Montag, 4. Juni 2018 22:12 Uhr

Filmkritik „Goodbye Christopher Robin“: Wie Winnie Pooh entstand

Das biografische Werk „Goodbye Christopher Robin“ erzählt die Entstehungsgeschichte des weltberühmten Kinderbuchhelden Winnie Pooh – es ist ein tragisches Familiendrama.

Filmkritik "Goodbye Christopher Robin": Wie Winnie Pooh entstand

Foto: Twentieth Century Fox

In diesem Jahr erscheinen gleich zwei Filme über die Entstehungsgeschichte des beliebten Kinderbuchbären Winnie Pooh. Das Studio Walt Disney, das nach wie vor die Rechte an dem honigliebenden Gesellen besitzt, wird Mitte August seine Sicht der Dinge abliefern. Zuerst aber kommt nun Simon Curtis‘ „Goodbye Christopher Robin“ in die Kinos – es wird spannend sein zu sehen, wie unterschiedlich die verschiedenen Werke die Ereignisse schildern werden.

Curtis setzt dabei auf das Porträt des titelgebenden Christopher Robin respektive dessen Vater, dem durchaus umstrittenen Schriftsteller A.A. Milne: Als der Kriegsveteran Alan Milne (Domhnall Gleeson) aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt, leidet er unter entsetzlichen Traumata. Immer wieder hört er die dröhnenden Bombeneinschläge. An Schlaf ist nicht zu denken.

Das ändert sich auch nicht, als seine ihn liebende Ehefrau Daphne (Margot Robbie) ihren ersten gemeinsamen Sohn Christopher Robin (Will Tilston) zur Welt bringt. Doch da es ihr schwerfällt, eine Verbindung zu dem Jungen aufzubauen, wird Alan schnell zu Christophers engster Bezugsperson.

Ein Sohn, der seinen Eltern Stress bereitet

Beim gemeinsamen Spielen im Wald inspiriert er seinen Vater zum Schreiben eines Kinderbuches, in dessen Mittelpunkt ein kleiner Junge und dessen viele tierische Freunde aus dem Hundertmorgenwald stehen. Der Roman wird zu einem großen Erfolg, auch im Hause Milne kehrt langsam Ruhe ein. Doch als die Welt mitbekommt, dass es Christopher Robin tatsächlich gibt, ist es mit dem Frieden vorbei. Die Menschen wollen Christopher und den Hundertmorgenwald mit eigenen Augen sehen – und seinen Eltern entgeht dabei, was für einen Stress das ihrem Sohn bereitet.

Filmkritik "Goodbye Christopher Robin": Wie Winnie Pooh entstand

Foto: Twentieth Century Fox

Simon Curtis („Die Frau in Gold“) inszeniert seinen Film als Märchen. Von der bilderbuchhaften Visualisierung über die seichten Dialoge bis hin zur facettenfreien Zeichnung von Gut und Böse ist in „Goodbye Christopher Robin“ alles so offensichtlich, dass man selbst dann den Verlauf und Ausgang der Geschichte erahnt, wenn man mit ihr vorab gar nicht vertraut war.

Das Potenzial nicht ausgeschöpft

Es ist ziemlich eindeutig, worauf der Film hinauswill: Der idealistische Vater lässt sich von seinem Erfolg blenden und übersieht dadurch die Belange seines Sohnes, der von seinen karrierefixierten Eltern plötzlich von einem öffentlichen Auftritt zum nächsten gescheucht wird.

Filmkritik "Goodbye Christopher Robin": Wie Winnie Pooh entstand

Foto: Twentieth Century Fox

Dass sich „Goodbye Christopher Robin“ dabei zunächst noch zu fast gleichen Anteilen um die Sicht beider Seiten bemüht, zeigt, dass in der Geschichte Potenzial für mehr dringesteckt hätte.

Vor allem am Anfang ist die Diskrepanz zwischen der Sicht der Eltern und der des Sohnes spannend und sorgt für Zündstoff; schließlich gönnt man dem Vater nach der schrecklichen Zeit an der Front durchaus seinen Erfolg als Schriftsteller, während die Drehbuchautoren Frank Cottrell Boyce („The Railway Man“) und Simon Vaughan (produzierte mehrere TV-Serien) die Überforderung des kleinen Jungen deutlich hervorheben.

Filmkritik "Goodbye Christopher Robin": Wie Winnie Pooh entstand

Foto: Twentieth Century Fox

Doch vieles in „Goodbye Christopher Robin“ wird nur angedeutet. Von der emotionalen Beziehung unter den karikaturesk gezeichneten Figuren (vor allem Margot Robbie darf nicht mehr spielen, als die hysterische Ehefrau) bekommt man kaum etwas mit. Anstatt beide Erzählebenen – die des Jungen und die der Eltern – irgendwann miteinander zu verbinden, verweigert die Geschichte konsequent die Zusammenführung. Es scheint, als wolle man durchaus beiden Sichtweisen Verständnis entgegenbringen, doch um Stellung zu beziehen, fehlt es dem Regisseur am Mut, Reibungspunkte zuzulassen. So hat man am Ende zwar nicht das Gefühl, dass hier etwas ausgelassen wurde, doch die Harmonie in „Goodbye Christopher Robin“ scheint nur vorgeschoben. (Antje Wessels, dpa)

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