11.04.2020 15:32 Uhr

Nach Klopapier sind jetzt Strandkörbe für daheim der letzte Schrei

Foto: Pawel Kazmierczak/Shutterstock

Die Reise nach Sylt oder zu anderen Orten an der Küste fällt in der Corona-Krise aus. Als Trostpflaster holt sich manch verhinderter Urlauber das Symbol für Nord- und Ostseeferien nach Hause.

Seit 16 Jahren verkauft Kay Gosebeck Strandkörbe – was in der Corona-Krise passiert, hat er noch nicht erlebt. „Bei uns ist Land unter, wir werden erschlagen mit Aufträgen“, sagt der 62 Jahre alte Gründer der Strandkorbmanufaktur Buxtehude. Fast 4000 Klicks zählt er derzeit am Tag auf der Website des niedersächsischen Unternehmens. „Die Leute haben viel Zeit, sie sitzen am PC.“ Von jedem zweiten Kunden höre Gosebeck am Telefon: „Der Urlaub ist abgesagt und stattdessen möchten wir einen Strandkorb im Garten haben oder auf dem Balkon.“

Nach Klopapier sind jetzt Strandkörbe für daheim der letzte Schrei

Foto: Sina Schuldt/dpa

Wegen der Pandemie sind die Inseln an Nord- und Ostsee für Urlauber tabu. Und Gosebeck musste das Ladengeschäft vor einigen Wochen schließen. „Für uns ging an dem Montag eine Welt unter. März, April, Mai, das sind die drei Monate, wo wir 50 Prozent unseres Jahresumsatzes fahren. Aber wir merkten gleich am nächsten Tag, dass die uns hier umlaufen mit Online-Aufträgen.“ Es sei der beste März seit Firmengründung geworden.

Die Produktion brummt

Auf Sylt, in der Strandkorbmanufaktur in Rantum, sind derzeit alle Mitarbeiter der Produktion beschäftigt. Die Auftragslage sei noch gut, sagt André Möller, Schwiegersohn des Firmeninhabers beim Gang durch den Betrieb. In der großen Lagerhalle stehen den Winter über rund 1000 Strandkörbe, die die Manufaktur an Hotels, Restaurants und Ferienwohnungen vermietet. Jetzt ist die Halle fast leer.

In den Werkstätten sind die Mitarbeiter der Manufaktur dabei, neue Strandkörbe zu fertigen. Ungefähr fünf werden pro Tag in der Manufaktur gebaut. 70 Prozent der Produktion gehen traditionell aufs Festland – nach Bayern, ins Rheinland und ins Frankfurter Umland beispielsweise. „Die meisten Strandkörbe gehen an Privatleute“, sagt Möller. Sie wollten etwas mitnehmen von ihrer Lieblingsinsel.

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Strandkorb mit Sitzheizung

Gilt das auch in der Corona-Krise, in der Sylt in unerreichbare Ferne rückt? „Es wird online schon ganz gut bestellt“, sagt Svenja Möller-Trautmann, Möllers Frau. Die Tischlerin ist gerade dabei, ein Strandkorb-Unterteil zusammenzubauen. Aber man merke schon, dass die Laufkundschaft fehle. Viele wollten sich ihren Stoff vor Ort aussuchen, einmal anfassen, Probesitzen, sagt sie. Individuelle Wünsche würden berücksichtigt: Ein Kunde wollte einmal eine Sitzheizung eingebaut haben, wie Möller-Trautmann erzählt.

„Wenn man 2000 Euro ausgibt, möchte man vorher eigentlich auch mal im Strandkorb drin sitzen“, sagt Gosebeck in Buxtehude. Zehn Stunden Arbeit steckten in einem seiner Strandkörbe. In einem Werk in Indonesien arbeiteten 160 Korbflechter – rund sechs Stunden benötige einer für einen Korb. Es folgten zwei Stunden Tischler-Arbeit. Genäht, gepolstert und geschnitten werde in Buxtehude, wo derzeit knapp 50 Leute beschäftigt seien.

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Headsets mit Lieferengpässen

Die Strandkorbmanufaktur Bris in Ahrensbök in Schleswig-Holstein verzeichnet ebenfalls eine gestiegene Nachfrage. „Es ist ein Wahnsinn, die Menschen sitzen zu Hause, können nicht in den Urlaub fahren“, sagt Inhaber Angelo Bris. „Sie entschließen sich, einen Strandkorb zu kaufen, um wenigstens ein bisschen die Ost- oder Nordsee bei sich im Garten zu haben.“ Die Produkte seien fast völlig ausverkauft. „Sicherlich ist die Nachfrage ungebrochen“, sagt Lars Eggers vom gleichnamigen Strandkorbhersteller in Mölln. „Aber es ist auch saisonal bedingt, dass die meisten Leute jetzt einfach an einen Strandkorb denken.“

Martin Bockler von der Industrie- und Handelskammer Niedersachsen benennt noch andere mögliche Profiteure der Krise, wobei die Zahl der negativ Betroffenen deutlich höher sei. Gefragte Produkte seien Kinderspielzeug und -bücher, IT-Ausstattung fürs Homeoffice sowie Heimfitnessgeräte. Nicht immer könnten die Hersteller die Nachfrage bedienen, bei Headsets sei es zu Lieferengpässen gekommen.

„Wir arbeiten zwölf Stunden am Tag, einige arbeiten am Sonnabend hier“, erklärt Gosebeck. Auch über Ostern seien Schichten geplant. (dpa/KT)

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