exil“ in den deutschen Kinos. Darin verpackt Morina auf ganz eigenwillige und kreative Weise das Thema Alltagsrassismus.

Darum geht es in „Exil“

Der Chemieingenieur Xhafer (Misel Maticevic, 50) wurde im Kosovo geboren und lebt heute in Deutschland. Der 45-Jährige ist mit Nora (Sandra Hüller, 42) verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in einem Einfamilienhaus – ein scheinbar normales Leben. Doch langsam beschleicht ihn das Gefühl, dass er an seinem Arbeitsplatz diskriminiert und gemobbt wird. Dieses Gefühl verstärkt sich, als eines Tages eine tote Ratte am Gartenzaun hängt. Xhafer ist sich sicher, dass sein Arbeitskollege Urs (Rainer Bock, 66) dahintersteckt.

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Xhafers Name wird aus dem E-Mail-Verteiler genommen, wichtige Daten werden ihm nicht ausgehändigt und ein brennender Kinderwagen steht plötzlich vor seiner Haustür. All diese Dinge sieht er als Indiz dafür, von seinen Kollegen schikaniert zu werden. Ehefrau Nora hat für die Vorwürfe ihres Mannes hingegen kein Verständnis. Sie glaubt nicht, dass seine Arbeitskollegen ausländerfeindlich sind, sondern ihn einfach nicht mögen. Xhafer steht dem Problem allein gegenüber. Wird er wirklich diskriminiert oder bildet er sich alles nur ein?

Eine düstere, schwitzige und beengte Welt

Regisseur Visar Morina kommt, wie seine Hauptfigur, gebürtig aus dem Kosovo. Es scheint, dass sich der Filmemacher in gewisser Weise mit seiner eigenen Lebensgeschichte auseinandersetzt. Auch das Drehbuch stammt von ihm. Morina kam mit 14 Jahren nach Deutschland, konnte die Sprache nicht und musste sich in der neuen Welt erst zurechtfinden. Diese Emotionalität transportiert er gekonnt auf die Leinwand – durch die grandiose, schauspielerische Leistung seiner Figuren, aber auch durch das Setting und die Umsetzung. Der Film ist in ein orange-rotes Licht getaucht, was die bedrückende Situation unterstreicht.

Der Zuschauer erlebt alles aus der Perspektive von Xhafer, dem der Schweiß auf der Stirn steht, sobald er seinen Arbeitsplatz betritt. Eine schwüle Hitze liegt in der Luft, was zur bleiernen Stimmung passt. Am Körper klebende Hemden und müde Gesichter prägen das Bild. Weder die tristen Büroräume noch die Kollegen wirken einladend oder freundlich. Das Kamerateam setzt verstärkt auf Nahaufnahmen – die Linse ist stets auf die Gesichter der Protagonisten gerichtet. Die Mimik steht klar im Vordergrund. Fans großer Dialoge werden enttäuscht. Die Körpersprache dient als Sprachrohr für die gebeutelten Charaktere.

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Großartige Besetzung in beklemmender Atmosphäre

Weiterer Pluspunkt: die grandiose Besetzung, allen voran Misel Maticevic als psychisch angeschlagener Familienvater. Im Laufe des Films gerät er in einen Strudel aus Misstrauen und Paranoia. Hinter jeder Geste und jedem Wort vermutet er etwas Böses. Doch nicht nur am Arbeitsplatz: Selbst ein hochgeklappter Klodeckel wird plötzlich zum Indiz für eine mögliche Affäre seiner Frau. Der Zuschauer kann im Minutentakt verfolgen, wie sich der nette Mann in eine gewalttätige, harte und unnahbare Figur verwandelt.

Diese langsame Verunsicherung kauft man Maticevic zu 100 Prozent ab. Der Zuschauer kann sich in ihn hineinversetzen, fühlt mit ihm mit und kann sich nur schwer von seiner Denkweise lösen. Ein wunderbarer Gegenpol ist die kühl und abgebrüht wirkende Ehefrau Nora, die großartig von Sandra Hüller dargestellt wird. Sie fungiert als ein Fels in der Brandung und ist zugleich der Charakter, der den Zuschauer auf Kurs hält. Sie stellt Xhafers Ansichten in Frage und zeigt Deutungsalternativen auf.

„Exil“ hält der Gesellschaft einen Spiegel vor

Visar Morina hält der deutschen Gesellschaft mit „Exil“ einen Spiegel vor. Es wird der subtile Rassismus gezeigt, der im Alltag – hier im Büro – vonstattengeht. Das können Sätze wie „Wo kommen Sie denn her?“ oder dreimaliges Nachfragen, wie der Nachname ausgesprochen wird, sein. Aber der Spieß wird auch umgedreht. So hat Xhafer ebenfalls Vorurteile gegenüber Deutschen. Er sieht in den Deutschen den Stereotyp eines Rassisten: „Du weißt doch gar nicht, was es heißt, ein Fremder zu sein, in diesem möchtegern-kultivierten und zutiefst verlogenen Land.“

Fazit

„Exil“ geht unter die Haut und regt zum Nachdenken an. Visar Morina zeigt die Welt aus der Sicht eines Migranten, was in vielen Momenten für ein bedrückendes Gefühl sorgt. Ob Xhafer wirklich aufgrund seiner Herkunft diskriminiert wird? Das sei hier nicht verraten. Für den ein oder anderen Zuschauer könnte das Ende unbefriedigend sein und ein großes Fragezeichen hinterlassen. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt.

(amw/spot)

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