30.12.2019 19:07 Uhr

„Oma ist ’ne Umweltsau“: Die neusten Reaktionen auf den Kinderchor-Skandal

Kharaim Pavlo/Shutterstock

Nach dem Skandal um das WDR-Video „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“ haben sich die Wogen noch nicht geglättet. Der Hashtag #OmaGate hat Konjunktur. WDR-Intendant Tom Buhrow fürchtet offenbar auch um das Leben seiner Mitarbeiter. Ein freier Journalist des Kölner Senders habe Morddrohungen bekommen. Im Mittagsmagazin von WDR 2 sagte Buhrow: „Wir werden das nicht dulden, ich gehe mit allen juristischen Mitteln dagegen vor“. Der Intendant fügte hinzu: „In unserem Land ist etwas richtig krank, und wir haben alle dazu beizutragen, dass sich das ändert“.

Das veröffentlichte Lied des WDR-Kinderchors „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“ auf der Basis des Kinderliedes „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ wurde als Satire bezeichnet und hatte nach der Veröffentlichung einen Sturm der Entrüstung nach sich gezogen. Ein freier WDR-Mitarbeiter hatte laut „Zeit“ das Kinderchor-Video auf Twitter geteilt und später auf seinem privaten Account kommentiert: „Lass mal über die Großeltern reden, von denen, die jetzt sich über Umweltsau aufregen. Eure Oma war keine Umweltsau. Stimmt. Sondern eine Nazisau“.

"Oma ist 'ne Umweltsau": Die neusten Reaktionen auf den Kinderchor-Skandal

Tom Buhrow – Intendant Westdeutscher Rundfunk. Foto: WDR/Herby Sachs

Der Journalist wurde in der Folge dieser tatsächlich undifferenzierten Auslassung Opfer von Beleidigungen und Morddrohungen im Zusammenhang mit seinem Tweet, für die er sich später entschuldigte. „Mir lag es fern eine ganze Generation oder gar eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zu beleidigen. Falls dieser Eindruck entstanden sein sollte, möchte ich mich bei berechtigten Kritikern entschuldigen.“

Reaktionen

‚Bild‘-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb an die Adresse von Tom Buhrow: „Was für ein Entschuldigungs-Gequatsche. Sie alle plappern Entschuldigungen, wie man ‚Guten Tag‘ sagt oder ‚Gute Nacht‘. Für ‚Oma ist ’ne Umweltsau‘ kann man sich nicht entschuldigen. (…) Eine echte Entschuldigung sieht so aus: Die Verantwortlichen müssen ihren Job verlassen. Vielleicht auch Sie, lieber Tom Buhrow.“

In einer Mitteilung des ‚Deutschen Journalisten-Verbandes‘ heißt es: Der Journalist ist derzeit Opfer von Beleidigungen und Morddrohungen im Zusammenhang mit seinen Tweets zur ‚Umweltsau‘-Satire. Angehörige der rechtsextremen Szene marschierten vor seinem Haus auf und versuchten, den Journalisten einzuschüchtern. ‚Sowohl der WDR, für den der Kollege arbeitet, als auch die Sicherheitsbehörden sind aufgefordert, (ihn) zu schützen‘, verlangt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. Es gehe nicht um Geschmacksfragen von Satire, sondern um den Schutz von Satire- und Meinungsfreiheit.

Kommentar der ‚Stuttgarter Nachrichten‘: „Es ist richtig, dass der WDR seine dumme ‚Umweltsau‘-Satire gelöscht hat, und es ist angemessen, dass der Intendant sich entschuldigt hat. Nicht nur, weil sie einfach pauschal beleidigend gegenüber älteren Menschen war. Auch deshalb, weil die darin enthaltene Sicht von bemitleidenswerter Gedankenarmut zeugt. Was Ältere an dem ’sau‘-blöden Song zu Recht aufregt, ist die unangebrachte Selbstgefälligkeit, mit der die offenbar jüngeren Macher des Textes meinen, grundsätzlich qua Alter auf der moralisch richtigen Seite des Lebens zu stehen. Ein unangenehmer Zug, der auch der Fridays- for-Future-Bewegung nicht fremd ist.“

Unions-Fraktionsvize Carsten Linnemann (CDU) hat das Lied des WDR-Kinderchores („Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“) scharf kritisiert. „Der Beitrag ist nicht nur peinlich, sondern eine Frechheit gegenüber allen Gebührenzahlern, die zu Recht qualitativ hochwertige Information und Unterhaltung erwarten“, so Linnemann gegenüber dem Bielefelder „Westfalen-Blatt“. „Der WDR animiert seinen Kinderchor nicht nur zu politischen Botschaften, sondern auch dazu, die eigenen Großeltern als Säue zu bezeichnen? Also jene Menschen, die den Lebensstandard der singenden Kinder erst ermöglicht haben? Mich haben viele Bürger in den vergangenen Tagen angeschrieben. Alle mit dem gleichen Tenor: Sie sind wütend. Ehrlich gesagt: Ich kann sie verstehen“.

Im Kommentar der ‚Mitteldeutschen Zeitung‘ heißt es: „Mal abgesehen davon, dass viele ‚Omas‘ im Schnitt wahrscheinlich deutlich nachhaltiger und weniger konsumorientiert leben als die meisten jüngeren Menschen – eine solche Art, Generationen gegeneinander aufzuwiegeln und Ältere pauschal für deren vermeintliches Fehlverhalten an den Pranger zu stellen, führt zu nichts Gutem. Eine Umweltsau ist man im Zweifel immer auch selbst. Der WDR-Mädchenchor etwa ist kürzlich für einige Auftritte um die halbe Welt nach Südkorea geflogen. Die Wirklichkeit ist kompliziert. Dem darf ruhig auch Satire beim WDR durchaus Rechnung tragen.“

Im Leitartikel der ‚Westdeutschen Zeitung‘ heißt es nach dem medialen Wirbel um den Song: „Fragen muss man aber auch, ob es nicht endlich eine Nummer kleiner geht. Eine kritische Reaktion auf Falsches muss nicht richtig sein. Und sie ist es hier nicht, weil sie kein Maß hat. Man darf das Lied doof finden, dessen Widerhall aber auch. Deutschland ist emotional in diesen Tagen des ausgehenden Jahres ein Hühnerstall. Aufgeregt. Gackernd. Eng. Jeder wartet, bis sich wer regt. Dann fliegen die Federn. Und am Ende ist nie etwas gewonnen.“