21.02.2019 22:06 Uhr

Filmkritik „Der Goldene Handschuh“: Zersägekrimi mit unfassbarem Jungstar

Foto: Warner Bros.

Bei der Berlinale feierte das Folterkammerspiel von Fatih Akin kürzlich seine Premiere und polarisierte. Immerhin erzählt er von einem Serienmörder, der Frauen brutal umbringt. „Der Goldene Handschuh“ ist ein Kinoerlebnis, das man so schnell nicht vergisst.

Filmkritik "Der Goldene Handschuh": Zersägekrimi mit unfassbarem Jungstar

Foto: Andre Mischke / Warner Bros.

Die Karriere von Fatih Akin ist bemerkenswert. Seit seinem Erfolg mit dem wuchtigen Drama „Gegen die Wand“ vor 15 Jahren legt der Hamburger Regisseur immer wieder sehr unterschiedliche Werke vor. Sie reichten vom unterhaltsamen Roadmovie „Tschick“ über zwei ausgerissene Jugendliche bis zum NSU-Drama „Aus dem Nichts“, das politische Versäumnisse thematisierte – und wofür er in Hollywood sogar einen Golden Globe gewann. Nun betritt Akin Neuland: „Der Goldene Handschuh“ ist sein erster Horrorfilm. Und der hat es in sich.

Schon bei der ersten Szene muss man schlucken und tief durchatmen. Denn in einer unfassbar ranzigen und abstoßenden Wohnung liegt eine Leiche auf dem Bett. Der Täter ächzt und stöhnt und trinkt sich mit Schnaps noch etwas Mut an, dann sägt er dem Frauenkörper den Kopf ab. Dazu hat er sich eine Schallplatte aufgelegt: Adamos „Es geht eine Träne auf Reisen“. Es ist der Auftakt für Akins Serienmörder-Porträt, das auf Heinz Strunks erfolgreichem Tatsachenroman basiert – Fritz Honka brachte in der 70er Jahren in Hamburg vier Frauen um.

Filmkritik "Der Goldene Handschuh": Zersägekrimi mit unfassbarem Jungstar

Foto: Warner Bros.

Verwandlung in eine Bestie

Der erst 23-jährige Jonas Dassler („Das schweigende Klassenzimmer“) schlüpft mit dicker Maske in diese Rolle und verleiht der Bestie Honka eine unfassbar beeindruckende Präsenz. Er humpelt und nuschelt, er läuft mit eingezogenen Schultern und schlägt dann völlig unerwartet brutal zu. Dieser Quasimodo ist ein einsamer, aggressiver und alkoholkranker Mann, der Schnaps trinkt wie andere Wasser. Seine Opfer trifft er in der Kiezkneipe „Der Goldene Handschuh“ auf St. Pauli, in der nichts glänzt.

Filmkritik "Der Goldene Handschuh": Zersägekrimi mit unfassbarem Jungstar

Foto: Warner Bros.

Noch selten war eine Kinoleinwand über zwei Stunden lang so eklig anzusehen. Honkas Wohnung – oder besser Folterkammer – ist so dreckig, so widerwärtig, dass man den Geruch verwesender Leichen, die er in einem Verschlag seiner Dachgeschosswohnung bunkert, fast im Kinosaal zu riechen glaubt.

Da helfen auch die Duftbäume nichts, die er dutzendfach gegen den stechenden Gestank aufhängt und die irgendwann überall im Bild zu baumeln scheinen.

Filmkritik "Der Goldene Handschuh": Zersägekrimi mit unfassbarem Jungstar

Foto: Warner Bros.

Dabei ist es für das Publikum aber nicht nur eine heftige Herausforderung – dank der pointierten Dialoge, dank markiger Sprüche und grotesk überzeichneter Situationen wird manch ein Zuschauer bei dieser Milieustudie sicherlich immer wieder laut auflachen.

Horrorfilm mit Schwächen

Trotzdem hat „Der Goldene Handschuh“ auch Schwächen. Gerade in der zweiten Hälfte bewegt er sich erzählerisch wenig voran und stellt die Kaputtheit und das Hässliche zu sehr aus. Außerdem verzichtet Akin – bis auf eine kleine Nebenfigur – fast ganz auf die Darstellung der wohlhabenden Familie, die in der Buchvorlage eine größere Rolle spielte und mit deren Hilfe ein komplexeres Abbild der Nachkriegsgesellschaft gezeichnet wurde.

Filmkritik "Der Goldene Handschuh": Zersägekrimi mit unfassbarem Jungstar

Foto: Warner Bros.

Dennoch lassen einen der Horror, der Ekel und die Körperlichkeit des Films nicht los. Immerhin wird „Der Goldene Handschuh“ so zu einem Kinoerlebnis, das man so schnell nicht wieder vergisst – egal, ob man Akins Werk etwas abgewinnen konnte oder es rigoros ablehnt. (Aliki Nassoufis, dpa mit KT)