Freitag, 22. Juni 2018 22:10 Uhr

Gibt’s Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller auch in China?

Otto Normalverbraucher, Erika Mustermann und Lieschen Müller: Damit sind in Deutschland der Mann und die Frau von der Straße gemeint. Andere Länder kennen Juan Pérez, Jan Modaal und Tante Amalie. Und wie sagt man in China oder Kenia? Ein internationaler Streifzug.

Gibt's Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller auch in China?

Erika Mustermann seit den 80er Jahren als Ausweisname bekannt. Foto:†Tim Brakemeier

Wenn die Welt kompliziert ist, gibt es im Deutschen den Satz: „Das versteht Lieschen Müller nicht.“ Das heißt, die Frau von der Straße, die nicht rund um die Uhr Akten studiert oder Leitartikel liest, kommt einfach nicht mehr mit.

Auch bei Otto Normalverbraucher weiß der Bürger, wovon die Rede ist: von ihm, dem Normalo, der Steuern zahlt oder um seinen Diesel fürchtet. Oft spielt der Begriff in der Politik eine Rolle, wenn es bürgernah werden soll. Das Phänomen gibt es in vielen Sprachen und Ländern der Welt.

Pinco Pallino und Ali

In ITALIEN heißt Pinco Pallino so viel wie Otto Normalverbraucher. Für Formulare wird Mario/Maria Rossi oder Bianca Rossi benutzt. Ein bekannter Begriff in den USA ist John Doe oder Jane Doe. So wie Erika Mustermann in den deutschen Behörden. Auch Frau Mustermann hat eine Geschichte, aber dazu später.

In den NIEDERLANDEN heißt Otto Normalverbraucher Jan Modaal (Jan Durchschnitt). Interessant ist: In den letzten zehn Jahren ist zunehmend eine andere Bezeichnung aufgekommen, die der Rechtspopulist Geert Wilders geprägt hat – „Henk und Ingrid“. Wilders definierte diese selbst als „Durchschnittsniederländer“. Bodenständige, ehrliche Leute, die immer pünktlich ihre Steuern zahlen und sich nach seiner Darstellung von „Ahmed und Fatima“ bedroht fühlen, weil sie diese letztlich finanzieren müssten. Viele Niederländer, die tatsächlich Henk oder Ingrid heißen, haben sich von dieser Sicht distanziert.

In der TÜRKEI funktioniert es ebenfalls mit Vornamen. Dort heißen die sprichwörtlichen Bürger etwa Ali, Veli, Ahmet, Mehmet, Ayse oder Fatma. Auch der Präsident Recep Tayyip Erdogan nutzt das gerne in seinen Reden. Ein Beispiel: „Und ich persönlich achte nicht darauf, was Hans und George sagen. Ich achte darauf, was Ahmet, Mehmet, Hasan, Hüseyin, Ayse, Fatma und Hatice sagen.“ Mit Hans ist „der Deutsche“ gemeint und mit George „der Amerikaner“.

In POLEN ist sowohl der Mustername für Formulare als auch der Normalverbraucher Jan Kowalski. Sowohl der Vor- als auch der Nachname sind weit verbreitet. Man spricht auch vom „gewöhnlichen Kowalski“ (zwyk?y Kowalski), also zum Beispiel: „Was bedeutet die Steuerreform für den gewöhnlichen Kowalski?“ In ÖSTERREICH warnt ein Portal vor „Ernährungsfehlern von Herrn und Frau Österreicher“. Dort kennt man aber auch eine Frau Mustermann.

Monsieur und  Madame Durand

In der SLOWAKEI ist Lieschen Müller ein Mann – der heißt Jozko Mrkvicka. Jozko ist die Koseform von Jozef, einem traditionellen Vornamen. „Mrkvicka“ ist die Verkleinerungsform vom Wort für Karotte, heißt also etwa Möhrchen.

In ISRAEL heißen Durchschnittsbürger in der Statistik oder in Dokumenten Israel Israeli (Mann) oder Israela Israeli (Frau). Früher wurde im Straßen-Slang der jiddische Name Moische Suchmir (auf deutsch etwa: Mosche Suchmich) gebraucht, wenn es um eine beliebige Person ging.

In FRANKREICH ist der Mann auf der Straße gelegentlich Monsieur Dupont oder Monsieur Durand (auch mal Madame Durand), diese Menschen haben aber keine Vornamen wie in anderen Ländern.

Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher heißen in NORWEGEN Ola und Kari Nordmann – „Nordmann“ ist der Norweger. Diese werde auch in Formularen genutzt. In FINNLAND spricht man von Matti und Maija Meikäläinen, wobei „Meikäläinen“ „einer von uns“ heißt. In SCHWEDEN sagt man Medel-Svensson für den Durchschnittsbürger, in DÄNEMARK Herr Sørensen.

Der Durchschnittsbürger in ESTLAND heißt Jaan Tamm. Sein Namen setzt sich zusammen aus der estnischen Form des traditionellen Vornamens Johannes und des am weitesten verbreiteten Nachnamens in dem Baltenstaat. „Tamm“ heißt übersetzt Eiche – sie gilt wie in Deutschland als Nationalbaum. Lieschen Müllers Verwandte in Estland ist Tädi Maali – wörtlich: Tante Amalie.

Phänomen rund um den Globus

Auch im benachbarten LETTLAND steht mit Janis Berzins der so ziemlich häufigste Vorname im Land Pate für die Bezeichnung des Durchschnittsbürgers. „Berzins“ ist die Verkleinerungsform von Birke, heißt übersetzt also kleine Birke oder Birkenbäumchen.

In SPANIEN und im spanischsprachigen Lateinamerika wird von Fulano (irgendwer) gesprochen. Es gibt die Varianten Fulano de tal (Typ so und so) und Fulano y Mengano (Hinz und Kunz) oder Fulano, Mengano y Perengano. Allerdings können diese Bezeichnungen auch etwas abwertend gemeint sein. Im Sinne von Otto Normalverbraucher wird manchmal Juan Pérez verwendet.

Das Phänomen gibt es rund um den Globus. In THAILAND nennt man Normalos Nai-Gor (Herrn Gor) und Nang Sao-Gor (Frau Gor) oder auch Somchai (männlich) und Sommai (weiblich). In AUSTRALIEN wie in NEUSEELAND heißen die Leute Joe Bloggs oder Josephine Bloggs.

In CHINA wird als Mustername auf Formularen der Name Zhang San benutzt. Chinesen schreiben ihren Familienamen vor den Vornamen. Laut Regierungszahlen von 2014 haben 85 Millionen Chinesen den Familiennamen Zhang. Noch häufiger kommen allerdings die Nachnamen Li (92 Millionen) und Wang (94 Millionen) vor.

Um in China die einfache Bevölkerung zu beschreiben, wird oft der Begriff Buyi genutzt, der übersetzt soviel wie schlichte Baumwollkleidung heißt. Die Bezeichnung stammt aus einer Zeit, in der sich nur sehr wohlhabende Menschen und hohe Beamte Kleidung aus hochwertigeren Materialen leisten konnten.

In JAPAN verwendet man das Wort Shomin, wenn vom einfachen Mann von der Straße die Rede sein soll. Das Wort kann man auch mit „das Volk“ oder das „einfache Volk“ übersetzen. Musternamen auf Formularen sind Kimura Hanako oder Yamada Hanako. Die Familiennamen Kimura und Yamada sind in Japan in etwa so verbreitet wie bei uns Schmidt oder Müller.

Erika Mustermann gibt’s seit den 80ern

In KENIA kennt man kein einheitliches „Lieschen Müller“, da es etliche Sprachen gibt. Weitverbreitet ist Wanjiku, ein Frauenname aus der Kikuyu-Sprache, die der bevölkerungsstärksten Volksgruppe in Kenia. „Wanjiku“ wird als Beschreibung für die Durchschnittsbürgerin verwendet. Der Begriff soll sich zu Zeiten des Langzeitpräsidenten Daniel arap Moi etabliert haben. Ende der 90er Jahre wurde über eine neue Verfassung für Kenia diskutiert, Aktivisten wollten mehr Mitspracherecht für die Bürger. Daraufhin soll Moi gesagt haben: „Glaubst du, Wanjiku versteht, was eine Verfassung ist?“

In DEUTSCHLAND ist Erika Mustermann seit den 80er Jahren als Ausweisname bekannt. Ihre Vorgängerin hieß Renate Mustermann und kam aus Bonn. Die Fotos von Frau Mustermann heute und früher zeigen Mitarbeiterinnen der Bundesdruckerei, die die Ausweise für die deutschen Ministerien fertigt. Die Druckerei hält sich bei dem Thema bedeckt. Wer die Frauen sind, soll geheim bleiben.

So bleibt Erika Mustermann ein Rätsel, an dem sich schon viele Reporter abgearbeitet haben. Der WDR fragte zum 70. Geburtstag des Phantoms 2015 nach dem Privatleben: „Ist die Modellbürgerin womöglich geschieden?“ Angeblich gingen nach dem Start der Werbekampagne für den neuen Ausweis säckeweise Fanpost und Heiratsanträge für die Blondine bei der Behörde ein, heißt es in dem Beitrag.

Heute ist Erika Mustermann jünger und sieht anders aus als früher: Ihre Augen sind grün und sie ist nur 1,60 Meter groß. Auf Papieren für Flüchtlinge kommt Frau Mustermann aus Damaskus oder heißt im Ausländer-Reiseausweis auch mal Cleopatre. Bei den Kinderausweisen steht als Platzhalter Leon Mustermann.

Wer steckt hinter Lieschen Müller?

Und was steckt hinter Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher? Der Sprachwissenschaftler Lutz Kuntzsch und seine Kollegin Hannah Schultes von der Gesellschaft für deutsche Sprache verweisen auf Expertenaufsätze zum Thema: So ist Lieschen Müller laut Autor Heinz Küpper eine „fiktive Person mit seichter, kritikloser, zu Rührseligkeit neigender Kunstauffassung“. Möglicherweise stammt er aus dem Roman „Lumpenmüllers Lieschen“ aus dem 19. Jahrhundert.

Otto Normalverbraucher kommt demnach von einer gleichnamigen Filmfigur, die von Gert Fröbe gespielt wurde. Die „Berliner Ballade“ erzählt die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, der seinen Alltag zwischen Ämtern und Lebensmittelkarten meistern muss. Wovon Otto Normalverbraucher anno 1948 im Film träumte: Eine blonde Frau serviert ihm an einem Buffet Berge von Kuchen. (Caroline Bock, dpa)

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