18.09.2020 08:47 Uhr

Lars Eidinger beklagt die moralische Überheblichkeit vieler

Eine moralisierte Debattenkultur in Deutschland alarmiert den Schauspieler Lars Eidinger. Die Angst vor einem Shitstorm sei auch für die Kunst "fatal".

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Der Berliner Theater- und Filmschauspieler Lars Eidinger zeigt sich irritiert vom derzeitigen Debattenklima. „Überall ploppen im Moment wahnsinnig komplexe Debatten auf, aber nur in den seltensten Fällen gibt es den Raum, sich dazu in aller Komplexität zu äußern“, sagte er jetzt der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ).

„Und dann sind die Debatten so moralisch. Das wundert mich am meisten – wie viele bereit sind, sich moralisch über andere zu erheben. Schon weil das voraussetzt, dass es überhaupt Gut und Böse gibt. Nicht mal daran glaube ich“, so der 44-Jährige weiter.

Vorwürfe wegen Behindertenrolle

Der Berliner Theaterstar nannte ein typisches derartiges Beispiel seiner Bühnenpraxis: „Für Richard III. wurde mir schon „Crippling up“ vorgeworfen. Das ist so ähnlich wie Blackfacing. Ich spiele einen Behinderten, feiere damit Erfolge; und das darf ich nicht. Weil – ich bin ja gar nicht behindert. Wo ist da die Grenze? Wenn ich jemanden spiele, der traurig ist, und es selbst gar nicht bin – erhebe ich mich dann nicht über alle, die wirklich traurig sind?“

Das hat Meryl Streep zu ihm gesagt

Angst vor dem Shitstorm findet Eidinger „fatal, auch künstlerisch“. Zumal sie ihm zufolge sogar Weltstars betrifft: „Als ich mit Meryl Streep in der Berlinale-Jury war, hat sie gesagt: Du kannst deine Glaubwürdigkeit mit einem Satz zerstören. Das ist bitter. Meryl Streep wirkt so unangreifbar; ihr wird so viel Liebe entgegengebracht. Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, die mich für einen einzigen Satz verurteilt. Ich wünsche mir eine Kultur des Scheiterns. Aber wer Fehler macht, wird bestraft.“

Eidingers Problem mit der Aldi-Tasche

Angst vor dem Shitstorm findet Eidinger „fatal, auch künstlerisch“. Eidinger erlebte Gegenwind, als er eine teure Aldi-Tasche aus Leder entwarf und damit im Obdachlosen-Look posierte. „Was die Tasche angeht, war es ein Missverständnis“, sagte er der „NOZ“. „Ich frage mich, was die Leute mir unterstellen: dass ich mich bereichern wollte? Oder über Obdachlose lustig machen? Ich finde Hochglanzwerbung, die Armut ausklammert, wesentlich zynischer. Genauso wie Produkte zu tragen und auszublenden, wer sie zusammennäht.“

© dpa-infocom, dpa:200918-99-608799/2, KT

(PV)

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