OK KID: Pandemie geht als „Kommunikations-Fail in die Geschichte ein“

SpotOn NewsSpotOn News | 10.05.2022, 14:01 Uhr
Raffael "Raffi" Kühle, Jonas Schubert und Moritz Rech (v.l.) sind mit ihrem neuen Album "DREI" zurück. (tae/spot)
Raffael "Raffi" Kühle, Jonas Schubert und Moritz Rech (v.l.) sind mit ihrem neuen Album "DREI" zurück. (tae/spot)

Stefan Braunbarth

OK KID sind mit ihrem neuen Album "DREI" zurück. Im Interview spricht Sänger Jonas Schubert über die aktuellen Krisen in der Welt und erklärt, warum bei Nachhaltigkeit und Co. "noch großer Nachholbedarf in der Festivallandschaft" besteht.

OK KID zeigen mit ihrem neuen Album „DREI“, das am 13. Mai erscheint, mal wieder Haltung: Es geht um die aktuellen Krisen in der Welt, die Spaltung der Gesellschaft, toxische Männlichkeit und mentale Gesundheit. Auf Ironie und Satire haben die drei Bandmitglieder dieses Mal verzichtet: „An den aktuellen Krisen ist nichts lustig“, erklärt Sänger Jonas Schubert im Interview mit spot on news. Außerdem erzählt er, warum die Kommunikation in der Corona-Pandemie als „Fail in die Geschichte“ eingehen wird und warum es einen großen Effekt hätte, wenn Helene Fischer (37) „sich aktiv gegen die AfD stellen würde“.

„DREI“ steht dafür, dass es aktuell nur noch Sie drei gibt. Sie haben sich von Management, Label und vielen in Ihrem Team getrennt. Warum war es Zeit für einen Neuanfang?

Jonas Schubert: Durch Corona hatten wir viel Zeit zu überlegen, wie und unter welchen Bedingungen wir Musik veröffentlichen wollen. Wir möchten die ultimative Freiheit haben, unsere Musik so zu vermarkten, wie wir es uns vorstellen. Und das impliziert beispielsweise, dass wir nicht bereit sind, unsere Musik über Versandplattformen zu verkaufen, bei denen wir nicht sicher sein können, dass auch alle in der Kette einen fairen Lohn für ihre Arbeit bekommen. Deswegen verkaufen wir nur noch direkt über unseren Shop. Aber auch in der Musik hört man durch und durch unsere DIY-DNA. Bis auf einen Song hat das gesamte Album Raffi Balboa von uns produziert.

Warum haben Sie diesmal auf Ironie und Satire verzichtet? Sind die Themen zu ernst geworden?

Schubert: Es fühlte sich einfach nicht danach an, sich den aktuellen Themen mit Satire oder Ironie zu nähern. Ironie bedeutet ja auch immer, dass man einen gewissen Abstand zu den Dingen hat und sich in gewisser Weise lustig darüber macht. Aber an den aktuellen Krisen ist nichts lustig. Es ist schon lange nicht mehr die Krise, die wir durch den Bildschirm bei anderen beobachten. Wir stecken mit Haut und Haaren selbst drin. Klimakrise, Krieg, Rassismus. Alles findet vor unserer Haustür statt.

Dass solche Themen in unsere Musik fließen, ist keine bewusste Entscheidung. Im Entstehungsprozess des Albums haben wir so viel wie noch nie über die aktuelle Lage diskutiert. Das Album ist ein subjektiver Kommentar auf das Zeitgeschehen, aber darüber hinaus auch das wohl konsequenteste Songwriting, das wir je auf Albumlänge gezeigt haben. Zuallererst wollen wir gute Musik machen und das Beste abliefern in Sound und Text.

Die Medien sind voll von schlechten Nachrichten, Ihre Songs voller unangenehmer Wahrheiten. Wie finden Sie bei all dem Negativen das Positive?

Schubert: Wir haben nicht die Illusion, dass Musik Kriege verhindern kann oder die Welt rettet. Musik kann aber in jeder Hinsicht vermitteln: „Du bist nicht allein mit deinen Gefühlen.“ Ich hoffe, dass bei vielen Themen, die wir ansprechen, die Hörerinnen und Hörer merken, dass es okay ist, schwach zu sein oder an der Menschheit zu zweifeln. Auf der anderen Seite ist es aber auch okay, völlig unpolitisch Musik zu machen. Ich selbst höre privat überhaupt keine politische Musik. Musik ist für mich auch ein Ausbrechen aus der Welt, Ablenkung, Zerstreuung. Wenn das Musik schafft, ist das schon sehr positiv.

Viele Familien und Freundschaften sind in der Corona-Pandemie zerbrochen aufgrund von unterschiedlichen Meinungen zur Impfung oder dem Virus. Gab es auch bei Ihnen solche Spaltungen?

Schubert: Nein. Zum Glück nicht. Aber wie wir in der Pandemie miteinander oder besser gesagt gegeneinander geredet haben, geht auf jeden Fall als ein ziemlicher Kommunikations-Fail in die Geschichte ein. Menschen, die nicht derselben Meinung waren, wurden teilweise rhetorisch niedergemacht, als wären sie die größten Feinde. Generell hat die Corona-Zeit leider auch gezeigt, wie gespalten wir doch alle sind. Ich glaube, wir müssen alle wieder mehr lernen, dass unsere eigene Meinung nicht das Ultimo für alle ist. Solange Meinungen demokratisch und mit dem Grundgesetz vereinbar sind, müssen wir sie als Demokratinnen und Demokraten akzeptieren, auch wenn wir abgrundtief dagegen sind.

Vielen hat die Pandemie auf die Psyche geschlagen. Hat sich die Pandemie auf Ihre mentale Gesundheit ausgewirkt?

Schubert: Am Anfang schon, als ich überhaupt nicht wusste, wie ich mit der Pandemie umgehen sollte. Dann habe ich schnell gemerkt, wie mich die Ruhe und Isolation kreativ beflügelt. Ohne Corona würde auch unser Album nicht so klingen, wie es klingt. Auf der anderen Seite haben wir zweieinhalb Jahre keine Liveshow mehr gespielt und das ständige Verschieben zermürbt. Was sich aber viel stärker noch auf meine Gemütslage auswirkt, ist der Krieg in der Ukraine.

Sollten sich Musiker Ihrer Meinung nach öfter politisch äußern?

Schubert: Ich glaube nicht, dass es was an der Situation ändern würde, wenn sich jetzt pauschal mehr Musikerinnen und Musiker politisch äußern würden. Wenn aber Artists ihre Reichweite nutzen, um ihre Community zu mobilisieren, wie zum Beispiel: „Wir sammeln Hilfsgüter für das Flüchtlingscamp in Syrien. Wer spendet mit?“, kann das viel erreichen. Wenn Helene (Fischer, Anm. d. Red.) sich aktiv gegen die AfD stellen würde, dann hätte das auf jeden Fall einen Effekt. Immer da, wo ein sehr heterogenes Publikum aufeinanderstößt, kann es helfen. Bei Artists wie uns bleibt es eher in der Blase, weil eh alle wissen, wie wir denken, und uns auch nur Leute gut finden, die unsere Meinung irgendwie teilen können.

Nachhaltigkeit ist ein Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt. Was tun Sie dafür, damit Konzerte und Ihr Festival Stadt ohne Meer möglichst nachhaltig sind?

Schubert: Wir könnten noch viel besser sein. Wir gehen auch nicht raus und sagen: Wir sind ein Paradebeispiel für ein klimaneutrales, ökologisches, diverses und haltungsstarkes Festival. Vielmehr sollte es selbstverständlich sein, dass ein Festival so gut es geht Plastik vermeidet, sich über eine gewisse Diversität im Line-up Gedanken macht und sich auch gesellschaftspolitisch engagiert. Dafür wollen wir keine Anerkennung, sondern wünschen uns, dass es einfach Normalität ist. Da ist tatsächlich noch großer Nachholbedarf in der Festivallandschaft.