02.09.2020 23:15 Uhr

„Freaks“: Eine deutsche Superheldin bei Netflix

Es ist überraschend, was es in Deutschlands Showbusiness für weiße Flecken gibt. Netflix besetzt ein Genre neu. Der Beginn einer Serie?

Netflix/David Dollmann

Zwischen ihrem Arbeitsplatz im Schnellrestaurant und ihrer Kleinfamilie in der Vorstadt fristet Wendy (Cornelia Gröschel) ein eher graues und tristes Leben. Ihr Kind wird von Mitschülern gemobbt, die Mittdreißigerin und ihr Mann kämpfen mit Schulden.

"Freaks": Eine deutsche Superheldin bei Netflix

Netflix/David Dollmann

Darum geht’s in „Freaks“

Ein Alltag, wie ihn wohl Hunderttausende in Deutschland kennen. Nur in manchen Traumfetzen kommt Wendy manchmal zu Bewusstsein, dass sie als Kind mal in etwas Größeres verwickelt war. Dann kommen Bilder in ihr hoch, von einem großen Loch in der Schulwand, von Chaos und von Blaulicht.

Wendy schluckt Pillen, und die Bilder verschwinden. Bis eines Tages ein zerlumpter Mann sie an der Mülltonne anspricht. „Du bist eine von uns“, raunt Marek (Wotan Wilke Möhring) ihr zu. Kurz darauf springt Marek von der Autobahnbrücke und verschwindet spurlos. Der Anfang des deutschen Netflix-Films „Freaks“, der an diesem Mittwoch online geht.

"Freaks": Eine deutsche Superheldin bei Netflix

Netflix/David Dollmann

Superhelden made in Germany sind Mangelware

Von Batman bis zu den Avengers – Superheldenfilme sind seit Jahren ein Erfolgsgarant. Sie sind aber ein ur-amerikanisches Genre und stammen daher fast immer aus Hollywood, Deutsche hingegen sind in diesen Filmen nur als Schurken gefragt. Man muss sehr lange kramen, um Experimente mit deutschen Superhelden zu finden: Da gibt es den Kurzfilm „Captain Berlin“ (1982) des Underground-Filmers Jörg Buttgereit. In Stummfilmen der Weimarer Zeit tauchen Figuren mit übergroßen Kräften auf. Sie haben aber selten eigenen Verstand oder Gutes im Sinn – vom Maschinenmenschen aus „Metropolis“ bis zum Golem.

Netflix begründet in Deutschland also eine neue Tradition und kann sie frei gestalten. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass Superhelden hierzulande so deftig fluchen dürfen wie auf dem Fußballplatz. Die charmante Hauptdarstellerin freut sich sichtlich: „Ich fand das super“, sagt Cornelia Gröschel. „Als ich den Film angeschaut habe, dachte ich auch: Das ist sehr erfrischend, weil es so real ist.“ Zuschauer kennen die 32-Jährige aus 50 Rollen seit ihrer Kindheit, unter anderem als Dresdner „Tatort“-Ermittlerin Leonie Winkler.

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Cornelia Gröschel hat Lust auf mehr

Gröschel hätte durchaus Lust, in mehr Superhelden-Filmen mitzuspielen: „Das macht einfach Spaß. Weil es immer spannend ist, auch bei meiner „Tatort“-Rolle, wenn Du ganz explizit etwas lernen oder Dir bestimmte Eigenschaften aneignen musst. Und das ist in Superhelden-Filmen cool, weil Du mit physikalisch nicht möglichen Dingen in Berührung kommst und Dir überlegen musst: Wie setzen wir das um, dass es glaubhaft wirkt?“ Eine Herausforderung, sagt sie.

Zurück zum Plot: Wendy setzt die Tabletten ab, die sie bisher für Medizin hielt, und entdeckt ein Geheimnis: eine Verschwörung, die Menschen wie sie unterdrückt oder in Kliniken gefangen hält. Bald merkt sie im nahen Umfeld, dass es offenbar um recht viele Betroffene geht. Das klingt nach sehr klarem Feindbild von Gut und Böse, und genau so kommt es auf dem Bildschirm zumeist auch rüber. Das Drehbuch ist nicht die größte Stärke dieses Films, muss man leider sagen. Die Special Effects werden hingegen recht kunstvoll in Szene gesetzt.

"Freaks": Eine deutsche Superheldin bei Netflix

Tim Oliver Schultz als Electroman

Ein echter Pluspunkt ist auch die Spielfreude von Cornelia Gröschel, Wotan Wilke Möhring und Nina Kunzendorf, letztere als zwielichtige Psychiaterin. Tim Oliver Schultz ringt als „Electroman“ Elmar mit Tausenden Volt und seinem inneren Kampf zwischen Gut und Böse.

„Freaks“ – mit dem Untertitel „Du bist eine von uns“ – ist erstmal als 90-Minüter angelegt. Ob daraus eine Serie folgt? Das Ende lässt es offen. Die Beteiligten mögen sich nicht festlegen. Gröschel: „Schön wäre es natürlich, und wir würden uns alle sehr freuen, wenn wir weiterdrehen dürfen, aber für den Moment steht der Film für sich.“ (Christof Bock, dpa)

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© dpa-infocom, dpa:200902-99-401030/3

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