Sonntag, 25. Februar 2018 20:43 Uhr

Influencer: Die Zampanos der sozialen Medien

Sie haben zu allem eine Meinung, einen fragwürdigen Modegeschmack und wissen, wie man von schräg oben ein Selfie macht? Dann sollten Sie Ihren bisherigen Beruf an den Nagel hängen – werden Sie Influencer!

Influencer: Die Zampanos der sozialen Medien

Illustration: Andreas Prüstel

Das Internet hat schon viele neue Spezies hervorgebracht: Den Amateur-Pornodarsteller, den Youtube-Millionär und Beatrix von Storch. In diese Aufzählung reiht sich eine Lebensform ein, die alle herausstechenden Eigenschaften der Erstgenannten in sich vereint: Die Influencer. Sie sind die Zampanos der sozialen Medien, die MTV-Moderatoren und Sportpalastredner der Gegenwart, die drei großen Ms: Meinungsmacher, Markenbotschafter, Minderbemittelte.

Nicht nur sprachlich sind Influencer mit der landläufigen Influenza verwandt, denn sie sind eine wahre Pest: Sie tummeln sich auf Facebook, Instagram und Youtube, haben dort mehr Follower als alle Bundestagsparteien Mitglieder, und sie posten im Schnitt alle zwölf Sekunden ein neues Foto oder Video von ihrem Essen, ihrer Kleidung oder ihrer Schuppenflechte mit den entsprechenden Hashtags #yummy #fancy #scratchy.

Quelle: instagram.com

Wie aus Digital-Exkrementen Content wird

Was bei anderen Usern der sozialen Medien schlicht als Digital-Exkrement erkannt und ignoriert würde, wird bei Influencern durch wundersame Weise zu „Content“, der Tausende von Likes und Shares erhält und dessen Klickzahlen in Gold bemessen werden.

Warum? Dank des Internets wissen wir: Es gibt Menschen, die zu dumm zum Konsumieren sind und sich erst nach dem Anschauen eines Video-Tutorials in ihrer Entscheidungsfähigkeit gefestigt sehen, um die richtige Marke Klopapier zu kaufen – #bettershit. Diese Herde der Orientierungslosen irrte lange Zeit führerlos umher – zum Glück kamen die Influencer, die ihnen in Zeiten von wachsender Komplexität, Globalisierung, Fake-News und dem drohenden Abstieg des 1. FC Köln die Richtung weisen und ihnen sagen, welches Smartphone sie kaufen müssen, um morgen noch in den Spiegel schauen zu können.

Quelle: instagram.com

Daher werden Influencer von Unternehmen fürstlich bezahlt, wenn sie Tipps zu nachhaltigem Lifestyle geben, perfekt geschminkte Ohrläppchen präsentieren oder zeigen, wie man den besten Chia-Matcha-Hackbraten der Welt zaubert – Hauptsache, dabei wird ein Firmenprodukt verwendet und dessen Name innerhalb von vier Minuten mindestens 30 Mal ganz natürlich und nebenbei vom Influencer erwähnt – #authentic.

Möglichst viele Anglizismen

Das Influencer-Marketing boomt, weshalb man sich mancherorts sogar von entsprechenden Coaches zum Influencer ausbilden lassen kann und die Grundlagen vermittelt bekommt: Wie stellt man bei Instagram die Farbsättigung auf Maximum? Wie hält man eine Shampoo-Flasche richtig in die Kamera (also nicht verkehrt herum)? Und wie baut man nach jedem zweiten Wort Anglizismen wie „awesome!“, „nice!“ oder „sweet!“ ein? Auch klassische Anfängerfehler (Content als „Werbung“ kennzeichnen, Fotos mit „nicer“ Reichskriegsflagge im Hintergrund posten, fotografierte Mahlzeiten tatsächlich essen) werden hier umgehend abgestellt.

Quelle: instagram.com

Wer das einigermaßen beherrscht, bei dem ist es irgendwann egal, was er in die Kamera hält: Ob es ein Winterreifen – #winteriscoming –, ein Sack Bohnen – #superfood –, das Parteiprogramm der CSU – #thebetterafd – oder ein Stück Holz – #backtonature – ist: Am nächsten Tag werden alle Autohäuser, Bioläden, CSU-Ortsgruppen und Wälder von hysterischen Digital-Natives überrannt, die laut kreischend Geldbündel um sich werfen und sich um das schönste Stück Holz prügeln.

Zum Glück haben Influencer eine geringe Lebensdauer, da sie durch das Testen immer absurdere Trends (Smoothies aus Algen, Katzenfutter und Schweröl, Schminken mit Bohrmaschinen, Bungeejumping mit Haargummis) relativ früh eines erheiternden Todes sterben – die Videos davon bekommen natürlich besonders viele Klicks – #sosad #inspiring #totabersexy.
Ihr Tod soll aber nicht umsonst gewesen sein: Bestattungshaus24.de freut sich schon auf eine Rezension seiner Särge. (Erik Wenk)

Der Text erschien zuerst im Satiremagazin „Eulenspiegel“.

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