Viggo Mortensen und BodyhorrorImmer dasselbe? Neuer Film „Crimes of the Future“ zeigt nichts Neues

Viggo Mortensen und Léa Seydoux  in "Crimes of the Future". (stk/spot)
Viggo Mortensen und Léa Seydoux in "Crimes of the Future". (stk/spot)

©Serendipity Point Films 2021.

SpotOn NewsSpotOn News | 10.11.2022, 16:15 Uhr

David Cronenberg ist zurück und mit ihm eine Art Best-of seiner bisherigen Filme, die den Titel "Crimes of the Future" trägt. Kann es "Mister Bodyhorror" noch immer?

David Cronenberg (79) und seine Faszination für den menschlichen Körper – seit Jahrzehnten frönt „Mister Bodyhorror“ in seinen Filmen dem Fleisch-Fetischismus.

So auch in seinem jüngsten Werk „Crimes of the Future“ mit Viggo Mortensen (64), Léa Seydoux (37) und Kristen Stewart (32), der ab dem 10. November im Kino anläuft. Trotz interessanter Denkanstöße wird man jedoch das Gefühl nicht los, das Gezeigte bereits mehrmals und besser gesehen zu haben.

Organentnahme als „Live-Unboxing“ – darum geht es

In der offenbar nicht allzu weit entfernten Zukunft hat sich die menschliche Existenz radikal verändert. Das „Beschleunigte Evolutionssyndrom“ sorgt dafür, dass Schmerzempfinden weitestgehend ausgestorben ist. Zudem entwickeln einzelne Personen die unterschiedlichsten Abwandlungen von der Norm: Ein kleiner Junge etwa ernährt sich ausschließlich von Plastik und wird von seiner Mutter deswegen als Monstrum angesehen. Der Körper eines Mannes namens Saul Tenser (Mortensen) bildet derweil am laufenden Band neue Organe aus, die ihm in regelmäßigen Abständen herausgeschnitten werden – allerdings nicht irgendwie.

Gemeinsam mit seiner Assistentin Caprice (Seydoux) macht er aus den Operationen eine Show – quasi ein „Unboxing“ des neuen Organs als avantgardistische Live-Performance. Während eines dieser Events wird ein Mitglied einer geheimen Bewegung auf Saul aufmerksam, die seine Bekanntheit für ihre Zwecke nutzen will. Das gefällt der Regierung, die die rasch voranschreitende Evolution der Menschheit ohnehin kritisch sieht, so gar nicht.

„Operationen sind der neue Sex“

Das Angebot bestimmt auch in der Zukunft gnadenlos die Nachfrage. Woran es einem fehlt, danach wird gelüstet. Selbst, wenn es wie in „Crimes of the Future“ das abhandengekommene Schmerzempfinden ist. Und so schneidet sich die High Society in der Hoffnung, zumindest irgendetwas zu spüren, wortwörtlich ins eigene Fleisch. „Operationen sind der neue Sex“, haucht gar die junge Timlin (Stewart) Performance-Künstler Saul lasziv ins Ohr, der es ihr besonders angetan hat. Den gewöhnlichen Beischlaf praktiziert die Oberklasse scheinbar nicht mehr, für den Orgasmus sorgt hier das Skalpell.

Fast aus jedem seiner Filme lassen sich in „Crimes of the Future“ Cronenberg’sche Versatzstücke finden. In „Crash“ (1996) waren es noch Autounfälle, die die Libido der Hauptfiguren zu stimulieren wussten. In „Videodrome“ (1983) sind es TV-Foltervideos gewesen, die die (Sensations-)Geilheit befriedigten. Jetzt sind es OPs.

Das Thema Körperveränderung gehört bei der Ikone des Bodyhorrors zum guten Ton. Ob „Die Fliege“ (1986), „The Brood“ (1979) oder „Shivers“ (1975) – in und/oder am Körper seiner Protagonisten lässt es Cronenberg zu gerne wuchern, so auch in seinem neuesten Streich. Die organischen Möbelstücke und Operationswerkzeuge im Haus von Saul Tenser wirken derweil so, als habe sie der Setdesigner aus Restbeständen von Cronenbergs „eXistenZ“ (1999) geschustert.

Selbst die absurden Ausmaße einer Zukunftsbürokratie, in „Crimes of the Future“ von der „National Organ Registry“-Ermittlerin (Stewart) verkörpert, kommen einem vertraut vor. Ausnahmsweise nicht dank Cronenberg, sondern Terry Gilliams (81) „Brazil“ (1985). Kurzum: Alles hat man so oder so ähnlich schon gesehen, vor zehn Jahren sogar von familiärer Konkurrenz.

Sohn Brandon Cronenberg (42) bewies 2012 mit seinem Film „Antiviral“, dass der Apfel auch inszenatorisch nicht weit vom Stamm fällt. In dessen Gesellschaftskritik artet der vertraute Starkult derartig aus, dass Fans sich die Krankheiten ihrer Vorbilder spritzen lassen und künstliches, aus den Zellen der Promis erzeugtes Fleisch verputzen. Da hatte der Sohnemann einen ähnlich morbiden, aber raffinierteren Kniff als nun sein alter Herr parat.

Fazit:

David Cronenberg stellt mit „Crimes of the Future“ zahlreiche spannenden Fragen, verkünstelt sich jedoch in der Beantwortung. Der Streifen wirkt wie eine Melange diverser Werke des Regisseurs und anderer Filmemacher, mit der man – ähnlich wie bei den neuen Organen der Hauptfigur Saul Tenser – nicht so recht weiß, was damit anzufangen ist. Hinzu kommen recht altbacken wirkende Computereffekte. Selbst eingefleischten Cronenberg-Fans dürfte dessen jüngste Körperkult daher zu blutleer sein.