25.05.2013 11:25 Uhr

„Freier Fall“: Die Kinoüberraschung des Jahres räumt mit Schubladendenken auf

Seit Donnerstag läuft in den deutschen Kinos mit ‚Freier Fall‘ ein besonders bemerkenswerter Film. In den Hauptrollen – wie berichtet – das neue „Traumpaar des deutschen Films“: Hanno Koffler und Max Riemelt.

Einfühlsam und authentisch wird die Geschichte eines jungen Polizisten erzählt, dessen Welt aus den Fugen gerät, als er sich, trotz Ehefrau und erwartetem Nachwuchs, in einen anderen Mann verliebt.

„Sehr geradlinig erzählt und ausgesprochen konzentriert gespielt, entwickelt ‚Freier Fall‚ einen unglaublichen erzählerischen und emotionalen Sog“, heißt es dazu bei dpa. Und ‚Die Welt‘ schreibt: „Wie ein schwules Paar das deutsche Kino verändert“.

Der Streifen war Eröffnungsfilm der Berlinale in der Kategorie ‚Perspektive Deutsches Kino‘ und erhielt das Prädikat ‚Besonders wertvoll‘. Regisseur Stephan Lacant wurde außerdem in der Kategorie ‚Beste Regie‘ vom NDR beim Filmfest Schwerin ausgezeichnet.

klatsch-tratsch.de traf sich mit dem Regisseur, der verriet, wie man einen solchen Film macht, ohne in Klischees zu verfallen, warum es kein Happy End gibt und und warum ‚Freier Fall‘ trotz der gleichen Thematik doch ganz anders ist als ‚Brokeback Mountain‘.

Nimmt man sich einem brisanten Thema wie das der Homosexualität an, ist es nicht immer leicht, nicht in die gängigen Klischees zu verfallen und doch ist es Stephan Lacant mit ‚Freier Fall‘ gelungen ganz ohne Vorurteile und Wertungen auszukommen. Dazu sagte er: „Im Verlauf der über dreijährigen Drehbuchentwicklung haben wir sehr viel recherchiert. Wir haben mit geouteten und nicht geouteten Polizisten gesprochen, mit Familienvätern, die sich in einen Mann verliebten… Außerdem war mein Co-Autor Karsten Dahlem selbst eineinhalb Jahre bei der Bereitschaftspolizei, wodurch wir auf authentische Eindrücke aus dem Polizeimilieu zurück greifen konnten. Und dann hatte ich das Glück, mit tollen Schauspielern arbeiten zu können.“

Für Lacant hätte es mit Hanno Koffler, Max Riemelt und Katharina Schüttler keine bessere Besetzung geben können. So schwärmt er: „Hanno, Max und Katharina sind wirklich Vollblutschauspieler, die, wenn sie eine Rolle annehmen, sich da wirklich mit Haut und Haaren reinwerfen und für die Rolle leben.“

Auch wenn ‚Freier Fall‘ ganz klar von einer Schwulen-Problematik handelt, ist es dem Filmemacher doch sehr wichtig, dass es vor allem darum geht eine intensive Liebesgeschichte zu erzählen. „Ein großes Anliegen mit dem Film war es uns von Anfang an, mit dem Schubladendenken aufzuräumen. Es geht nicht um schwul, oder hetero, sondern um Liebe, mit allem was dazu gehört. Das wollten wir möglichst authentisch darstellen. Ob es jetzt um die Liebe zu einem anderen Mann, oder um eine andere Frau geht, war erstmal sekundär.“

Damit sich seine Darsteller auch bei den entsprechenden Sexszenen mit ihrer Rolle wohlfühlen, hat der Regisseur ihnen besondere Freiheiten gelassen. „Als Hanno, Max und Katharina gecastet waren, haben wir uns zu dritt sehr intensiv mit dem Drehbuch auseinandergesetzt und daraufhin auch noch mal einiges umgeschrieben. Mir war es ganz wichtig, dass die drei sich in ihren Rollen wohl fühlen und sich die Figuren zu eigen machen können, ohne dass ich von außen irgendetwas aufdränge. Das war bei den Sexszenen auch besonders wichtig. Sexszenen sind letztendlich immer schwierig – egal ob Mann und Mann oder Frau und Mann. Wir haben immer versucht, das Team am Drehort möglichst zu minimieren, um eine intime Atmosphäre zu schaffen, in der die Schauspieler sich fallen lassen konnten.“

Ein Happy End, das Männern in der gleichen Situation eine Art Lebenshilfe geben könnte, hat Lacant bewusst vermieden, wie er erzählt: „Ich will keine moralischen Filme machen, deswegen wollte ich da auch nicht so eine Art Lebenshilfe geben. Der Film soll die Menschen packen und berühren, aber am Ende soll nicht irgendeine Moral stehen. Ich glaube das Ende, das wir für den Film gewählt haben, gibt trotzt seiner Offenheit doch auch irgendwie einen hoffungsvollen Ausblick. Der Film heißt ja ‚Freier Fall‘ – Mark verliert zwar alles, gewinnt aber ein Stück weit sich selbst. Ich mag es generell, wenn eine Geschichte nicht vollends geschlossen ist und der Zuschauer sich nach dem Film selbst noch mit der Frage beschäftigen kann, wie es wohl weitergeht. Die einen vermuten, Marc geht zu seiner Frau zurück, andere sagen, er wird Kai suchen. Jeder macht da etwas anderes draus. Mit gefällt es, wenn ich als Zuschauer selbst noch viel Spielraum bekomme, den Film für mich selbst zu interpretieren.“

Bei einem Film wie ‚Freier Fall‘ liegt der Vergleich mit der „Mutter aller Filme über Homosexualität“ ‚Brokeback Mountain‘ von Regisseur Ang Lee natürlich nahe. Lacant sieht dennoch – abgesehen von der Story die bei beiden Filmen ja grundliegend anders ist – große Unterschiede: „Zum einen ist es eine Dreiecksgeschichte, sprich Marcs Beziehung zu seiner Frau spielt im Film eine gleichgewichtige Rolle, wie seine Affäre mit Kay. Er ist zerrissen zwischen zwei unvereinbaren Polen: Dem eingerichteten Leben mit seiner Familie, die er liebt, auf der einen Seite und den aufkeimenden Gefühlen für seinen Kollegen Kay auf der anderen Seite. Zum anderen gehen wir viel offener mit der Körperlichkeit zwischen den beiden Männern um.“

Lacant fügte hinzu: „Ich finde ‚Brokeback Mountain‘ ist ein ganz toller Film, der mich damals auch schon total beeindruckt hat. Aber beim Entwickeln des Drehbuchs hatten wir den Film, wenn überhaupt, nur am Rande im Kopf. Ich glaube, ein weiterer wesentlicher Punkt, der die beiden Filme unterscheidet ist, dass wir das Thema mehr ins hier und jetzt holen, zu Cowboys in Amerika in den 60er, 70er, 80er hat der Zuschauer dann doch auch eine größere Distanz. Auch was die Sexualität zwischen den beiden Männern angeht, sind wir in ‚Freier Fall’ doch viel weiter gegangen als ‚Brokeback Mountain‘. Wir hatten vor ein paar Wochen Screenings im Moma in New York und da haben mir auch ganz viele Amerikaner bestätigt, dass gerade das für sie auch schon ziemlich krass war, dass man so offen mit der Sexualität zwischen Marc und Kay umgeht, aber gerade das fanden sie auch toll und mutig.

Ein Blockbuster wie der amerkanische Vorreiter soll ‚Freier Fall‘ aber bewusst nicht sein, deshalb habe man sich auch für die Zusammenarbeit mit Salzgeber, einem etwas kleineren Verleih entschieden. „Letztlich ist es ein Art-House-Film. Wir versuchen zwar, auch ein breiteres Publikum zu erreichen, aber es ist jetzt erstmal per se kein Blockbuster. Und ich glaube es wäre auch falsch, den Film ins Blockbusterkino zu bringen, wo man dann neben Iron Man oder Star Trek läuft. Wenn da am ersten Wochenende die Zuschauerzahlen nicht stimmen, ist man auch Ruck-Zuck schon wieder draussen. In den kleineren Art-House-Kinos hat man die Chance auf längere Laufzeiten und darauf, dass ‚Freier Fall’ sich über Mund-zu-Mund Propaganda weiter trägt, was für den Erfolg eines Films, der nur über ein geringes Werbebudget verfügt, absolut essentiell ist.“

Also unbedingt weiterempfehlen, wenn er gefällt! ‚Freier Fall‘ ist seit dem 23. Mai in ausgewählten Kinos zu sehen.

Fotos: Edition Salzgeber, klatsch-tratsch.de/Michael Fricke