05.11.2020 12:13 Uhr

Katrin Bauerfeind: „Comedy kann mehr als Leute zum Lachen bringen“

Katrin Bauerfeind ist in der zweiten Staffel von "Frau Jordan stellt gleich" zu sehen. Im Interview verrät sie, wie sie ernste Themen mit Humor vermitteln will und warum Frauen in der Comedyszene unterrepräsentiert sind.

Joyn/ProSieben/Oliver Feist

Ab 5. November startet die zweite Staffel von „Frau Jordan stellt gleich“ (Joyn Plus+). Katrin Bauerfeind (38) kümmert sich in der Hauptrolle als Gleichstellungsbeauftragte Eva Jordan dieses Mal um Themen wie Mädchen in Knabenchören, ehemalige Soldaten, die sich zum Erzieher für Kitas umschulen lassen wollen oder die Frage, darf ein deutsches Kind zu Karneval als Türke gehen, aber nicht als Indianer. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news verrät die Moderatorin und Schauspielerin, warum man mit Humor auf schwierigere Themen aufmerksam machen sollte, wie sie mit dem Erfolg der Serie umgeht und warum die Gleichstellungsdebatte auch in der Comedybranche geführt werden muss.

Frau Jordan darf in einer zweiten Staffel gegen Diskriminierung kämpfen. Warum hat das Thema Gleichstellung so viel Potential?

Katrin Bauerfeind: Es gibt in Deutschland selten die Kombi aus gesellschaftlich relevantem Thema und Comedy. Wir wollten trotzdem probieren mit Humor auf schwierigere Themen aufmerksam zu machen. Unserer Meinung nach war es Zeit, dass über das Thema Gleichstellung auch gelacht wird, was übrigens nicht dasselbe ist wie sich darüber lustig zu machen.

Welche Reaktionen haben Sie von Frauen aber auch von Männern auf die erste Staffel bekommen?

Bauerfeind: Die lustigste Reaktion kam von einer Freundin, die drei Kinder hat und eher das klassische Rollenmodell lebt. Die schrieb mir: „Super Serie, ich wusste ja gar nicht, wie benachteiligt ich bin!“ Männer lieben die Gags, Frauen die Themen und unabhängig vom Geschlecht berichten Betroffene, sie seien froh, dass wir das Thema in den Mainstream geholt haben.

Die Serie wurde für den Comedypreis nominiert, die DAfF hat Sie für die beste Hauptrolle nominiert. Könnten Sie sich an das Leben als Schauspielerin gewöhnen?

Bauerfeind: Und den Fernsehpreis wollen wir nicht vergessen. Da ist man einmal nominiert und dann geht das wegen Corona total unter. Aber egal, allein da überall dabei zu sein, ist wild! Aufgrund des großen Erfolges kann ich mir also total vorstellen mehr umzusatteln, immerhin war ich als Moderatorin noch für nix nominiert.

Auf Instagram schreiben Sie: „Lustig wird als einfacher, leichter und auch seichter abgetan und eben vor allem oft nicht ernst genommen.“ Glauben Sie, mit Ihrer Serie können Sie dagegen etwas tun?

Bauerfeind: In Deutschland geht es bei Comedy viel um nicht funktionierende Klospülungen nach One-Night-Stands oder Leute, die irgendwo gegen rennen. Ist zwar auch unterhaltsam, will aber nichts. Vor allem in den englischsprachigen Ländern ist Humor eine Möglichkeit auf Themen aufmerksam zu machen, sie erträglicher zu machen oder das Bewusstsein für bestimmte Dinge zu verändern. Bei uns muss Ernstes ernst vorgetragen werden. Wenn gelacht wird, hat man es nicht ernst genommen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wenn man diese Idee zulässt, kann Comedy mehr als Leute zum Lachen bringen. Ich werde jedenfalls nicht aufhören dafür zu werben.

Welches Thema würden Sie noch gerne angehen und die Leute gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken bringen?

Bauerfeind: Ehrlich gesagt, sieht man ja, wie lange es dauert, bis man an einer einzigen Baustelle weiterkommt. Was die Frage der Gleichstellung angeht, bin ich nicht sicher, ob ich das Ende des Prozesses noch erleben werde. Aber ich bleib da trotzdem dran. Allein über das Ehegattensplitting ließen sich noch sehr viele Witze machen.

Apropos Gleichstellung. Die Genderdebatte um Frauen in der Comedy kam beim Comedypreis wieder einmal auf. Finden Sie es wichtig, dass sie geführt wird?

Bauerfeind: Ja, denn faktisch haben wir eine Männerquote. Seit jeher folgt auf einen Mann ein anderer Mann und seit jeher wird behauptet, Frauen seien eben einfach nicht gut genug, sie leisteten weniger, verhandelten schlechter oder wollten es am Ende nicht so sehr wie Männer. Die Argumente sind überall und in allen Branchen immer dieselben, die Zahlen übrigens auch. Darüber sollte man reden. Ich habe beispielswese in der Kategorie „Beste Moderation“ laudatiert und ausgerechnet in dieser Kategorie waren nur Männer nominiert. Sofern der Comedypreis nicht der Volker-Herres-Gedächtnispreis sein will, ist das aus meiner Sicht schwierig.

Werden Frauen in der Comedybranche wirklich oft außer Acht gelassen oder gibt es einfach weniger?

Bauerfeind: Klar, gibt es da noch weniger, weil, wie in vielen anderen Bereichen, Frauen lange nicht mal mitmachen durften – und mit lange meine ich die letzten 50 Jahre. Frauen durften auch nicht Fußball spielen, weil man Angst hatte, dass sie O-Beine bekommen. Den Job als Frau überhaupt machen zu können, muss also erstmal ins Bewusstsein und kann dann erst selbstverständlich werden. Das gilt für Mädchen, die Astronautin werden wollen genauso wie für Jungs, die gern Krankenpfleger werden wollen.

Es geht in der Comedyszene auch immer mehr um „alt“ versus „jung“. Finden Sie es problematisch, dass Reichweite in den sozialen Medien heute über Erfolg entscheiden kann?

Bauerfeind: Irgendwas ist ja immer. Tatsächlich geht es heute oft weniger um Qualität als um ausreichend Follower. Für Entscheider ist das leichter, weil sie sich selbst keine Gedanken mehr machen müssen, sondern vermeintlich richtig stehen, wenn sie nach Popularität gehen. Dadurch geht es oft nicht darum, worum es in einem Job eigentlich geht, nämlich ob man sein Handwerk beherrscht! Andererseits: war das nicht früher auch schon so? Sind früher immer nur die Besten zum Zug gekommen? Ich glaube, eher nein.

(jom/spot)