Dienstag, 27. Februar 2018 21:20 Uhr

Filmkritik „Call Me By Your Name“: Erotisch aufgeheizt?

Teenager Elio liebt den nur etwas älteren Oliver. Werden seine Gefühle ernsthaft erwidert? Die vierfach Oscar-nominierte Hochglanzverfilmung des Romans „Call Me By Your Name“ antwortet darauf mit viel Gefühl und erotischem Flirren.

Filmkritik "Call Me By Your Name": Erotisch aufgeheizt?

Foto: Sony Pictures Entertainment

Bisher ist Timothée Chalamet dem großen Publikum kaum bekannt. Aufgefallen ist der jetzt 22-jährige New Yorker 2012 allein den Fans des TV-Serien-Hits „Homeland“ in einer Nebenrolle. Im Jahr darauf hatte er einige Schlagzeilen, als er an der Seite von Madonnas Tochter Lourdes zu sehen war. Jetzt aber ist seine Popularität enorm gestiegen; auf der Internetplattform Instagram etwa hat er mehr als 700 000 Follower. Ein Grund dafür ist seine Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller in der Bestseller-Verfilmung „Call Me By Your Name“.

Timothée Chalamet verkörpert darin den 17-jährigen Elio. Der Teenager erlebt die Sommerwochen des Jahres 1983 im Paradies auf Erden. Doch er leidet Höllenqualen. Denn seine Eltern haben den Studenten Oliver (Armie Hammer) auf ihren idyllischen Landsitz in Italien eingeladen. Elio verliebt sich in den geistreichen Fremden. Doch ist er mehr als nur das Spielzeug eines heißen Sommers?

Blicke, Gesten, Musik

Die von leiser Melancholie getragene Geschichte wird vor allem über Blicke und Gesten erzählt. Dazu sorgt ein intelligenter Musikeinsatz – neben für den Film geschaffenen Songs wesentlich geprägt von Kompositionen Johann Sebastian Bachs – für gediegene Eleganz. Mit der inszenierte Regisseur Luca Guadagnino („A Bigger Splash„) übrigens auch die oft recht deutlichen Sexszenen.

Je mehr die Handlung voran schreitet, umso weniger interessiert, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung im Zentrum steht. Denn es werden allgemeingültige Fragen über die Schönheit und die Schwierigkeit der ersten großen Liebe beleuchtet. Für Spannung sorgt der emotionsreiche Wechsel von Anziehung und Ablehnung, Zuneigung und Zweifel im Banne flirrender Erotik.

Filmkritik "Call Me By Your Name": Erotisch aufgeheizt?

Foto: Sony Pictures Entertainment

Luxus-Villa am Gardasee

Wesentlich für die Wirkung des Films ist das luxuriöse Ambiente der Villa mit riesigem Garten am Gardasee. Elios intellektuelle Familie samt Köchin und Gärtner wirkt gelegentlich wie das Personal einer Story aus einem Hochglanzmagazin. Und wenn Oliver mit Elios Vater, einem renommierten Archäologie-Professor, hochtrabend dessen Arbeit diskutiert, mutet das gelegentlich ein wenig aufgesetzt an.

Doch selbst wenn man die Ferne zum Alltag der meisten Kinobesucher kritisch bemerkt, kann man sich dem Reiz der Romanze kaum entziehen. Das ist in hohem Maße den Schauspielern zu danken. Timothée Chalamet setzt nicht allein auf seine Jugend. Er verfügt über das Können, die Zuschauer durch Mimik und Gestik in das Innere des Jugendlichen blicken zu lassen. Das hat ihm zu Recht die Oscar-Nominierung beschert.

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Foto: Sony Pictures Entertainment

Armie Hammer mit Glanzleistung

Neben Chalamet zeigt Armie Hammer („Nocturnal Animals“) eine Glanzleistung. Man nimmt dem 31-Jährigen nicht nur den vor Männlichkeit nur so strotzenden Studenten ab. Mit kleinsten Mitteln gelingt es auch ihm, eine emotional reiche Charakterstudie zu entwickeln. Amira Casar als Elios kunstliebende Mutter und Michael Stuhlbarg als hoch gebildeter Vater ergänzen die zwei Hauptdarsteller mit ihren leisen Darstellungen verständnisvoller Feingeister bestens.

Kenner der Filmgeschichte werden sich an Hits wie „Zimmer mit Aussicht“ und „Maurice“ erinnern, Meisterwerke, die in der Zeit entstanden sind, in der dieser Film spielt. Das überrascht nicht. Denn deren Schöpfer James Ivory hat „Call My By Your Name“ als Ko-Produzent und Drehbuchautor seinen unverwechselbaren Stempel des kultivierten, psychologisch ausgefeilten Erzählens aufgedrückt.

Der Film wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Nun steht die Oscarverleihung an. Neben der Nominierung für Chalamet als bester Hauptdarsteller geht das Drama auch in den Kategorien bester Film, bestes adaptierte Drehbuch und bester Filmsong („Mystery of Love“ von Sufjan Stevens) ins Rennen. Für Timothée Chalamet ist es dabei aber inzwischen fast egal, ob er gewinnt oder nicht. Er hat schon jetzt Angebote für neue Rollen erhalten, mit denen er sich in die Garde der Hollywood-Stars einreihen könnte. (Peter Claus, dpa)

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