26.02.2019 23:11 Uhr

Filmkritik „The Hate U Give“: Einer der packendsten Filme der letzten Jahre

Foto: Twentieth Century Fox

Das Rassismusdrama „The Hate U Give“ wirkt im Trailer wie ein durchkalkuliertes Jugenddrama zum Thema Polizeigewalt. Die packende Bestsellerverfilmung hat aber sehr viel mehr zu sagen – und gerät zu einer echten Überraschung.

Filmkritik "The Hate U Give": Einer der packendsten Filme der letzten Jahre

Foto: Twentieth Century Fox

„The Hate U Give“ ist einer dieser Jugendfilme, der normalerweise komplett schief geht. Ein Drama über Rassismus und das immer noch problematische Zusammenleben von Schwarzen und Weißen in den USA, mit mehr als zwei Stunden Länge? So etwas fühlt sich schnell mal nach Hausaufgabe im Englischunterricht an. Um es kurz zu machen: Der Film umschifft alle möglichen Probleme und gerät zu einem der packendsten und eindrücklichsten (Jugend-)Filme der letzten Jahre.

Das auf einem US-Bestseller basierende Drehbuch erzählt vielschichtig von einem virulenten gesellschaftlichen Problem, die Darsteller sind durchgängig glaubwürdig und je nach Bedarf passend charmant, natürlich oder kämpferisch und Regisseur George Tillman Jr. verpasst dem Ganzen eine beeindruckende Dringlichkeit. Wer nach dem Trailer zu wissen glaubt, wohin dieser Film führt, wird von den vielen gezeigten Facetten in Handlung und Charakteren gehörig überrascht sein.

Darum geht’s

Im Mittelpunkt steht Starr (Amandla Stenberg, die mit dieser Rolle endgültig zu einem der wandelbarsten Stars ihrer Altersklasse wird), ein Teenage-Mädchen zwischen den Welten. Tagsüber geht sie mit weißen Kindern auf eine Schule im besseren Teil einer Metropole, aber den Rest der Zeit verbringt sie mit ihrer Familie in einem von Drogenbanden geprägten schwarzen Problemviertel. Schon mit neun Jahren bekommt sie von ihrem Vater „The Talk“: eine Einweisung darin, wie sie sich im Fall einer Polizeikontrolle zu verhalten hat, damit ihre Chancen zu Überleben steigen.

Einige Jahre später trifft sie auf einer Party Khalil wieder, einen Freund aus Kindheitstagen. Er will sie heimbringen, aber beide werden bei einer Polizeikontrolle gestoppt. Ein weißer Polizist hält eine Haarbürste für eine Waffe Khalils und tötet ihn. Starr ist abgesehen von einem anderen Polizisten die einzige Zeugin und muss sich entscheiden, ob sie zur Anführerin wütender Proteste werden will.

Filmkritik "The Hate U Give": Einer der packendsten Filme der letzten Jahre

Foto: Twentieth Century Fox

Traurige Realität

Was für deutsche Zuschauer übermäßig dramatisiert klingt, ist in den USA Alltag. Das Thema ist dringlich und traurig relevant: 229 Schwarze wurden 2018 laut Zahlen der „Washington Post“ von Polizisten im Dienst getötet, davon war rund ein Drittel jünger als 29 Jahre und nur 123 hatten eine Waffe bei sich. Jeder dritte schwarze Mann in den USA landet im Laufe seines Lebens im Gefängnis.

Doch der Film zeigt nicht nur diese großen Konflikte, sondern beweist auch in seinen kleinen Geschichten Feingefühl. So ist Starrs Beziehung zum weißen Teenager Chris nie aus dramaturgischen Gründen problematisch, sondern eben deshalb, weil ein weißer Oberschichts-Junge weite Teile des Alltags seiner schwarzen Freundin von der anderen Seite der Stadt nur schwer nachvollziehen kann.

Filmkritik "The Hate U Give": Einer der packendsten Filme der letzten Jahre

Foto: Twentieth Century Fox

Damit sprengt das Jugenddrama die Konventionen des Genres – es ist gelungener und dringender als viele auf Erwachsene zielende Filme, weil sich „The Hate U Give“ keine einfache Lösung erlaubt. Obwohl kurz vor Schluss etwas Optimismus aufkommt, tut das unbequeme Drama niemals so, als ließen sich Sprachlosigkeit, antrainierte Aggression und tief verwurzelter Rassismus leicht überwinden. (Christian Fahrenbach, dpa)