„Indoor-Ernte“: Wie das eigene Wohnzimmer zum Garten wird

Auch im Wohnzimmer lassen sich Gemüse und Kräuter anbauen. (eee/spot)

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15.02.2021 21:51 Uhr

Das heimische Wohnzimmer zum Garten umfunktionieren? Kein Problem! Carolin Engwert hat im Interview Tipps für den Anbau von Gemüse und Kräutern in der eigenen Wohnung parat.

Gärtnern ist während des Corona-bedingten Lockdowns zum Trend mutiert. Wer keinen eigenen Garten oder Balkon hat, muss auf den Eigenanbau von Gemüse und Kräutern aber nicht verzichten. Carolin Engwert, leidenschaftliche Schrebergärtnerin und Autorin von „Indoor-Ernte: Es geht auch einfach!“ (Kosmos Verlag), verrät im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news, wie sich das heimische Wohnzimmer in einen Garten verwandeln lässt – Tipps für Anfänger inklusive.

Garten ist und bleibt im Trend, gerade im Lockdown. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Pflanzen und Co. ins heimische Wohnzimmer zu integrieren?

Carolin Engwert: Im Kontext von Nachhaltigkeit, veganer Ernährung oder DIY-Projekten soll es darum gehen, auch Menschen zum Gärtnern zu bringen, die wenig Platz haben oder nicht über Balkon oder Garten verfügen. Mich hat das Thema interessiert, da ich gerne Neues ausprobiere und wissen wollte, ob meine grüne Leidenschaft nur in meiner Parzelle funktioniert oder auch Potenzial für Daheim hat.

Welche Pflanzen sind für den Anbau in einer Wohnung geeignet?

Engwert: Geeignet ist alles, was robust ist, schnell wächst und wenig Licht braucht. Das sind Grundvoraussetzungen für den Erfolg. Alle Blattsalate oder Blattgemüse wie Pak Choi oder Mangold eignen sich für die Indoor-Ernte. Mein heimlicher Star ist die Süßkartoffel, denn bei ihr sind sogar die Blätter essbar und köstlich.

Soviel zur Erntelust, wo kommt es eher zum Erntefrust?

Engwert: Pflanzen, die sehr viel Sonne benötigen, scheitern meist zu Hause, zumindest wenn man nicht die Küche mit aufwendiger Technik aufrüsten will. Das sind zum Beispiel Auberginen und Paprika. Auch Pflanzen, die viel Platz benötigen, bekommen auf Fensterbänken ihre Probleme. Ich denke da an Zucchini oder Kürbis. Bei Fruchtgemüse, das im Garten durch Bienen bestäubt wird, muss man in der Wohnung etwas nachhelfen. Durch sanftes Schütteln oder manuelle Bestäubung mit einem Wattestäbchen. Ich würde grundsätzlich aber erst einmal mit kleinen Schritten anfangen, auch um mit dem Erfolg der Neugier noch mehr Chancen zu geben.

Was wäre da Ihr Tipp?

Engwert: Ich würde mit Keimsprossen oder Microgreens beginnen, denn da bekommt man rasche Ernte und sie trösten über die Wartezeit bis zum ersten Salat hinweg.

Wie sollte man bei der Auswahl und beim Anbau vorgehen?

Engwert: Wichtig ist es, gute Voraussetzungen zu schaffen. Heißt: Ich muss meinen Pflanzen geben, was sie brauchen, also Licht, Wasser und Nährstoffe. Je wärmer es ist, desto schneller wachsen sie. Dann brauchen sie aber auch mehr Licht, damit die Photosynthese gut abläuft und sie stark und widerstandsfähig werden. Hier kann man ggf. mit Kunstlicht in Form von LED-Pflanzenlampen unterstützen. Je dunkler der Aufstellort ist, desto kühler, aber frostfrei sollten die Setzlinge stehen. Sie wachsen dann allerdings auch langsamer.

Die Optik spielt innerhalb der Wohnung natürlich eine wichtige Rolle. Lässt sich das mit dem Anbau vereinbaren?

Engwert: Auf jeden Fall! Blattsalate müssen zum Beispiel nicht nur grün sein. Es gibt zahlreiche Sorten, sodass die Farben ebenso verschieden sind wie die Blattformen. Besonders ansprechend finde ich kleine Zitronenbäume. Sie sehen toll aus, duften zudem, wenn sie in Blüte stehen. Das ist pure Sinnlichkeit und wie ein Kurzurlaub auf Sizilien. Die Optik betrifft aber auch das Zubehör. Es gibt ja bekanntlich nichts, was es nicht gibt, aber mit Gießkannen, Pflanzenlampen oder Töpfen kann man tolle Designakzente setzen.

Lassen Sie uns über die Pflege reden. Worauf muss man achten?

Engwert: Die Pflege variiert sehr von Pflanze zu Pflanze. Deshalb heißt mein wichtigster Tipp für den Zimmergarten: Geduld üben. Im Garten, auf der Terrasse oder dem Balkon ist ja immer viel gleichzeitig los, da fällt einem die einzelne Pflanze nicht so auf. Wenn die Pflanzen allerdings jeden Morgen, Mittag, Abend mit im Raum sind, neigt man dazu, ungeduldig zu werden.

Spielt das Klima in Wohnräumen neben Licht und Wasser nicht auch eine wichtige Rolle?

Engwert: Bei der Antwort gilt Ähnliches wie zuvor. Es kommt auf die Kultur an und die Jahreszeit, in der ich loslege. Viele Heizkörper befinden sich unter dem Fensterbrett. Deshalb ist es während der Heizperiode da, wo es hell ist, leider oft zu warm und vor allem zu trocken. Es gibt aber einfache Möglichkeiten, mit selbstgebauten oder gekauften Mini-Gewächshäusern ein besseres Mikroklima zu erzeugen.

Eine Indoor-Ernte muss ja nicht zwangsläufig in der Küche stattfinden. Haben Sie selbst Erfahrungen in Bade- oder Schlafzimmern gemacht?

Engwert: Gut für die Indoor-Ernte sind immer Räume, in denen man auch daran denkt, die Pflanzen regelmäßig zu gießen und in denen es eine helle Ecke ohne Heizung gibt. Für mich war bei all den Versuchen und späteren Erfahrungen die Küche schon deshalb ideal, weil man hier gewissermaßen direkt auf den Teller ernten kann.

Wie sieht es mit Schädlingen bei der Indoor-Ernte aus?

Engwert: Wo etwas lebt, da lassen sich viele Lebewesen nieder. Das stimmt in der Tat und eine Wohnung oder Küche hält Schädlinge nicht auf. Aber ganz ehrlich: Das ist in Innenräumen überschaubar. Ich stelle alle neuen Pflanzen erst zur Quarantäne für zehn bis vierzehn Tage in einen separaten Raum und erst wenn klar ist, dass keine blinden Passagiere an Bord sind, kommen sie zu den anderen Pflanzen. Im Zimmer gibt es gelegentlich Spinnmilben, Blattläuse und Trauermücken. Viele lassen sich jedoch einfach abspülen, andere mit Gelbtafeln fangen oder durch Besprühen mit Wasser vermeiden.

Was sind unterm Strich die großen Vorteile bei der Indoor-Ernte?

Engwert: Die Wertschätzung. Denn wer selbst was anbaut, der wirft weniger weg, weil in Salat, Gemüse und Co. einfach Mühe steckt. Ein weiterer Vorteil ist die Frische. Frischer als den Salat direkt in der Küche zu ernten und zuzubereiten geht es nicht. Auch Sprossen kann man leicht und schnell selbst ziehen, das hat noch dazu den Vorteil, dass es deutlich billiger ist, als sie im Bioladen zu kaufen. Bei meinen Kindern habe ich gemerkt, wie neugierig sie wurden, weil Anbau und Ernte auch zeigen, was möglich ist. Und dann sehe ich einen weiteren Vorteil im Ausprobieren: Es gibt mehr als nur den Supermarkt-Standard. Mein Lieblingsgemüse ist etwa der Asiatische Wasserspinat. Man wird zum Entdecker der eigenen Ernährung und lernt viel über den Unterschied zwischen Lebens- und Nahrungsmittel.

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