11.05.2019 22:23 Uhr

„Nur eine Frau“: Alle reden über diesen schockierenden Film

Foto: Mathias Bothor

Gerade ist sie in einem neuen Kinofilm zu sehen: Ein junger Mann erschießt seine Schwester auf offener Straße. Sie hat ihn – arglos – mit einer Kaffeetasse in der Hand zur Bushaltestelle begleitet. Dreimal drückt er ab, die Kugeln treffen die junge Frau ins Gesicht. Nur wenige hundert Meter entfernt in ihrer Wohnung schläft ihr fünfjähriger Sohn, sie hat ihn nur kurz allein lassen wollen. Erst am Abend wird er aus der Wohnung geholt…

"Nur eine Frau": Alle reden über diesen schockierenden Film

Foto: Mathias Bothor

Die grandiose Schauspielerin Almila Bagriacik spielt eine Frau, die 2005 von ihrem Bruder ermordet wurde. Aber aus dem Film gehe man nicht mit Tränen, sagt sie.

Für die 28-Jährige, die inzwischen auch eine Kieler-Tatort-Kommissarin spielt, hat ihr neuer Film eine besondere Energie. Im Kinodrama „Nur eine Frau“ spielt sie Hatun Sürücü, die 2005 von einem ihrer Brüder in Berlin an einer Haltestelle erschossen wurde, weil sie sich ein selbstbestimmteres Leben gewünscht hat.

„Als ich den Film das erste Mal gesehen habe, bin ich nicht mit Tränen rausgegangen“, sagte Bagriacik der Deutschen Presse-Agentur. „Sondern ich dachte mir: ‚Okay Almila, let’s get it on. Was kannst Du tun in Deinem Leben? Du bist ja im Halbschlaf'“, sagte Bagriacik in Berlin.

Tatsächlich habe ihr der Film Lebensenergie gegeben. Und sie wünsche sich, dass es anderen ähnlich gehen, wenn man sehe, „wie viel Hatun Sürücü in ihrem Leben trotz allem geschafft hat“.

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Almila Bagriacik. Foto: Mathias Bothor

Das geht alle was an

Ihre Eltern hätten als Journalisten damals über den Fall berichtet. In der Pubertät habe sie damit aber nichts zu tun haben wollen, sagte Bagriacik. Es gebe immer noch den Blick von außen: „Die Ausländer, die bringen sich gegenseitig um“. „Und mir war es umso wichtiger zu zeigen, es gibt auch andere Türken, es gibt auch andere Ausländer.“ Dass sie so zugemacht habe, sei Sürücü gegenüber unfair gewesen.

"Nur eine Frau": Alle reden über diesen schockierenden Film

Foto: Mathias Bothor

„Die Geschichte geht alle etwas an“, sagte Bagriacik. Sie spielt neben dem ‚Tatort‘ auch in der Gangsterserie ‚4 Blocks‚ mit.

Wegen ihrer Rolle dort wird sie nach eigenen Worten öfter in Berlin-Neukölln angesprochen. „Natürlich kommen dann auch mal Leute und sagen: „Wo ist Latif, dein Mann?““, sagte Bagriacik. „Aber sobald ich sie angucke, lachen sie dann auch. Es ist ein Spiel.“

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Foto: Mathias Bothor

Ehrenmorde sind keine Einzelfälle

Der Ehrenmord an Hatun Sürücü gehört zu den aufwühlendsten Verbrechen in der jüngeren Geschichte Deutschlands. Der Mord auf offener Straße macht Schlagzeilen, der Prozess gegen drei der Brüder sorgt dafür, dass das Thema „Ehrenmord“ eine zuvor nie gekannte Öffentlichkeit erlangt. Und er bleibt kein Einzelfall: eine Studie des Bundeskriminalamtes geht von einem Dutzend Tötungsdelikten in Deutschland jährlich aus, die „im Kontext patriarchalisch geprägter Familienverbände“ verübt werden, um Frauen für ihren (westlichen) Lebenswandel zu bestrafen.

"Nur eine Frau": Alle reden über diesen schockierenden Film

Kränze und Blumen liegen am Gedenkstein für Hatun Sürücü an einer Bushaltestelle in Berlin. Sie war am 7. Februar 2005 hier erschossen worden. Foto: Rainer Jensen

Dass der Film die Ich-Perspektive wählt, ist ungewöhnlich, gerade weil Hatun Sürücü selbst nicht mitreden kann. Produzentin Sandra Maischberger (es ist ihr erster Spielfilm) erklärt, sie hätten ihr damit eine Stimme geben wollen. In Dokumentationen seien natürlich immer die zu Wort gekommen, die überlebt hätten. „Und das sind die Brüder und der verurteilte Täter. Aber sie selbst hatte bisher keine Stimme.“

Kritiken aus Übersee

Die ersten Kritiken aus den USA – die Magazine „Variety“ und „Hollywood Reporter“ – loben die Besetzung des Films. Es sei auch nichts falsch an dessen anti-dramatischer Aura, schreibt der „Hollywood Reporter“. Bagriacik hat schon mal in einem Film mit sehr ähnlicher Handlung mitgespielt – in „Die Fremde“ von Feo Aladag. Es war ihre erste Rolle. In „Nur eine Frau“ entwickelt sie einen ziemlichen Sog. Man kann über die Art der Erzählung streiten, aber der Film bleibt noch eine ganze Weile im Gedächtnis. Auch wenn man das Kino längst verlassen hat.

Mit zur Besetzung gehört übrigens auch Rauand Taleb (ebenfalls „4Blocks“). (dpa/KT)