12.11.2020 08:33 Uhr

Missbrauchsfall Münster: Prozess beginnt

Im Frühsommer erschütterte in Münster erneut ein großer Fall von Kindesmissbrauch. Nun startet der Prozess gegen den Hauptangeklagten sowie mutmaßliche Mittäter. Die angeklagten Taten sind nur ein Ausschnitt des schrecklichen Geschehens.

Marcel Kusch/dpa

Im Fall schweren Kindesmissbrauchs unter anderem in einer Gartenlaube in Münster beginnt heute der Prozess gegen den Hauptangeklagten und gegen mutmaßliche Mittäter.

Der 27-Jährige aus Münster soll seit mindestens 2018 seinen heute elf Jahre alten Ziehsohn immer wieder vergewaltigt und ihn über das Internet anderen Männern für schwere sexuelle Gewalttaten überlassen haben. Er gilt als Schlüsselfigur in dem Missbrauchskomplex Münster mit einer Reihe von Beschuldigten und Opfern aus mehreren Bundesländern, der im Frühsommer ans Licht kam. Allein die Staatsanwaltschaft Münster hat mehrere Anklagen gegen neun Personen erhoben; die Ermittlungen bundesweit laufen gegen mindestens 22 weitere identifizierte Beschuldigte.

Für den ersten Prozesstag am Landgericht Münster ist nach Auskunft eines Gerichtssprechers zunächst die Verlesung der Anklageschrift vorgesehen. Es wird erwartet, dass die Öffentlichkeit zum Schutz der Opfer von diesem Vortrag des Staatsanwalts ausgeschlossen wird. Auch für weitere wesentliche Teile liegen laut Gericht bereits Anträge auf Ausschluss der Öffentlichkeit vor.

Nach dem schweren Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde und einem weiteren Missbrauchskomplex mit mehr als 200 Beschuldigten, der in Bergisch Gladbach seinen Anfang nahm, handelt es sich um den dritten großen Fall der vergangenen Jahre in Nordrhein-Westfalen. Die Entdeckungen der Ermittler in Münster hatten die Debatte um besseren Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt neu angefacht. Die Bundesregierung stimmte Ende Oktober einem Gesetzentwurf zu, der unter anderem schärfere Strafen und eine effektivere Verfolgung von Tätern vorsieht.

In dem nun startenden großen Prozess sitzen gleich fünf Menschen auf der Anklagebank: Mitangeklagt sind ein 35-Jähriger aus Hannover, ein 30-Jähriger aus Staufenberg in Hessen, ein 42-Jähriger aus Schorfheide in Brandenburg sowie die 45-jährige Mutter des mutmaßlichen Haupttäters. Gemeinsam mit dem Hauptangeklagten sollen die Männer an drei Tagen im April 2020 in der Laube der 45-Jährigen zwei Jungen immer wieder mit K.-o.-Tropfen betäubt und ihnen schwere sexuelle Gewalt angetan haben. Zwei der Männer hatten in dieser Zeit Geburtstag.

Die Opfer sind der damals zehnjährige Sohn der langjährigen Lebensgefährtin des Angeklagten aus Münster sowie das damals fünf Jahre alte Kind des Mannes aus Staufenberg in Hessen. Die Mutter des Hauptangeklagten soll von dem Geschehen in ihrer Hütte in der Kleingartensiedlung gewusst haben. Die Angeklagten haben während der Ermittlungen zu den Vorwürfen geschwiegen.

Die Anklageschrift umfasst zudem weitere Vorwürfe, etwa gegen den Hauptangeklagten, der sich demnach mindestens 26 Mal an seinem Ziehsohn vergangen haben soll. Diese Erkenntnisse stützt die Staatsanwaltschaft auf die Auswertung eines zuvor hochverschlüsselten Laptops, der bei dem unter anderem wegen Kinderpornografie vorbestraften Hauptangeklagten 2019 sichergestellt worden war. Als es der Polizei im Mai 2020 gelang, die Festplatten zu knacken, brachte das die Ermittlungen ins Rollen. Sie stießen bei weiteren Durchsuchungen auf riesige Datenmengen, von denen bisher nur ein Teil entschlüsselt und ausgewertet ist. Allein zu dem Geschehen in der Laube liegen 30 Stunden Videomaterial vor.

Zu weiteren angeklagten Gelegenheiten sollen der 27-Jährige aus Münster und der Mann aus Schorfheide gemeinsam Kinder missbraucht haben, die ihnen vertrauten. Bei den kindlichen Opfern handelt es sich um den Sohn des Brandenburgers sowie einen entfernten Verwandten und um den Ziehsohn des Hauptangeklagten.

Das Gericht sieht zunächst insgesamt 29 Verhandlungstermine bis Ende Februar 2021 vor.

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