Sonntag, 2. November 2014 14:40 Uhr

Friedrichstadt-Palast: Ein Blick hinter die Kulissen der Giga-Show „The Wyld“

‚The Wyld‘ heißt die neue Mega-Show im Berliner Friedrichststadt-Palast. Es ist eine für hiesige Verhältnisse rekordverdächtige Materialschlacht auf einer Bühne. klatsch-tratsch.de wollte wissen, wie so ein Spektakel überhaupt entsteht, was daran so teuer ist.

Unsere Mega-Showexpertin Geraldine traf Intendant Dr. Berndt Schmidt zu einer erstaunlich offenen Plauderei über die fast 11 Millionen Euro teure Produktion, sündhaft teure Kostüme von Thierry Mugler, der sich wieder Manfred nennt, rote Fäden und Hamburger Nörgler sowie Youtube-Talente.

Friedrichstadt-Palast: Ein Blick hinter die Kulissen von The Wyld"

Wie happy waren Sie nach der Premiere von „THE WYLD“?
Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Von dem Erfolg hängt ja viel für uns ab, wir haben fast 11 Millionen Euro investiert, wenn das schief geht, sind unsere Konten leer, dann könnten wir in nächster Zeit keine neue Show machen. Zum Glück wird es gut angenommen und das freut uns natürlich sehr.“

Mittlerweile sagt man ja, dass die Premieren wahnsinnig entscheidend sind für den weiteren Verkaufs-Erfolg. Das ist in Las Vegas nicht anders als in Berlin. Und im Kino läuft es ja genauso. Warum ist das so?
Das Wichtigste ist Mundpropaganda. Wenn die Leute raus gehen würden und sagen, die Show braucht kein Mensch, würden die Verkaufszahlen nicht so nach oben schießen. Wenn also jemand im Umfeld erzählt, dass die Show toll ist, dann motiviert das die Leute eine Karte zu kaufen. Deshalb ist es wichtig, dass eine Show gut ankommt. Wir haben fast jeden Abend Standing Ovations, das ist für Berlin sehr ungewöhnlich, weil Berliner etwas stehfaul sind. Die Show ist ein neues Level.

Was war denn alles so teuer? Sind die 11 Millionen das Budget für die Laufzeit der Show, die nächsten zwei Jahre?
Das sind nur die Produktionskosten, da kommen noch jeden Monat eine Millionen Personalkosten dazu. Das sind 10 Millionen für Schuhe (lacht). Wir haben mit dem Stardesigner Manfred Thierry Mugler gearbeitet, da haben wir Haute Couture auf der Bühne. Es sind sehr aufwändig gearbeitete Kostüme, welche teilweise 20-30.000 Euro kosten. Dann kommt natürlich das spektakuläre Bühnenbild, Maske, Choreographen etc. dazu.

Friedrichstadt-Palast: Ein Blick hinter die Kulissen von The Wyld"

Was macht das Stück so besonders, außer dem prominenten Namen Mugler (Foto oben)?
Es ist die größte Ensuite Show der Welt. Zum Vergleich: Die größte Show in Las Vegas hat 80 Künstler auf der Bühne, wir haben über hundert. Unsere Theaterbühne ist die größte der Welt, insofern ist das allein schon sehr beeindruckend. An der Show selbst fällt zum Beispiel die White Gothic Akrobatik auf und natürlich das Besondere von Manfred Thierry Mugler, die Überbetonung des Sexuellen.

Sex ist ja immer sehr wichtig gerade in der Revue oder?
Das unterschreibe ich natürlich, ja da herrscht ein krasser Körperkult.

Erklären Sie uns bitte mal, was war zuerst da, das Geld oder die Idee?
Ich bin ja Produzent, deshalb muss ich alles unter einen Hut bekommen und zuerst das Budget auftreiben. Wir haben zum Teil Zuschüsse vom Land Berlin und teilweise von Partnern, die wir uns dazu geholt haben, bekommen. Man hofft dann die ganze Zeit, dass eine gute Idee kommt. 2010 kam dann Mugler zur Premiere unserer damaligen Grand Show Yma und wir kamen ins Gespräch. Als wir uns dann mit dem zweiten Autor, Roland Welke, zusammensetzten, entstand dann allmählich die Idee. Manfred Thierry Mugler meinte, für ihn ist und bleibt Nofretete die schönste und bekannteste Berlinerin. So wurde immer weiter gesponnen und nun erwacht sie jeden Abend aufs Neue und tanzt unter anderem zu Tiefschwarz im „Berghain“. Das war natürlich ein sehr langer Prozess bis dahin.

Friedrichstadt-Palast: Ein Blick hinter die Kulissen von The Wyld"

Waren Sie schon mal im Technotempel Berghain?
Ja es war eine tolle Nacht/Morgen (lacht). Man muss es schon mal erlebt haben. Jeder kommt nach Berlin, um genau diese verrückte Offenheit zu sehen. Die Grundidee für unser Stück ist, das Aliens das Symbol für die Paradiesvögel sind, jeder von uns ist ja im Prinzip ein „Alien“ – es kommt nur darauf an, wo man gerade ist. In Saudi Arabien wirst du (deutet auf unsere Reporterin Geraldine) dort auch ein Alien sein – mit deinem Outfit heute.

Wie lange braucht so ein multimediales Spektakel wie „THE WYLD“ von der Idee bis zur Premiere?
Wir haben 2 Jahre für die Idee gebraucht, ca. ein Jahr für das Showkonzept und das letzte dreiviertel Jahr wurde dann gebraucht für Choreographie-Proben, Bühnenbild und Kostüme.

Sie haben kürzlich an einer anderen Stelle gesagt: „Wir wollen nicht Las Vegas kopieren, sondern eine ganz eigene, typische Berliner Variante schaffen“. Was unterscheidet den Friedrichstadt-Palast von den ebenso traditionsreichen Show-Theatern in Las Vegas z.B.?
Wenn du nach Las Vegas gehst ist alles sehr clean. Die meisten Amerikaner sind prüde und das sind wir nicht! Bei uns siehst du Nacktheit, Männer die ihren knackigen Hintern zeigen, das würdest du in Amerika so nie sehen. Oder ein Cabaret-Girl, bei der man mal ne Brustwarze sieht. Wenn man so etwas in Amerika bringt, würde ein viertel der Leute z.B. in Texas den Saal wohl schnell verlassen. Die Berliner Variante ist einfach frecher, respektloser und selbstironischer. Die Amerikaner sind da theatralischer, die nehmen das zu ernst. Aber es sind sehr tolle Shows, deshalb ist Las Vegas und auch der Circque du Soleil ein Orientierungspunkt.“

Kommen die Produzenten aus Las Vegas eigentlich auch mal in Ihr Haus?
Ich habe gehört, dass immer mehr „Spione“ vom Cirque du Soleil kommen. Vor einigen Jahren wäre das noch unvorstellbar gewesen, dass der Cirque du Soleil sich im Friedrichstadt-Palast eine Show ansieht. Langsam fällt es auf, mit welchen Größen wir zusammenarbeiten, wie z.B. dem Choreographen Brian Friedman, der in der Jury von „America´s Got Talent“ war. Das spricht sich auch in Fachkreisen herum, wie außergewöhnlich der Friedrichstadt-Palast ist.“

Das Publikum des Hauses hat sich enorm verjüngt finden wir. Haben Sie Zahlen parat?
Ja natürlich, als ich 2007 kam, war das Durchschnittsalter 55 und wir sind jetzt bei 38,9. Unter 40 ist für eine Bühne sehr, sehr jung. Wir haben auch ganz oft Schulklassen bei uns.

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