Mittwoch, 10. Januar 2018 20:29 Uhr

Filmkritik: „Wonder Wheel“ mit Kate Winslet und Justin Timberlake

Woody Allen wählt die bunte Kulisse eines Jahrmarkt-Riesenrads für sein neues Melodrama „Wonder Wheel“. Kate Winslet spielt eine gefrustete Ehefrau in den 50er Jahren – und mit Justin Timberlake eine Affäre hat.

Filmkritik: "Wonder Wheel" mit Kate Winslet und Justin Timberlake

Foto: Warner Bros.

Auf den ersten Blick ist es eine kunterbunte, ausgelassene 50er-Jahre-Welt, mit rosa Zuckerwatte, wirbelnden Karussellen und einem leuchtenden Riesenrad: In seinem 48. Regiewerk entführt der New Yorker Altmeister Woody Allen (82) in den Vergnügungspark Coney Island.

Dort hat der Rettungsschwimmer und Literaturstudent Mickey (Justin Timberlake) ein Auge auf die Strandgänger, doch eigentlich träumt er davon, als Dramaturg berühmt zu werden. Dass „Wonder Wheel“ allerdings keine vergnügliche Romanze ist, macht Kate Winslet als verhärmte Imbissstuben-Kellnerin Ginny den Zuschauern sofort klar.

Die Rolle ist eine Tour de Force für die Oscar-Preisträgerin („Der Vorleser“), von Migräne gepeinigt und von ihrem zweiten Ehemann Humpty (Jim Belushi), einem rüpelhaften Karussellbetreiber, völlig genervt. Müde pendelt die fast 40-Jährige zwischen Herd, Job und Therapiesitzungen für ihren missratenen Sohn aus erster Ehe, der als Brandstifter Ärger macht. Nur in Mickeys Armen ist der Frust vergessen – als Geliebte des viel jüngeren Bademeisters lebt Ginny auf. Eine Paraderolle für Winslet, die alle Gefühlsregister von Leidenschaft, Hoffnung, Schuldgefühlen und Verzweiflung zieht.

Eine Nostalgie-Zirkusreise

Die überraschende Rückkehr ihrer Stieftochter Carolina (Juno Temple) bringt „Wonder Wheel“ weiter in Fahrt. Als 20-Jährige war die hübsche Blondine mit einem Mafia-Gangster durchgebrannt, nun sucht sie bei ihrem entfremdeten Vater in dem turbulenten Vergnügungspark Schutz.

Filmkritik: "Wonder Wheel" mit Kate Winslet und Justin Timberlake

Foto: Warner Bros.

Auch in seinem vorigen Film „Café Society“ ging Allen auf eine nostalgische Zeitreise, zurück ins Hollywood der 1930er Jahre. Die romantische Dreieckskomödie mit Kristen Stewart, Jesse Eisenberg und Steve Carell war voller Ironie und amüsanten Seitenhieben auf die Kino-Traumfabrik. In „Wonder Wheel“ geht es nun wieder so melodramatisch und düster zu wie in Allens Meisterwerk „Blue Jasmine“ (2014), mit Cate Blanchett in ihrer Oscar-prämierten Rolle als gestrandete Gesellschafts-Diva.

Auch mit 82 Jahren hat Allen dabei weiterhin ein Händchen für starke Frauenrollen. Damit konnte der Regisseur und Drehbuchautor offenbar auch Winslet überzeugen. Die Engländerin schwärmte im Interview des Kinoportals „Deadline.com“ über Allens starke, mitreißende und geistreiche Dialoge für Ginnys Charakter. Die Story der vom Leben bitter enttäuschten Frau habe sie sehr betroffen gemacht, sagte Winslet.

Filmkritik: "Wonder Wheel" mit Kate Winslet und Justin Timberlake

Foto: Warner Bros.

Der Tiefgang fehlt

Die Schauspielerin mag dies selbst so empfunden und auch überzeugend verkörpert haben. Dennoch hat man als Zuschauer irgendwann von Ginnys Dilemma genug. Richtig in die Tiefe geht Allen mit der Figur nicht, die Geschichte bleibt stellenweise flach. Auch verblasst Justin Timberlake an Ginnys Seite. Nur auf den ersten Blick macht der Sänger und Schauspieler im schwarz-grünen Schwimmanzug der 1950er Jahre eine gute Figur. Doch als Erzähler und Verführer verläuft die Leidenschaft des Bademeisters schnell im Sande. Jim Belushi macht das mit hemdsärmliger Präsenz als ungehobelter Ehemann ein wenig wett.

Filmkritik: "Wonder Wheel" mit Kate Winslet und Justin Timberlake

WA16_D03_0467.CR2

„Wonder Wheel“ mag es an fesselnden Dialogen und beißendem Witz fehlen, umso üppiger sind die leuchtenden Farben und poetischen Bilder von Kameramann Vittorio Storaro. Der mit drei Oscars prämierte italienische Altmeister (77, „Apocalypse Now“, „Der letzte Kaiser“) hatte für Allen auch schon „Café Society“ gedreht.

Mit dem titelgebenden Wonder-Wheel-Riesenrad leuchtet Storaro nun Ginnys und Humptys schäbige Wohnung aus. Sie liegt mitten in dem Vergnügungspark und ist Schauplatz für viele Szenen. Nachts tauchen die grellen Lichter der riesigen Attraktion die Gesichter in Rot und Blau, tagsüber flutet ein warmes Sonnengelb durch den Raum. Das Melodrama ist weit von Allens besten Filmen entfernt, doch die wunderbaren Bilder und Kate Winslet geben „Wonder Wheel“ letztendlich genügend Schwung für eine nostalgische Zeitreise. (Barbara Munker, dpa)

OK

Hinweis: Durch Nutzung von klatsch-tratsch.de stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu. Mehr erfahren