21.08.2020 15:00 Uhr

Pandemie-Prüderie: Gibt es bald keine Sexszenen mehr?

Wie zeigt man Nähe, ohne sich nahezukommen? Diese Frage stellt sich derzeit die Film- und TV-Industrie und sucht dafür auch in der Vergangenheit nach Antworten.

imago images / EntertainmentPictures

Die zaghaft wieder anlaufende Film- und TV-Industrie sieht sich einem Dilemma gegenüber. Wie sollen intime Momente wie Sexszenen gedreht werden, wenn sich Darsteller aufgrund der weiterhin bestehenden Sorge vor dem Coronavirus nicht nahekommen dürfen? Am besten gar nicht, befindet derzeit „Direktors UK“, eine Vereinigung britischer Regisseure. Zur Lösung des Problems appellieren sie an die Kreativität der Filmschaffenden und der Drehbuchautoren. Inspiration soll ausgerechnet eine Ära größtmöglicher US-Prüderie liefern, in der dennoch All-Time-Klassiker wie „Casablanca“ entstanden sind. Die neue Marschroute? „Ich seh‘ dir aus Sicherheitsabstand in die Augen, Kleines.“

Sexverbot, sonst Berufsverbot

Von 1934 bis 1968 war er in den USA aktiv, der Motion Picture Production Code, auch unter dem Namen Hays Code bekannt. Ab Anfang der 60er Jahre trat er zwar zusehends inoffiziell außer Kraft. Über 20 Jahre lang untersagte er es jedoch unter Bestrafung (Geldbuße bis hin zu Berufsverbot) unter anderem, „Obszönitäten in jedweder Form“ zu zeigen. Sprich: Alles, was über einen Kuss hinausging, musste der Schere zum Opfer fallen, oder eben der ganze Film landete auf dem Index.

Selbstredend ließen es sich einige Filmschaffende nicht nehmen, Sex dennoch so explizit wie möglich anzudeuten, ohne ihn zu zeigen und so auf die „Schwarze Liste“ gesetzt zu werden. Keinem gelang das so gut wie Regie-Schlitzohr Alfred Hitchcock in der Schlussszene zu seinem Film „Der unsichtbare Dritte“ von 1959. Selbst den Sittenwächtern von damals muss die Symbolik doch klar gewesen sein: Leidenschaftlich küsst Cary Grant seine Kollegin Eva Marie Saint, ehe der Zug, in dem sie sich befinden, volle Kraft voraus in einen Tunnel „eindringt“ – The End.

Dass „Direktors UK“ nun in ihrem Schreiben „Intimität zu Zeiten von Covid-19“ an diese unfreiwillige Kreativität von damals erinnert, zeigt, wie ernst es um die gesamte Industrie derzeit steht. Erschwerend kommt dieser Tage jedoch hinzu, dass die „Zensur“ durch Corona sogar weiter gehen müsste, als es der Hays Code je getan hat. Denn auch ein unschuldiger Filmkuss lässt sich momentan nur schwer mit Social Distancing vereinbaren. Bedeutet Corona also das (vorübergehende) Ende von Sexszenen? Vielmehr erscheint es gar wie eine Zwangspause für die Leinwand-Liebe generell.

Die Hoffnung auf Besserung

Drehbuchautoren, vor allem bei Serien, sind in dem Schreiben angehalten, intime Höhepunkte erzählerisch möglichst lange hinauszuzögern: „Der Aufbau einer intimen Szene kann manchmal aufregender sein als die Szene selbst“, lautet darin die Umschreibung der Phrase „Vorfreude ist die schönste Freude“. Ein bisschen ist hier auch die Hoffnung Bruder des Gedankens: Wird die Corona-Pandemie während des Drehs einer Serie oder eines Films besiegt, können Sex- und Kussszenen nach dem Zelluloid-Zölibat wider Willen ja nachgeholt oder nachgedreht werden.

Bis es hoffentlich bald so weit ist, legen die Vorschläge in „Intimität zu Zeiten von Covid-19“ den Bruch mit dem vielleicht wichtigsten Kreativgesetz der Filmindustrie nahe: dem Gebot „Show, Don’t Tell“ („Zeigen, nicht erzählen“). Figuren, so ein Vorschlag, könnten sich beispielsweise sagen, welche unanständigen Dinge sie miteinander machen wollen oder schon vollzogen haben. Unter Umständen sollten sich Kinogänger also auf einen exponentiellen Anstieg an Telefonsex-Szenen einstellen.

Wahlweise könnte aber auch die moderne Technik zum Einsatz kommen – Sexszenen aus dem Computer. Ein weiterer Vorschlag, der für Promi-Paare interessant sein könnte: Wer schon im echten Leben zusammen ist, dürfte sich natürlich auch vor der Kamera näherkommen. Motivation für das Comeback manch eines früheren Hollywood-Traumpaares?

(stk/spot)

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