Samstag, 2. Dezember 2017 15:50 Uhr

Jürgen Vogel ist „Ötzi“: Mit der Zeitmaschine in eine andere Welt

Jürgen Vogel begeistert derzeit im Kino als Ötzi in dem Drama „Der Mann aus den Eis„. Dem Verleih gab er dazu ein großes und ziemlich interessantes Hintergrund-Interview, dass wir unseren interesierten Lesern keineswegs vorenthalten möchten.

Jürgen Vogel ist "Ötzi": Mit der Zeitmaschine in eine andere Welt

Jürgen Vogel in der Rolle Kelab vor der Kamera. Foto: Port au Prince Pictures, Martin Rattini

Als Ihnen die Rolle des Steinzeitmenschen Ötzi angeboten wurde, mussten Sie da überlegen, oder war es sofort ein reizvolles Angebot?
Das Schöne an meinem Beruf ist, dass immer wieder Rollen kommen, die eine Herausforderung darstellen. Bei solchen Rollen lerne ich auch sehr viel. Man fängt an, sich für Ötzi zu interessieren und sich mit ihm und seiner Zeit zu beschäftigen. Und das Drehbuch ist ungeheuer spannend geschrieben. Ich musste gar nicht lange darüber nachdenken, sondern fand es faszinierend, den Ötzi zu spielen, weil diese Rolle für mich wieder etwas völlig neues ist.

Ötzis Leben und Tod auf der Leinwand. Wie realistisch lässt sich das in einem Spielfilm darstellen?
Felix Randau hat sich eine sehr spannende Geschichte ausgedacht, wie es hätte sein können, dass der Ötzi dort oben in den Alpen im Gletschereis vor über 5000 Jahren zu Tode gekommen ist. Das ist die große Stärke der Fiktion, dass sie dort ausmalen und Lücken schließen kann, wo die Dokumentation nicht mehr hinkommt, weil ihr das Faktenmaterial fehlt. Was die Zeit anbelangt, wie die Menschen in der Steinzeit gelebt, gedacht und gearbeitet haben, da verlassen wir uns auf die Wissenschaft.

Kostüm, Requisiten, Szenenbild wurden originalgetreu in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen nachgebaut. Wie hilfreich war das für Sie, nachempfinden zu können, wie die Menschen damals gelebt haben?
Das Team, ob Ausstattung, Kostüm, Maske haben das so hervorragend bis in die kleinen Details ausgeführt. Wenn ich an das Set kam, hatte ich stets das Gefühl, ich bin in einer Art Zeitmaschine unterwegs, die mich in die frühe Steinzeit katapultiert. Das hat mir sehr geholfen, zu empfinden, wie die Materialien waren, die in dieser Frühzeit des Menschen benutzt und getragen wurden. Wie die Menschen gekleidet waren, welche Handwerkszeuge und Waffen sie benutzt haben. Dies zu spüren hilft einem, sich auf dem Set zu bewegen und gibt einem mehr Sicherheit, so hätte es aussehen können.

Wie in einem Actionfilm ohne viel Dialoge

Der Film kommt fast ohne Dialoge aus und die Sprache ist angelehnt an eine Urform des Rätischen. Was heißt das für einen Schauspieler?
Es stimmt, wir hatten wenig Text oder Dialoge zu sprechen. Wir hatten einen linguistischen Berater, der die Sprachbausteine aus dieser Zeit rekonstruiert hat. Das ist wie in einem Actionfilm, in dem es auch nicht viele Dialoge gibt. Vieles wird nicht über
den Dialog geklärt, sondern über Situationen, die sich einem stellen und auf die man reagiert. Man muss die Spannung halten. Ich komme zurück in mein Dorf oder gehe an dem Scheiterhaufen vorbei, an dem meine Feinde verbrannt wurden, darauf reagiere ich, sei es nun mit der unglaublichen Wut des Verzweifelten, der seine Familie oder seine Dorfgemeinschaft verloren hat, oder auch mit dem Gefühl eines Menschen, der seine Rache ausgelebt hat und nun selbst schuldig wurde und sich nicht gut fühlt dabei.

Jürgen Vogel ist "Ötzi": Mit der Zeitmaschine in eine andere Welt

Foto: Port au Prince Pictures, Martin Rattini

Bei diesem Dreh sind Sie auch physisch stark gefordert gewesen, in dem Steinzeit-Kostüm, mit Kampfszenen und den Dreharbeiten im Gletschereis: Sie haben sich nicht doubeln lassen. Wie bereitet man sich auf die physischen Herausforderungen einer solchen Rolle vor?
Zwischen 1,5 Stunden und 2 Stunden habe ich und auch die anderen Schauspieler an jedem Drehtag mit der Vorbereitung in der Maske und Garderobe verbracht. Und dann spielt man den ganzen Tag in diesem Kostüm bei jedem Wetter. Im vergangenen September hatten wir an manchen Tagen noch sehr sommerliche Temperaturen. Aber für die Drehtage im Gletscher in 3500 Metern Höhe musste ich in diesem Aufzug nicht frieren. In dieser Höhe bei dichtem Schneefall und eisigen Temperaturen, das war schon sehr anstrengend für uns alle dort oben. Allerdings wurden die Gletscherszenen am Ende gedreht und dadurch waren wir schon ein wenig eingewöhnt, weil wir die gesamte Drehzeit ziemlich hoch waren. Und für die Kampfszenen haben wir richtig trainiert und geübt, mit Pfeil und Bogen zu schießen. Die Produktion hatte einen Coach engagiert, mit dem wir uns die Choreografie erarbeitet haben. Das gehört halt auch zum Handwerk.

Jürgen Vogel ist "Ötzi": Mit der Zeitmaschine in eine andere Welt

Foto: Port au Prince Pictures, Martin Rattini

Wie stark hat sich diese Rolle unterschieden von dem, was Sie bisher gespielt haben?
Die große Herausforderung für mich bestand darin, dass ich als Ötzi viel allein unterwegs bin mit meinen Emotionen und dabei die Geschichte und die Spannung tragen muss. Die Bilder, die Jakub Bejnarowicz und Felix Randau gefunden haben, stets so auszufu?llen, dass die Zuschauer das spannend finden, das war schon eine große Verantwortung. Und sicher, physisch wurde mir für Ötzi einiges abverlangt. Aber ich habe mich vorher durch lange Läufe darauf vorbreitet.

Wie war denn die Begegnung mit dem echten Ötzi in Bozen. Was geht einem da durch den Kopf?
Der Rundgang durch diese Ausstellung in Bozen rund um den Ötzi ist total faszinierend, weil einem diese Zeit und Ötzis Leben sehr anschaulich vermittelt wird. Als ich ihn aber so gesehen habe, musste ich allerdings auch denken, nun ist er so alt über 5300 Jahre und liegt immer noch dort, wo Menschen ihn anschauen können. Ob er jemals seine Ruhe findet? Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde (lacht).

Jürgen Vogel ist "Ötzi": Mit der Zeitmaschine in eine andere Welt

Foto: WENN.com

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