08.07.2020 17:49 Uhr

Nach 68 Jahren: Älteste siamesische Zwillinge der Welt gestorben

Drew Simon/ picture alliance/AP Images

Die Brüder Ronnie und Donnie Galyon waren nicht nur ein Herz und eine Seele, sondern im wahrsten Sinne des Wortes unzertrennlich. Die beiden gingen als älteste siamesische Zwillinge der Welt in die Geschichte ein. Jetzt sind die besonderen Brüder im Alter von 68 Jahren gestorben.

Die beiden seien am 04. Juli in einem Hospiz in Dayton im US-Bundesstaat Ohio eines natürlichen Todes gestorben, sagte ihr Bruder Jim (57) dem US-Sender „Whio“. Das Brüderpaar, das in Beavercreek, Ohio lebte, wird seit 2014 im Guinnessbuch der Rekorde als älteste siamesische Zwillinge der Geschichte geführt.

Zwischen Brustbein und Leiste zusammengewachsen

68 Jahre haben lang sich Ronnie und Donnie nicht nur Tisch und Bett, sondern auch den Körper geteilt. Die siamesische Zwillinge waren zwischen Brustbein und Leiste zusammengewachsen. In den ersten zwei Jahren ihres Lebens waren die Zwillinge ständig in Krankenhäusern.

Die Ärzte versuchten festzustellen, ob eine operative Trennung machbar wäre. Machbar ja, aber eine solche Trennung hätte den Tod eines Zwillings bedeutet.

So blieb nur das gemeinsame Leben. Und das funktionierte tatsächlich, denn: es schlugen zwei Herzen in ihrer Brust. Auch die anderen lebenswichtigen Organe funktionierten größtenteils unabhängig voneinander. Jeder der beiden hatte einen eigenen Kopf, einen Magen, zwei Beine und zwei Arme.

Nach 68 Jahren: Älteste siamesische Zwillinge der Welt gestorben

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Der Vater führte die siamesischen Zwillinge auf Jahrmärkten vor

Trotzdem war ihr Lebensweg von sehr viel Leid begleitet. Und das begann bereits mit der Geburt. Als Ronnie und Donnie am 28. Oktober 1951 entbunden wurden, war die Überraschung gleich doppelt groß: Ihre Eltern Wesley und Eileen Galyon hatten statt mit Zwillingen eigentlich mit nur einem Kind gerechnet – und schon gar nicht mit der seltenen Fehlbildung.

Nach der Geburt von der Mutter verstoßen, war es vor allem ihr Vater, der sie großzog – und vermarktete. Denn Wesley Galyon, der noch sieben weitere Kinder zu versorgen hatte, führte die Jungs auf Jahrmärkten als Attraktion vor, um die horrenden Arztrechnungen begleichen zu können. „Das war unser einziges Einkommen. Sie waren die Ernährer“, erinnert sich der elf Jahre jüngere Bruder Jim.

Wegen Blutverdünnern nicht mehr geprügelt

Sie wurden als Kinder zur Schau gestellt, statt zur Schule geschickt. Obwohl die Zwillinge einen ganz normalen IQ hatten, wurde ihnen der Schulbesuch lange Zeit verwehrt. Der Grund: Ihre Anwesenheit würde die anderen Kinder zu sehr ablenken.

Und so hatten Ronnie und Donnie lange Zeit nur sich selbst, verbrachten jede Sekunde ihres Leben zusammen. Kein Wunder, dass das nicht immer harmonisch ablief. Vor allem in der Pubertät krachte es zwischen den beiden doch sehr ungleichen Brüdern.

„Das ist verständlich, wenn man jemanden genau vor sich hat, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, ein Jahr nach dem anderen“, sagte ihr Bruder Jim vor einigen Jahren im Interview mit der Zeitung „Grand Rapids News“.

Die Prügeleien hörten allerdings genau dann auf, als die beiden Blutverdünner nehmen mussten. Ab jetzt hätte jeder Schlagabtausch tödlich enden können.

Grundverschieden und doch beste Freunde

Und das wollten die Brüder natürlich denn. Bis zum Schluss bestanden beide darauf, dass sie die besten Freunde seien. Sie waren grundverschieden – und sich trotzdem ungewöhnlich nah. Ronnie war der extrovertierte Spaßvogel, Donnie eher sensibel und in sich gekehrt.

Sie teilten die Liebe zum Angeln und Campen. Sie rasierten sich gegenseitig, waren beide Fans der Football-Mannschaft Dallas Cowboys, sammelten Modell-Autos.

Eine lukrative Karriere: vom Jahrmarkt in den Zirkus

Es gab sie immer nur als Paar. So traten sie als Zauberer im Zirkus auf und nahmen an Reality-Shows im Fernsehen teil. Bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1991. Dann wurde es ruhiger um die Zwillinge.

Von gesundheitlichen Problemen blieben die beiden in älteren Jahren aber weitestgehend verschont. Doch 2009 erkrankte Ronnie an einer Lungeninfektion, die für beide lebensgefährlich wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden gemeinsam in ihrem Apartment gewohnt. Nach der Erkrankung zogen sie zu ihrem Bruder Jim und dessen Ehefrau Mary.

200 Freiwillige aus der Umgebung halfen damals dabei, das Haus des Bruders so umzugestalten, dass die siamesischen Zwillinge dort leben konnten. Die letzten zehn Jahre ihres Lebens verbrachten sie dort.

 

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