Montag, 30. September 2019 23:17 Uhr

Filmkritik „Skin“: Packendes Drama über Neonazi-Aussteiger

© Ascot Elite Entertainment / 24 Bilder

„Verräter werden abgestochen“ – so hat es Bryon Widner auf seinen Beinen tätowiert. Der harte Neonazi versteht sich auf das Töten von Andersdenkender und Ermittler-Hassen. Doch dann tritt eine Frau in sein Leben und er will aussteigen. Der Kinofilm „Skin“ zeigt eine wahre Geschichte.

Sein rechtsextremes Gedankengut geht ihm unter die Haut. Tätowierungen an Beinen, Händen, Armen, rauf bis ins Gesicht und unter dem kahl rasierten Schädel zeichnen Bryon Widner: Waffen, ein Pfeil quer übers Auge, der Schriftzug „Vinlanders SC“ für einen Skinhead-Club und das Label des rechtsextremes Netzwerks „Blood & Honour“.

Filmkritik "Skin": Packendes Drama über Neonazi-Aussteiger

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Widner lebt in einer Gruppe Weißer, die Schwarze nicht dulden, sie verfolgen, ihnen doppelte Siegrunen (SS) ins Gesicht ritzen. Doch als die Dreifach-Mutter Julie in sein Leben tritt, macht es eine 180-Grad-Wende. Plötzlich werden die Tattoos zu Brandzeichen.

Darum geht’s

Der Spielfilm „Skin“ erzählt die reale Geschichte des Aussteigers Widner, der einst vom FBI verfolgt wurde und jegliche Kooperation ablehnte – nun aber die rechte Szene hinter sich lassen und ein neues Leben mit Julie beginnen will. Bei einem Menschenrechtsaktivisten holt er sich Hilfe, ausgerechnet bei einem Afroamerikaner. Der spricht mit Widner auch über die Möglichkeit, die Tätowierungen per Laser entfernen zu lassen.

„Was, wenn ich das ganze Zeug loswerde und ich immer noch ein Stück Scheiße bin?“, fragt der Neonazi seinen Helfer. 612 Sitzungen sind nötig. Immer wieder sieht das Publikum den Laser aufblitzen, sieht das schmerzverzerrte Gesicht Widners.

Der israelische Filmemacher Guy Nattiv inszeniert die Geschichte düster und brutal. Sein gleichnamiger Kurzfilm wurde dieses Jahr mit dem Oscar prämiert. Vieles spielt in der Dunkelheit, die Szenen haben es in sich: Schlägereien, brennende Menschen, tödliche Schüsse, spritzendes Blut. Die Sprache: derb. Nicht ohne Grund ist der Film in den deutschen Kinos erst für Zuschauer ab 16 Jahren freigegeben.

Jamie Bell ist großartig

Über Widners Metamorphose drehte Bill Brummel bereits 2011 die Fernsehdokumentation „Erasing Hate“. Nattiv stieß ein Jahr später auf die Geschichte – beim Zeitungslesen in Tel Aviv. „Als Enkel von vier Holocaust-Überlebenden wollte ich sofort mehr über ihn erfahren. Ich zeigte den Artikel meinem Großvater und er ermutigte mich, die Geschichte weiter zu verfolgen“, sagt Nattiv laut Presseheft.

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Sie trafen sich, saßen vier Tage zusammen. „Wir freundeten uns sogar an. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit einem Ex-Neonazi so gut auskommen würde.“ Er spricht von einem „innerlich wie äußerlich schwer verletzten Mann“, der sich grundlegend geändert habe.

Vor allem Hauptdarsteller Jamie Bell, der einst den so zarten Ballettschüler Billy Elliot spielte, überzeugt mit seiner Darstellung des vom Typ so völlig anderen Widners: breitbeiniger Gang, hartes Auftreten. Und eben die Tattoos am ganzen Körper, die ein Wegschauen fast unmöglich machen. Dreieinhalb Stunden brauchten die Maskenbildner laut Nattiv fast jeden Tag, damit Bell zu Widner wurde.

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Ganz plausibel erklärt der Film trotz knapper zwei Stunden nicht, warum der kantige Kerl plötzlich eine weiche Seite zeigt und zulässt – und lieber liebender Familienvater als mordender Patriot sein will. Auch werden die Machtstrukturen innerhalb seiner rechtsgerichteten Wikinger-Gruppe eher oberflächlich dargestellt, ein Mord an einem „Familien“-Mitglied bleibt weitgehend unkommentiert.

Doch auch trotz dieser Flanken und wenn wegen der wahren Begebenheiten und des beschriebenen Drehs in Widners Leben der Schluss nun keine Überraschung ist, fesselt „Skin“ bis zum Ende. (Marco Krefting, dpa)

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Guy Nattiv und Jamie Bell. Foto: imago images / MediaPunch

 

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