Dienstag, 26. März 2019 22:19 Uhr

Filmkritik „Willkommen in Marwen“: Bizarres „Puppen“-Drama

Mark Hogancamp stellt in seinem Garten mit Puppen Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg nach und die Fotos davon machen ihn berühmt. Robert Zemeckis verfilmt diese wahre Geschichte – mit prominenten Gesichtern wie Steve Carell und Diane Kruger.

Filmkritik "Willkommen in Marwen": Bizarres "Puppen"-Drama mit Steve Carell

Foto: Universal Pictures

Robert Zemeckis gehört zu den erfolgreichsten Regisseuren in Hollywood: In den 80er Jahren ließ er Michael J. Fox in seinem DeLorean in „Zurück in die Zukunft“ durch die Zeit reisen lassen. Er stellte den Zeichentrickhasen Roger Rabbit an die Seite von Bob Hoskins. Und er ließ Tom Hanks als „Forrest Gump“ in historische Aufnahmen hineinmontiert Tischtennis gegen John F. Kennedy spielen.

Diese Beispiele veranschaulichen das eine Leitmotiv von Zemeckis Arbeit: wegweisende Computer- und Animationseffekte, die aber nicht für brutale Actionsequenzen genutzt werden, sondern versuchen, sich in den Dienst einer familientauglichen Story zu stellen.

Darum geht’s

Auch in seinem neuesten Werk „Willkommen in Marwen“ spielt ungewöhnliche Animation eine wichtige Rolle: Erzählt wird die an wahre Geschehnisse angelehnte Geschichte von Mark Hogancamp, gespielt von Steve Carrell. Nachdem dieser in einer brutalen Kneipenprügelei von fünf Hooligans zusammengeschlagen wird, gerät er immer mehr zum Einsiedler. Zu einem seiner wichtigsten Kontakte wird Roberta, eine lokale Spielwarenhändlerin, die ihm Weltkriegsfiguren mit Nazikluft und eine Tuppe weiblicher Gegenspielerinnen verkauft. Mit ihnen spielt Hogancamp Kriegsszenen im fiktiven belgischen Dörfchen Marwen nach. Die Fotografien dieser Nachbildungen bringen ihm schließlich sogar gefeierte Ausstellungen in New York.

Filmkritik "Willkommen in Marwen": Bizarres "Puppen"-Drama mit Steve Carell

Foto: Universal Pictures

Zemeckis hat sich dafür entschieden, die Spielfiguren in realistisch anmutenden Szenen zu animieren, was in einigen Momenten so ausschaut als sei „Lego Movie“ mit Barbiefiguren gestaltet worden, um Quentin Tarantinos Kriegsdrama „Inglourious Basterds“ nachzustellen.

Schnell ist klar, dass die weiblichen Puppen den Frauen in Hogancamps Leben nachempfunden sind und dass die Nazis den Hooligans entsprechen, die für seinen Zustand verantwortlich sind. Auch Carrell ist in diesen Sequenzen ungewöhnlich echt animiert – und Schauspielerin Diane Kruger kommt sogar ausschließlich in den computeranimierten Traumszenen als düstere Fee vor.

Filmkritik "Willkommen in Marwen": Bizarres "Puppen"-Drama mit Steve Carell

Foto: Universal Pictures

Leblose Animationen

So viel Erfahrung Zemeckis hat, Animation in seine Spielfilme einzubinden, so verließ ihn in jüngster Zeit aber das Gespür für wirklich Warmherziges. Stattdessen lebte der 66-Jährige seinen Inszenierungs-Tick im kalten 3D-Seiltänzer-Drama „The Walk“ aus, und im „Polarexpress“ kreierte er eine hölzerne Computerversion von Tom Hanks. Auch diesmal, in „Willkommen in Marwen“, ist die Animation seltsam leblos.

In diesen Puppenszenen zeigt sich außerdem Zemeckis’ zweites großes Problem: Gesellschaftliche Debatten haben sich so sehr weiterentwickelt, dass sein Frauenbild längst nicht mehr zeitgemäß ist. Was vielleicht bei der rothaarigen Zeichentrickfigur Jessica Rabbit noch verführerisch-niedlich und bei Forrest Gumps Jenny rührend daherkam, funktioniert hier nicht mehr.

Filmkritik "Willkommen in Marwen": Bizarres "Puppen"-Drama mit Steve Carell

Foto: Universal Pictures

In „Willkommen in Marwen“ sind die Frauen seltsame Fantasiegebilde in drallen, engen Klamotten und neben plump sexualisierten Anspielungen maximal dafür da, der männlichen Hauptfigur allzu offensichtliche Weisheiten zu vermitteln.

Das ließe sich noch auf das historische Vorbild schieben, doch der tatsächliche Hogancamp ist eine deutlich komplexere Figur als es ihm der Spielfilm gestattet: Über den Fotografen gab es bereits im Jahr 2010 eine herausragende Dokumentation namens „Marwencol“, die bei weitem nicht der unglücklichen Opfer-überwindet-Trauma-Dramatik des Spielfilms folgt. Stattdessen wird Hogancamp dort als Figur mit Ecken und Kanten erlebbar, ein knorriger Kettenraucher, der andere auch mal vor den Kopf stößt. In Zemeckis’ Inszenierung ist Steve Carell zwar auch häufiger mit Zigarette zu sehen. Diese hängt aber fast immer unangezündet in Hogancamps Mundwinkel – und das ist letzten Endes alles, was man über dieses sterile Drama wissen muss. (Christian Fahrenbach, dpa)

 

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