Hass im Netz: Was Cybermobbing anrichten kann

Hass im Netz: Was Cybermobbing anrichten kann
Hass im Netz: Was Cybermobbing anrichten kann

Fotos: Instagram / lijanaslyon & IMAGO / Future Image & IMAGO / Future Image & IMAGO / Future Image

12.02.2021 20:00 Uhr

Kasia Lenhardt ist mit nur 25 Jahren gestorben. Vor ihrem Tod hatte das Model mit massiven Anfeindungen und Hass im Netz zu kämpfen. Ein trauriges Phänomen, das viele Personen trifft und schreckliche Folgen hat.

Wie fühlt es sich an, wenn sich die ganze Welt scheinbar gegen dich stellt? Wenn fremde Menschen dich bitterböse beleidigen, dir klar machen, dass du nichts wert bist und du es glaubst? Was sich viele Menschen nicht vorstellen können, ist für mindestens genauso viele Menschen die bittere Realität. Die Folgen sind fatal.

Laut der Studie „Cyberlife“ hat Mobbing im Netzt in den letzten Jahren bis zu 36 Prozent zugenommen. Ein Problem, das durch die wachsende Bedeutung der sozialen Medien immer mehr an trauriger Relevanz gewinnt. Vor allem in den letzten Tagen sorgt das Thema, was uns eigentlich immer beschäftigen sollte, für jede Menge Schlagzeilen und das hat einen tragischen Grund.

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Der Fall Kasia Lenhardt

Ex-GNTM-Kandidatin Kasia Lenhardt ist tot. Fremdverschulden schließt die Polizei aus. Genaue Hintergründe sind unklar. Was klar ist: Wochenlang steht die 25-Jährige im Fokus einer öffentlichen Schlammschlacht. Erhält täglich hunderte verletzende und beleidigende Kommentare von wildfremden Menschen. Nicht das erste Mal. Bereits 2014, als die damals 19-Jährige ihre Schwangerschaft verkündet, schlägt ihr eine Welle des Hasses entgegen. Nur schwer vorstellbar, was das mit der Psyche eines Menschen anrichten muss.

Und auch nach Kasias unerwartetem Tod Anfang der Woche nehmen die Kommentare nicht ab. Mit einem Unterschied: Plötzlich sind da auch unzählige Menschen, die auf dem Instagram-Account der 25-Jährigen ihre Fassungslosigkeit über die Hater äußern, Beileidsbekundungen teilen, daran appellieren, Cybermobbing endlich zu stoppen. Wo waren sie, als vor wenigen Wochen der ganze Hass über die junge Mutter hereinbrach? Statt schon damals Kritik zu äußern, Kasia zu stärken, Hater zurechtzuweisen, hat man einfach noch mal drauf gehauen. Und nochmal. Zugeguckt, verurteilt, sich gegenseitig angestachelt, darauf gewartet, dass der ganz große Knall kommt. Er kam.

Model Kasia Lenhardt bei einem Auftritt in Berlin. (hub/spot)

imago images/Future Image

Hass gegen ein ungeborenes Baby

Die Anteilnahme an Kasias Tod ist riesig. Zahlreiche Promis positionieren sich seitdem öffentlich gegen Hass im Netz. So auch Cheyenne Ochsenknecht: „Ich hoffe, dass die ganzen Leute endlich aufwachen und aufhören mit diesen Beleidigungen und Hassnachrichten“, schreibt sie. Wenig später fügt sie hinzu: „Das zeigt einfach noch mehr, wie sehr Cybermobbing Leben zerstören kann!“ Cheyenne weiß aus eigener Erfahrung, wovon sie da spricht. Seit ihrer frühen Kindheit hat die heute 20-Jährige immer wieder mit Mobbing zu kämpfen.

Das nimmt sie so heftig mit, dass sie Selbstmordgedanken hegt und schließlich in Therapie muss. Um Betroffenen zu helfen und aufzuklären, veröffentlicht Cheyenne gemeinsam mit ihrer Mutter Natascha Ochsenknecht das Buch „Wehr dich“. Von Hasskommentaren verschont wird die hübsche Blondine trotzdem nicht. Selbst ihr ungeborenes Baby wird auf Instagram bereits aufs Übelste beleidigt: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich in der Schwangerschaft so viele krasse, schlimme Kommentare bekomme. Das arme Kind wird schon mit so viel Hass beballert, das kommt ja schon gehasst auf die Welt“, gesteht die 20-Jährige vor wenigen Tagen geschockt auf Instagram.

Cheyenne Ochsenknecht: Darum zeigt sie ihren Freund jetzt doch

imago images / Tinkeres

„Ich bin ein anderer Mensch geworden“

Auch Lijana Kaggwa musste während ihrer Teilnahme bei GNTM lernen, wie schnell man zur Zielscheibe von Hass werden kann. Auch wenn das Nachwuchsmodel nicht die letzte GNTM-Staffel gewonnen hat, so hat sie dennoch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Mit ihrem schönen Gesicht, ihrem gewinnenden Lächeln und ihrer ehrgeizigen Art schaffte sie es zwar Woche für Woche Model-Mama Heidi Klum zu überzeugen, aber brachte gleichzeitig die anderen „Meeedchen“ gegen sich auf. Die Studentin aus Kassel eckte mit ihrer Art aber nicht nur bei den anderen GNTM-Teilnehmerinnen an, sondern auch bei den Zuschauern. Dies gipfelte in Morddrohungen und tatsächlichen Übergriffen von Fans der Sendung.

„Ich bekomme Morddrohungen, wurde auf der Straße bespuckt, mein Auto zugemüllt, mein Hund sollte vergiftet werden. Dafür wurden Giftköder in meinem Garten ausgelegt. Deshalb brauche ich jetzt sogar Polizeischutz“, erklärte Lijana damals der „Bild“. Zu viel für die afrodeutsche Schönheit, die im Finale nach einer emotionalen Rede überraschend die Sendung verließ. Sie wolle nicht weiter als Zielscheibe für Hass fungieren und so ein Zeichen gegen Mobbing setzen. Rückblickend habe sie diese Zeit „psychisch komplett kaputtgemacht.“ Und das habe ernste Folgen für sie: „Ich bin ein anderer Mensch geworden. Stück für Stück hat es mir mein Selbstbewusstsein und meine Lust am Leben genommen.“

„Mir und meiner Familie wurde der Tod gewünscht“

Und auch in scheinbar harmloseren Formaten wie „Deutschland sucht den Superstar„, die vermeintlich weniger Angriffsfläche für Streitigkeiten wie GNTM bieten, sind die Teilnehmer oft virtuellen Hass-Exzessen ausgesetzt. So auch Alicia Awa. Die 23-Jährige schaffte es 2019 bis ins DSDS-Finale, aus dem seinerzeit Davin Herbrüggen als Gewinner hervorging. Auch wenn die Sendung Awa viele Türen öffnete und sie einem Millionenpublikum präsentierte, hatte diese Zeit auch einen fiesen Beigeschmack, erinnert sich die singende Beauty im klatsch-tratsch.de-Interview: „Es war wirklich sehr schlimm. Da kamen echt heftige Nachrichten, in denen mir und meiner Familie der Tod gewünscht wurde. Wegen des ganzen Stresses habe ich damals zehn Kilo abgenommen. Ich habe danach zum Glück aber gelernt, so etwas zu ignorieren.“

Mittlerweile hat sie einen Weg für sich gefunden, diesen stumpfen Hass an sich abprallen zu lassen. „Mittlerweile bekomme ich sehr, sehr selten Hassnachrichten. Wenn dann was kommt, dann sind das immer so Sachen, mit denen ich eh nichts anfangen kann, weil es keine konstruktive Kritik ist, sondern nur hasserfüllte Nachrichten.“ Allerdings hat nicht jede/r so ein dickes Fell wie Alicia …

Ein Weckruf, der viel zu spät kam

„Wer in der Öffentlichkeit steht, muss das aushalten“ – eine Meinung, die bei keinem Shitstorm fehlt. Auch unter Kasias Beiträgen finden sich Äußerungen dieser Art. Aber was, wenn man den ganzen Hass eben nicht erträgt? Daran zerbricht? Hinter dem Bildschirm auf der anderen Seite sitzt schließlich keine Maschine, sondern ein Mensch mit Gefühlen. Woher kommt das Verlangen, einer anderen Person ungefilterten Hass vor die Füße werfen zu wollen? „Wer nichts Nettes zu sagen hat, sagt lieber nichts“, das haben wir schließlich schon im Kleinkindalter gelernt. Was viele dabei scheinbar versäumt haben? Meinung von Mobbing zu unterscheiden. Der Fall Kasia Lenhardt ist ein Weckruf, der viel zu spät kam. Eine Erinnerung, an die Zerbrechlichkeit des Menschen, ganz egal ob prominent oder nicht. (DA/AB)