Samstag, 29. August 2009 14:08 Uhr

Exklusiv: Das große Sahner-Interview

Paul Sahner hat sie wirklich alle getroffen. Prominente aus der A-Liga von Film, Musik, Sport und Politik. Bei großartigem Wetter, Sonnenschein und herrlichem Blick auf die Alpen, stand uns die Ikone des deutschen Boulevardjournalismus Rede und Antwort. Eigentlich wollten wir mit dem 65-jährigen über sein grandioses neues Buch „Karl“ und seine 15 Jahre andauernden Begegnungen mit dem exaltierten Modezar plaudern. Doch daraus wurde mehr: Ein Exkurs über den Boulevardjournalismus in unserer Zeit, das Gehabe deutscher Stars, der gnadenlose Missbrauch hiesiger Medien beim Gebrauch von Vokabeln wie „Weltstars“ – wenn es um deutsche Künstler geht.

Wir sprachen mit Sahner über anbiedernde und gierige Promi-Anwälte, über Klatsch und Tratsch in den Kulissen des Vatikan, den Papst, die Queen und Dalai Lama, einen Richard Gere ohne Arsch in der Hose, den privaten Boris Becker und Sahners Wunsch, Bin Laden zu treffen. Zum Gespräch und anschließend mit einer Kugel im Lauf.

Die Berliner „taz“ bezeichnete Sahner 1997 als den „Gottvater der Intimbeichte“. Der Mann war mal Polizeireporter bei der Bild-Zeitung, ging 1976 zu „Bunte“ und arbeitete für „Hörzu“, „Stern“ und „Quick“, wurde Chefredakteur der deutschen Ausgabe von „Penthouse“ und seit 1994 wieder Autor bei „Bunte“, wo er seit 2001 Mitglied der Chefredaktion ist.

Heute veröffentlichen wir Teil 1 unseres großen Interviews.

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Ich habe „Karl“ in den letzten Tagen verschlungen und bin begeistert. Ehrlich gesagt, hatte ich ein weniger tiefgründiges Buch erwartet… Ihr Buch über Karl Lagerfeld besteht ja nicht nur aus Interviews mit dem Modezaren. Sie liefern jede Menge Hintergrundinformationen zu verschiedenen Ereignissen aus dem Leben von Karl Lagerfeld. Viel  Recherchearbeit – oder wissen sie das alles?
Es ist eine Mischung. Ich weiß sehr viel über ihn durch die letzten 15 Jahre, die ich ihn als Journalist quasi begleitet habe. Und ich habe mich immer für ihn als Gesamtkunstwerk interessiert. Wir haben um die zehn große Interviews gemacht, ich war einige Male bei ihm in Paris, habe ihn in Biarritz (Lagerfelds mondäner Landsitz in Frankreich – Anm.d. Red.) getroffen, wo ich ein paar Tage sein Gast war. Ich habe ihn in München getroffen, in Berlin, in Hamburg und konnte immer längere Gespräche mit ihm führen. Das zeichnet ihn auch aus. Er ist nicht wie andere Stars, oder Möchtegern-Stars, sondern er nimmt sich immer sehr viel Zeit.

Die erste Auflage ihres großen Buches über Karl Lagerfeld ist ja bereits vergriffen. Die zweite kommt am 4. September. Das haben Sie doch erwartet – oder?
Nein, nicht wirklich. Natürlich – Wishful Thinking hat man immer – und man sagt sich: ‚Mein Gott, es wäre Klasse wenn das ein Erfolg wird!’ Nach meinen Informationen sind wir nächste Woche bereits in den Bestsellerlisten von FOCUS und SPIEGEL als Neueinsteiger. Wir haben in den ersten vier Tagen bereits rund 2.000 Exemplare in den Buchhandlungen verkauft. Es ist wirklich rasant, wie sich die Leute auf Karl gestürzt haben. So habe ich das nicht erwartet. Aber als ich mir Karl Lagerfeld für eine Biografie vorgenommen habe, glaubte ich natürlich schon, dass dieser Mensch die Leute interessiert und fasziniert. Er ist ja auch ein Mann der polarisiert. Diesem Phänomen wollte ich näher kommen.

Erzählen Sie uns von ihrer ersten Begegnung mit dem Modezar. Wie kam es dazu?
Die erste Begegnung mit Karl Lagerfeld hatte ich vor ca. 15 Jahren in Paris. Wir hatten uns damals  vorgenommen, ihn ausführlich zu interviewen. Das klappte auch sofort mit einem persönlichen Termin in seinem Stadtpalais. Er war von einer unglaublichen Spannung. Das war ja damals noch seine „Moppelzeit“ und er sagte auch später einmal: „Irgendwann habe ich dem Moppel einen Tritt in den Popo gegeben und gesagt, ‚Moppel flieg weg’“. Dann kam die radikale Abnehmkur, seine 3-D-Diät. Normalerweise wird man von Hollywoodstars oder Politikern nicht nach Hause eingeladen um ein Interview zu führen. Karl macht das – und er ist dabei sehr galant. Das Interview war in seinem Stadtpalais mit einem 3.000 Quadratmeter-Park, mitten in Paris. Ein Luxus, den kaum ein anderer hat. Er war sofort sehr herzlich. Er schnippte mit den Fingern und sofort kamen die Maîtres und fragten: „Wasser oder Wein?“ Er ist ein großartiger Gastgeber! Das war er bei allen unseren Interviews. Natürlich ist ein Journalist letzten Endes auch dafür da, seinen Ruhm zu mehren, das ist die eine Sache, aber er ist wirklich von einer unfassbaren Gastfreundschaft für Leute, mit denen er gut klar kommt.

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Wie nah sind Sie Karl Lagerfeld in den letzten 15 Jahren gekommen? Konnten Sie auch hinter dessen berühmte Brille schauen?
Ja, ich konnte auch seine Augen sehen. Bei einem nächtlichen Gespräch in Biarritz hat er einmal seine Brille abgenommen. Dahinter verbargen sich sehr wache, interessierte und flinke Augen, obwohl es schon früh morgens war. Die Brille ist für ihn eine Art Schutzwall. Andererseits muss man es auch so sehen, dass es eine Zeit gab, wo jeder, der in sein wollte diese schwarzen Gläser trug. Andy Warhol zum Beispiel. Karl und er waren sehr eng miteinander. Heute tarnen sich viele Leute in der Modeszene mit Sonnenbrillen, was schrecklich aussieht, wenn sie die dann hochschieben, als „Glatzenschmuck“.

Was hat Lagerfeld Sie über ihr Buch wissen lassen? Hat er das überhaupt gelesen?
Ich habe ihm das fertige Exemplar mit einem persönlichen Brief nach Paris geschickt. Momentan ist er noch in St. Tropez, wird aber dieser Tage zurückerwartet.  Er wusste von dem Buch. Es gab sogar kleinere Sachen, die wir ihm zuliebe herausgenommen haben.

Lagerfeld straft Abtrünnige gerne mit Missachtung. Haben Sie sich mit ihm über das Buch seines ehemaligen Assistenten Arnauld Maillard, „Karl Lagerfeld und ich“, unterhalten?
Nein.  Wenn er mein Buch insgesamt liest, kann es sein, dass er es toll findet. Möglich ist auch, dass vielleicht Passagen enthalten sind, die er besser nicht veröffentlicht gesehen hätte. Aber da schätze ich ihn ziemlich souverän ein. Für mich war von Anfang an klar, dass ich keine autorisierte Biografie schreibe. Zum Ersten, weil er sich die selbst vorbehält, als seine Memoiren, die erst nach seinem Tot erscheinen werden und zum Zweiten, weil ich autorisierte Biografien zu glatt und gefällig finde. Ich brauche eine Distanz zu dem Portraitierten.

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Was unterscheidet Karl Lagerfeld ihrer Meinung nach von anderen Prominenten – außer seinem bekannten großen Unterhaltungswert?
Seine unglaubliche Selbstsicherheit, seine Egomanie – auch wissend, dass er selbst unter seinem eigenen Denkmalschutz steht, aber damit nicht genug hat, sondern sich jeden Tag neu erfindet und rund um die Uhr neu motiviert. Ich habe in 43 Jahren als Journalist, in denen ich Hollywoodstars und Politiker, inklusive Clinton und Gorbatschow oder wie sie alle heißen, interviewt habe, selten jemanden getroffen, der so präzise über alles informiert ist und der eine Lässigkeit hat, die man bei anderen Menschen selten findet. Karl ist von einem Selbstbewußtsein, das man auch mit Arroganz verwechseln kann. Aber er ist ein Unikat, er sieht aus, wie sein eigenes Kunstwerk. Wenn die Marsmenschen hier landen und ihn als erstes sehen, denken die vielleicht, das ist ja einer von uns.

Kann ein Boulevardjournalist eigentlich Freundschaften mit Prominenten führen?
Ich habe die eine oder andere Freundschaft mit Prominenten, aber das ist eher hinderlich. Manchmal kommen dann Sätze wie: „Pass mal auf Paule, jetzt sind wir so gut befreundet, schreib das mal nicht.“ Deswegen vermeide ich das. Die Leute, die ich schon seit Jahrzehnten kenne schätzen eine gewisse Distanz trotz aller Freundschaft. Ob das Boris Becker ist oder Franz Beckenbauer oder Franziska van Almsick.

Sie gelten ja – mit Verlaub – als der deutsche Gottvater des Boulevardjournalismus, haben unzählige große Gespräche und Interviews mit den Stars dieser Welt geführt. An wem haben Sie sich denn die Zähne ausgebissen?
An Richard Gere. Vor ca. zwölf Jahren habe ich ihn und den Dalai Lama auf einer Pilgerreise in der Mongolei begleitet. Es war noch ein Fotograf dabei, aber ich war der einzige Journalist und habe Interviews mit dem Dalai Lama und Richard Gere geführt. Das war eine große Geschichte, die weltweit für viel Aufsehen sorgte. Ich hatte mit beiden Männern tolle Gespräche. Zwei, drei Jahre später hatte Richard Gere einen neuen Film in den Kinos: „First Knight“, Ich habe ihn im  Atlantik-Hotel in Hamburg zum Interview getroffen. Ich saß Richard gegenüber und er erkannte mich natürlich auch, weil wir damals fast zehn Tage zusammen waren. Wir haben über seinen Film geredet und dann habe ich ihn gefragt, wann er das letzte Mal in Tibet war. Er hatte zwei Pressefeldwebel dabei, zwei Frauen. Die sagten dann: „Next Question Please!“ Das ging drei, vier Mal so. Dann habe ich gesagt: „Sorry, Richie, It’s not my day – maybe It’s not your day“ und bin aufgestanden und raus gegangen. Ich hatte eine große Geschichte geplant. Ich wollte mit ihm über seinen Film zu reden – aber auch über sein Engagement für Tibet und seinen Freund, den  Dalai Lama Ich hätte erwartet, dass er Cojones in der Hose gehabt hätte, zu seinen Pressefeldwebeln zu sagen: „OK – Jetzt haltet ihr mal den Mund. Ich kenne den Mann und wir reden jetzt darüber!“ Das fand ich schon heftig.

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Haben Sie Richard Gere danach noch einmal getroffen?
Nein, wir haben uns danach nicht mehr getroffen – und es interessiert mich jetzt auch nicht mehr. Ich finde, er hätte in dieser Situation mehr Charakter zeigen müssen.

Nachrichten über Prominente und das Interesse daran haben in den letzten Jahrzehnten enorm an Bedeutung gewonnen. Selbst intellektuelle Blätter kommen nicht mehr ohne Klatsch aus. Worin sehen Sie die Ursache?
Klatsch regiert die Welt. Das ist schon immer so gewesen. In dem Moment, wo drei Menschen in einem Raum zusammen sind und einer verlässt den Raum, dann fangen die anderen beiden an über ihn zu klatschen. Klatsch ist ein menschliches Urbedürfnis. Ich habe einmal in Rom ein Interview mit Kardinal Lehmann geführt, der kurzzeitig als möglicher Papst-Nachfolger im Gespräch war. Auch wir haben über Klatsch gesprochen und der Kardinal sagte: „Lieber Herr Sahner, sie glauben gar nicht, wie der Klatsch im Vatikan blüht! Das ist eines der schönsten Hobbies, das wir dort haben“! Er sagte aber auch, der Klatsch dürfte nicht auf Kosten eines anderen ausgetragen werden – er soll immer elegant und spielerisch bleiben.

Vieles ist inszeniert, mit den Medien abgesprochen und kommt heute unter dem Begriff „Kampagnen-Journalismus“ daher. Aber die Leser durchschauen diese Spielchen und greifen doch immer wieder zu den bunten Blättern. Woran liegt das?
Naja – Inszeniert finde ich eigentlich nicht. Ich kann natürlich auch nur über die BUNTE sprechen. Unsere Leser wissen, sie bekommen eine Mischung. Bei Politikern ist es zum Beispiel ein Cocktail aus politischen Ansichten und auch Einblicken in das Privatleben. Wir versuchen hinter die Fassade zu sehen und gerade Politiker sind auch bereit dazu. Besonders jetzt, vor den Wahlen, BUNTE ist gefragt.

Wie wird man ein guter Boulevardjournalist?
Indem man wahnsinnig neugierig ist und ganz viel liest. Ich lese täglich die „Süddeutsche Zeitung“, die „BILD“, die „Abendzeitung“, die „FAZ“, am Wochenende sämtliche Sonntagszeitungen – und natürlich den „SPIEGEL“ und den „FOCUS“. Außerdem informiere ich mich im Internet. Was noch ganz wichtig ist für einen Boulevardjournalisten: Man muss die Leute beobachten. Bevor man ein Interview macht, muss man mit Freund und Feind reden!

Teil 2 des Interviews gibts hier! Mit Paul Sahner sprach Jana Bauer.

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Fotos: JAT/BUNTE, BUNTE, Ulli Skoruppa/BUNTE, MVG-Verlag München

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