04.10.2018 22:45 Uhr

Filmkritik „Werk ohne Autor“: Haarsträubend und sowas von gestern!

Angestaubt wie Opas Kino: „Werk ohne Autor“ will über drei Generationen deutsche Geschichte erzählen. Doch soviel steht für uns fest: Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck verhebt sich krachend.

Kurt (Tom Schilling) beim Malen im Studium. Foto: Buena Vista International/ Pergamon Film / Wiedemann & Berg Film

Das Dreistunden-Werk „Werk ohne Autor“ begibt sich auf die Spuren des fiktiven Malers Kurt Barnert (Tom Schilling). Der kleine Kurt hat eine Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl), die das Talent des Kindes schon klar erkennt und mit ihm Ausstellungen in Dresden besucht. Eine davon ist die „entartete Kunst“ – die beiden sind sofort begeistert, dürfen es nur den Nazis nicht zeigen. Die Tante hat leider schizophrene Schübe, wird von den Nazis erst weggesperrt und später in einer Gaskammer ermordet. Für die Vergasung ist der Nazi-Arzt Carl Seeband (Sebastian Koch) verantwortlich.

Für das Kind war die Tante die Bezugsperson schlechthin, das Trauma über ihren Verlust und die Angst, selbst von der Krankheit betroffen zu sein, zieht sich durch Kurt Barnerts gesamtes Werk. Der Arzt, der verantwortlich war für das NS-Euthanasie-Programm in ganz Sachsen, wird später der Schwiegervater von Kurt. Klingt wie erdacht, ist es aber nicht ganz.

Dieser Knackpunkt ist ein Fakt: Die Figur des Malers Kurt Barnert kreist um das Leben des weltbekannten Malers Gerhard Richter. Richter hat tatsächlich die Tochter des Mörders seiner Tante geheiratet. Das macht die Geschichte an sich unglaublich spannend und es ist unmöglich, während des Film diese Tatsache auszublenden.

Der Film geht die Stationen des Malers durch und erzählt an diesem Lebensweg die Geschichte Deutschlands von der Nazizeit, dem 2. Weltkrieg und dem Leben erst in der DDR, dann in der BRD. Es tauchen eine Menge Künstler als Zeitzeugen auf (z.B. Beuys, der natürlich im Film anders heißt), aber nie als Charaktere. Sie sagen den Text auf und weiter geht’s.

Der kleine Kurt Barnert (Cai Cohrs) begegnet der Kunst. Foto: Buena Vista International/ Pergamon Film / Wiedemann & Berg Film

Wie konnte Gerhard Richter dafür bloß seine Einwilligung geben? Naja, vielleicht brauchte es die auch gar nicht, weil es ja doch eine fiktive Geschichte sein soll…

Der Regisseur stochert im Leben von Kurt Barnert herum, ohne sich auf die Beziehungen der Figuren zu konzentrieren. Es ist völlig egal, in welche Phase man Kurt Barnert beim Leben zusehen darf, die Beliebigkeit ist erschreckend. Im Zentrum steht ein Maler, der nie agiert sondern immer nur reagiert – seltsam leer und schablonenhaft, was selbstverständlich nicht an der Qualität des Schauspiels des großartigen Tom Schilling liegt.

Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl) soll dem Führer Blumen überreichen. Foto: Buena Vista International/ Pergamon Film / Wiedemann & Berg Film

Ein Frauenbild zum Haare sträuben

Auch das Frauenbild von Henckel von Donnersmarck lässt einen die Haare zu Berge stehen. Frauen haben schön und attraktiv zu sein: gern werden sie nackt ausführlich abgefilmt; auch darf frau keine Eigenheiten haben. Selbst Elisabeth, „Ellie“, die ja ebenso Künstlerin wie Kurt ist, darf lediglich einen Anzug für ihren Freund schneidern. Einen eigenen Willen hat sie nicht: Fehlanzeige auch bei allen anderen Frauenrollen.

Der Part aller Frauen ist, die Klappe zu halten, duldsam zu sein und die Männer zu unterstützen bzw. diese zu ertragen.

Was ganz besonders nervig auffällt sind die Sexszenen zwischen Kurt und Ellie. Diese sind zwar häufig zu sehen, aber so langweilig und altbacken, dass der Eindruck entsteht, eine Wiederholung der ersten zu sehen. Auch hier gilt: möglichst lange auf dem Frauenkörper verweilen während nichts anderes geschieht, ohne Dialog oder Handlung.

Professor Carl Seeband (Sebastian Koch) lässt sich von Kurt Barnert malen. Foto: Buena Vista International/ Pergamon Film / Wiedemann & Berg Film

Blutleer und viel zu lang

Fazit: Mit dem kassengift-artigen furztrockenen Titel „Werk ohne Autor“ meldet sich Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck (Markenzeichen Beethoven-Haare) nach einer Ewigkeit von neun Jahren ins Kino zurück. Nicht die lange Abstinenz allein auf der Leinwand kann der Grund für den angestaubten Look des Films sein.

Irgendwie verlässt einen während des Films nie der Eindruck, in Opas Kino zu sitzen, fehlt nur noch, dass Heinz Rühmann im Film erscheint. Optisch passen, würde es allemal. „Werk ohne Autor“ will drei Generationen Deutschland zeigen und bleibt doch in altbackenem Opas Kino haften. Das Niveau von „Werk ohne Autor“ ist auf Mehrteiler einer TV-Produktion im Privatfernsehen. Mit 3 Stunden 8 Min. deutlich zu lang mit seltsam blutleeren Dialogen, was eindeutig nicht an den Schauspielern liegt. (Kinotante Katrin)

von Donnersmarck am Set mit Lars Eidinger. Foto: Buena Vista International / Nadja Klier