Mittwoch, 22. August 2018 22:45 Uhr

Filmkritik „Gundermann“: Geschichte eines baggerfahrenden Popstars

Er war zugleich Baggerfahrer und Musiker, Vater und Freigeist, Rebell und Stasi-Mitarbeiter. Vor 20 Jahren starb Gerhard Gundermann. Nun ruft ein Kinofilm ihn wieder in Erinnerung. Er bietet einen differenzierten Blick auf den Alltag in der DDR.

Filmkritik "Gundermann": Geschichte eines baggerfahrenden Popstars

Foto: Pandora

„Ach. So eine dicke Schwarte? Wir können noch mal zusammen reingucken in meine Texte“, sagt der Musiker, mitten im Wohnzimmer des Puppenspielers stehend, im Plauderton. Der Puppenspieler erstarrt. In der „Schwarte“, einem dicken Ordner, hat die Stasi Informationen über ihn gesammelt. Und diese kamen vom Musiker Gerhard Gundermann. „Ja, stimmt, ich war IM Grigori“, gesteht der blonde Schlaks dem bespitzelten Puppenspieler beiläufig – gleich zu Beginn des Films „Gundermann“.

Beliebt, aber umstritten

20 Jahre nach dem Tod des zugleich beliebten und wegen seiner Stasi-Mitarbeit umstrittenen sächsischen Liedermachers Gerhard Gundermann (1955-1998) kommt nun ein vielschichtiges, berührendes Porträt über ihn ins Kino. Regisseur Andreas Dresen hat dafür mit seiner Stamm-Drehbuchautorin Laila Stieler rund zehn Jahre daran gearbeitet – es ist ein Stück Zeitgeschichte ohne Schwarz-Weiß-Malerei geworden.

2009 hatte Andreas Dresen („Halbe Treppe“) gesagt, er wolle gerne mal einen Film über Gundermann machen. „Der hat so eine verrückte DDR-Biografie gehabt! Er hat im Tagebau im Abraumbagger gesessen, aus dieser Erdverbundenheit seine Kunst entwickelt und wunderbare, poetische Lieder geschrieben. Abends ist er dann losgefahren mit seiner Band.“

Es ist nicht der erste Film über den „singenden Baggerfahrer“ der in der DDR viele Fans hatte. Regisseur Richard Engel drehte die Dokumentationen „Gundi Gundermann“ (1981) und „Ende der Eisenzeit“ (1999). Bei beiden Filmen waren die Umstände schwierig: Der erste lief nach Querelen und angewiesenen Veränderungen versteckt zu später Stunde im DDR-Fernsehen. Mitten in der Arbeit zum zweiten Dok-Film starb der Protagonist plötzlich mit 43 Jahren an einem Hirnschlag.

Filmkritik "Gundermann": Geschichte eines baggerfahrenden Popstars

Foto: Pandora

128 Minuten nimmt sich Dresen nun Zeit. Es gibt zwei Zeitebenen: vor und nach dem Mauerfall. „Gundermann“ mit dem brillanten Alexander Scheer („Sonnenallee“) in der Hauptrolle ist vor allem ein DDR-Drama, aber auch ein Musik-, Heimat- und Liebesfilm. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der Schuld. Der beliebte und liebenswerte Musiker als Stasi-IM – eindeutige Schubladen „Täter“ oder „Opfer“ gibt es dafür bei Dresen nicht.

Acht Jahre Stasi-Spitzel

Sein kumpelhafter Führungsoffizier (Axel Prahl) wirbt den Musiker beiläufig an. Bei seinem ersten Spitzel-Einsatz scheitert Gundermann, weil er zu viel trinkt. Tragikomisch wird es, als er in der Küche eines Arbeitskollegen (Milan Peschel) sitzt, um ihm mitzuteilen, dass er IM war. Der Kollege bricht in Gelächter aus, fragt Gundermann: „Und, was haste getratscht?“ – Dieser: „Ich hab nur Gutes erzählt. Dass du zuverlässig bist. Da lacht der Kollege und sagt: „Ich war auch bei der Stasi. – Ich war hauptsächlich auf dich angesetzt.“

Filmkritik "Gundermann": Geschichte eines baggerfahrenden Popstars

Foto: Pandora

Gundermann war 1976 bis 1984 inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Unter dem Decknamen „Grigori“ berichtete er etwa detailliert über Mitglieder des Singeklubs Hoyerswerda auf West-Reisen. Im Film wird ihm nach und nach klar, wie viel Schuld er auf sich geladen hat.

1984 schloss die Stasi die IM-Akte Gundermanns – und begann, ihn wegen „negativfeindlichem Standpunkt“ zu bespitzeln. Zugleich wurde er wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit“ aus der SED ausgeschlossen. In „Gundermann“ spricht er mutig immer wieder Missstände an, etwa fehlende Arbeitssicherheit. „Der Genosse hat den Vor- und Nachteil, dass er ausspricht, was er denkt“, sagt ein Kollege über ihn.

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Foto: Pandora

Alexander Scheer, der in der DDR geboren wurde, aber beim Mauerfall erst 14 Jahre alt war, geht komplett in der Rolle als „Gundi“ auf. Auch dank der Maske ist die Ähnlichkeit mit dem echten Gundermann verblüffend: lange dünne blonde Haare, übergroße Brille, blau gestreiftes Fleischerhemd – und eine Stimme, die unter die Haut geht. Alle Songs des Rockpoeten aus der Lausitz hat Scheer für den Film selbst eingesungen.

Das Porträt ist auch ein Heimatfilm. Beeindruckend die Mondlandschaft des Tagebaus, der zugleich Arbeitsplätze bietet, zur tödlichen Gefahr werden kann und Dörfer vernichtet. Die Arbeit ist hart, die Menschen in den riesigen Baggern sind herzlich. „Ich will meine Lieder nicht für Brot spielen müssen“, sagt Gundermann im Film – und fährt immer wieder direkt nach Konzerten zur Nachtschicht. (Sophia-Caroline Kosel, dpa)

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