15.10.2020 20:00 Uhr

Lernen für das Langzeitgedächtnis: Dinge leichter einprägen

Das Smartphone gehört mittlerweile zum Alltag vieler Schüler und dient dabei als Gedächtnishilfe. Dabei kann das Langzeitgedächtnis auf der Strecke bleiben. Gedächtnistrainerin Christiane Stenger gibt Tipps, wie Schüler sich Dinge leichter merken können.

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Das Lernen gehört zum Schulalltag dazu. Doch manchen Kindern und Jugendlichen fällt das ziemlich schwer. Bestseller-Autorin und Gedächtnistrainerin Christiane Stenger hat eine einfache Erklärung, weshalb das so ist: „Das Langzeitgedächtnis hat an Bedeutung verloren, da wir Fakten jederzeit auf dem Smartphone nachschlagen können.“ Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erklärt sie ein weiteres Problem. Das Gehirn erhalte täglich viele Informationen – vor allem in den sozialen Netzwerken – und dadurch sei die Aufmerksamkeitsspanne deutlich verkürzt. „Doch wenn wir etwas nur sehen, heißt das jedoch noch lange nicht, dass wir uns diese Informationen merken.“

Deswegen sei es wichtig, zu lernen, sich mit Themen zu beschäftigen und sich aktiv etwas zu merken. „Ansonsten bleibt unser Wissen im Smartphone hängen.“ Mit den richtigen Techniken könne das Gehirn seine Leistung enorm steigern, erklärt sie. „Unser Gehirn merkt sich einige Dinge leichter als andere“, sagt Stenger. „Wenn in der Schule ein Thema spannend erklärt wird, sind die Schülerinnen und Schüler gleich viel motivierter, sich etwas zu merken.“ Hinzu kommt: Das Gehirn präge sich Sachen leichter ein, wenn diese in Bildern abrufbar sind. „Hilfreich beim Lernen ist es außerdem, wenn wir Neues mit Altbekanntem verknüpfen.“ Deshalb empfiehlt die Junioren-Gedächtnisweltmeisterin eine Lernmethode, bei der Wissen in Bildern abgerufen wird.

Wörter mithilfe eigener Geschichte lernen

Müssen Schüler beispielsweise die Bundesländer Deutschlands lernen, können sie sich Gedächtnishilfen zunutze machen, empfiehlt Stenger: „Vorstellen, verknüpfen und spannend machen.“ Das gehe zum Beispiel mit einer Geschichte. „Wer die Bundesländer lernen möchte, sollte zu jedem einzelnen ein passendes Merkbild finden“, rät sie und gibt ein Beispiel: „Für Bayern könnten wir uns das Oktoberfest vorstellen, bei Baden-Württemberg an eine Badehose denken. Das Saarland könnten wir uns zum Beispiel als Salzbrücke vorstellen, quasi eine zweifache Eselsbrücke. Salz hat eine ähnliche Anfangssilbe wie das Saarland, die Brücke steht für die Hauptstadt Saarbrücken.“ Auch Reime und Buchstäben würden beim Einprägen helfen, erklärt Stenger.

„Aus den einzelnen Bildern, die wir uns nun vorgestellt haben, formen wir im Anschluss eine Geschichte.“ Stenger führt am Beispiel der Bundesländer aus: „Ich bin auf dem Oktoberfest, gewinne dort eine Badehose und springe deshalb von der Salzbrücke in den Rhein.“ Die Erzählung könnten Schüler weiterführen. „Die Geschichte muss keinen Sinn ergeben, es geht vor allem darum, sich den Lernstoff zu visualisieren und in Form von Bildern vorzustellen und diese zu verknüpfen.“

Vokabeln anhand von Eselsbrücken lernen

Anders verhält es sich mit dem Vokabellernen. Hier seien keine Geschichten nötig. Dafür hat Stenger einen Tipp parat: Eselsbrücken finden. „So ähnlich wie bei den Aufzählungen funktioniert diese Strategie auch beim Vokabellernen“, erklärt die Gedächtnistrainerin. Diese Technik erläutert sie am lateinischen Wort „cubare“, das „liegen“ bedeutet. „Darin finden wir die Wörter Kuh und Bahre. Stellen wir uns nun vor, wie eine Kuh auf einer Bahre liegt, schon haben wir uns das Wort gemerkt.“

Die Lerntechnik sei jedoch mit komplexen Wörtern, wie sie etwa im Biologieunterricht zu finden sind, schwierig umzusetzen. Hier empfiehlt Stenger, eine Geschichte zu bauen. „Wenn wir spielerisch an den Lernstoff herangehen und ihn aktiv mitgestalten, kann unser Gehirn sich Dinge viel leichter merken als beim sturen Auswendiglernen“, weiß die Expertin.

Wörter mithilfe der Routentechnik einprägen

„Wer mit Geschichten durcheinanderkommt, kann auch die Routentechnik ausprobieren“, schlägt Stenger vor. „Hierbei merken wir uns zehn Punkte an unserem Körper wie Füße, Knie, Hosentasche oder prägnante Punkte in der Wohnung wie Eingangstür, Garderobe und Kommode.“ Die Begriffe, die man sich merken möchte, „werden dann der Reihe nach mit den einzelnen Routenpunkten verknüpft“.

Diese Technik lohne sich zum Beispiel für das Fach Geschichte, erklärt Stenger. „Mit dem ersten Routenpunkt merken wir uns die erste wichtige Jahreszahl – dann arbeiten wir am nächsten Routenpunkt weiter.“

Denken sich Schüler und Eltern gemeinsam Geschichten aus oder trainieren mithilfe der Routentechnik, macht das Lernen gleich viel mehr Spaß, ist sich die Gedächtnistrainerin sicher. „Eltern können sich mit ihren Kindern zusammensetzen und gemeinsam kreativ werden. Auch das Abfragen verläuft dadurch amüsanter als strikte Fakten zu verlangen.“

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Das A und O bei allen Techniken: Wiederholen

Entscheidend sei laut Stenger, die ausgedachten Geschichten und Merkwörter zu wiederholen. Damit das Gelernte im Gehirn bleibe, „sollten wir mindestens vier bis fünf Wiederholungen machen“, rät sie. „Die Gehirnzellen gehen ständig neue Verbindungen miteinander ein, wenn wir etwas Neues lernen. Das Problem: Wenn wir eine neue Info nur ein einziges Mal hören, entsteht dabei vereinfacht gesagt lediglich ein kleiner Trampelpfad im Gehirn.“ Werde das neue Wissen nicht wieder abgerufen, verschwinde dieser Trampelpfad gleich wieder. „Wenn wir Gelerntes jedoch regelmäßig wiederholen, entstehen breite Straßen, wie eine Datenautobahn, die fest im Langzeitgedächtnis verankert ist.“

Wichtig sei, langsam mit den Lernmethoden warm zu werden. „Natürlich hören sich diese Methoden anfangs an wie ein großer Umweg, aber tatsächlich ist es leichter, sich das Lernen so anzueignen.“ Mit der Zeit gehe das immer schneller und „das Wissen bleibt im Langzeitgedächtnis“.

Für das richtige Lernumfeld sorgen

Stengers Tipp für die Hausaufgaben: „Das Handy weglegen!“ Denn: „Allein wenn das Handy neben einem liegt, sinkt die Aufmerksamkeit“, sagt sie. Ein weiterer Ratschlag der Expertin ist, sich einen Wecker zu stellen. „Nach zehn oder fünfzehn Minuten aktivem Lernen können wir unserem Gehirn eine Pause gönnen – das ist ganz wichtig.“

Christiane Stengers Konzept „Merken Lernen“ baut auf Lernspielen, gezielten Trainingsplänen fürs Langzeitgedächtnis und fantasievollen Geschichten auf. Sie hat für Kinder und Eltern einen Online-Kurs erstellt, in dem sie die Gedächtnistraining-Techniken einfach und leicht verständlich erklärt.

(sob/spot)

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