23.10.2020 10:00 Uhr

Pelé: Der Fußballgott wird 80 Jahre alt

Die brasilianische Fußballikone Pelé feiert am Freitag seinen 80. Geburtstag. Ein Blick zurück auf ein Leben voller Höhen und Tiefen, die dennoch eines offenbaren: Nie gab es einen besseren Kicker auf Erden.

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Na klar war er der Beste, besser gesagt: der Allerbeste. Der beste Fußballer aller Zeiten. Zumindest meinen das viele der größten Experten. Wie etwa auch Ferenc Puskás (1927-2006), genialer Stürmer von Real Madrid. Der Ungar sagte einst: „Der beste Spieler der Geschichte war Alfredo di Stefano, aber ich weigere mich, Pelé als Spieler zu klassifizieren. Er war darüber.“

Und schließlich sagte es auch der, der es am besten wissen müsste: Pelé selbst. Er meint in aller Bescheidenheit: „Es wird nur einen Pelé geben, wie es auch nur einen Frank Sinatra oder nur einen Michelangelo gegeben hat. Ich war der Beste.“ Was Pelé auch immer tat auf dem Fußballfeld – er tat es auf allerhöchstem Niveau: dribbeln wie Messi oder Diego Maradona, das Spiel dirigieren wie di Stefano oder Zinedine Zidane, schießen, köpfen und Tore machen wie Cristiano Ronaldo oder Gerd Müller. Pelé konnte alles.

Ein Ballzauberer für die Ewigkeit. Doch auch er ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Am Freitag, den 23. Oktober, wird Pelé bereits 80 Jahre alt.

Seine Karriere startet auf der Straße

Eigentlich heißt er ja Edson Arantes do Nascimento. 1940 wurde er in Três Corações im Bundesstaat Minas Gerais im Süden Brasiliens geboren. Die Gegend nennt sich heute auch „Terra do Rei Pelé“, das Land von König Pelé. Die Familie war arm, Vater Dondinho gab wegen einer Knieverletzung seine Fußballkarriere auf und arbeitete später als Reinigungskraft.

Der kleine siebenjährige Edson, den alle nur „Dico“ nannten, musste als Schuhputzer und Nussverkäufer mit zum Familienunterhalt beitragen. Abends, wenn er mit den anderen Kindern barfuss auf der Straße mit einem Ball aus zusammengebundenen alten Socken spielte, fielen seine geschmeidigen, katzenhaften Körperbewegungen aber bereits früh auf.

Da muss es schon zu dem Spitznamen Pelé gekommen sein. Später erklärte er in seiner Autobiografie, dass er als Kind für den Torwart Bilé von Vasco São Lourenço geschwärmt habe. Durch seine kindliche Aussprache wurde daraus „Pilé“ und schließlich Pelé. Er selbst hat den Namen nie besonders gemocht.

Er hasste immer seinen Spitznahmen Pelé

„Ich hasse diesen verdammten Spitznamen. Es war nicht einmal ein richtiges Wort, es bedeutete nichts“, schreibt er. Er soll sogar handgreiflich geworden sein gegenüber Mitschülern, die ihn Pelé riefen. Auch später als Erwachsener hat er mehrfach darauf bestanden, dass sein Vorname Edson sei – und nicht Pelé.

Sein überragendes Talent als Fußballer erkannte der ehemalige brasilianische Nationalspieler Waldemar de Brito, der ihn dem Proficlub FC Santos empfahl, wo Pelé als 15-Jähriger anheuerte. In der ersten Saison erzielte die „Pérola Negra“ (Schwarze Perle) in 29 Spielen 36 Tore – und wurde mit 16 in die Nationalmannschaft Brasiliens berufen, ein Jahr vor der WM 1958 in Schweden.

Sie wurde die große Bühne eines 17-jährigen Spielers, dem der Ball folgte wie ein perfekt erzogener Hund. In vier Spielen erzielte er sechs Tore, im Finale gegen Schweden allein zwei. Brasilien gewann 5:2 und ein Zaubertrick des blutjungen Brasilianers ging in die Fußballgeschichte ein: Pelé jonglierte den Ball durch den schwedischen Strafraum, hob ihn hintereinander über drei Schweden hinweg und beförderte ihn dann mit dem Kopf ins Netz. Sein Gegenspieler Sigvard Parling sagte danach verblüfft: „Nach dem fünften Tor wollte sogar ich applaudieren.“

Pelé wurde der jüngste Weltmeister aller Zeiten, ein neuer Weltstar war geboren. Die brasilianische Regierung erklärte ihn zum Nationalheiligtum und untersagte einen Transfer des heißbegehrten Kickers ins Ausland. Sein Können am Ball wurde zur Kunst erklärt, nicht nur in Brasilien. „Wenn er einen Freistoß ausführte, wollten sich die gegnerischen Spieler, die die Mauer bildeten, am liebsten umdrehen, um sich das Tor nicht entgehen zu lassen“, schrieb der Dichter Eduardo Galeano aus Uruguay.

Gemeinsam mit Franz Beckenbauer in New York

In seiner Profilaufbahn bis 1977 erzielte Pelé in 1365 Spielen 1281 Treffer. Mit der Nationalmannschaft wurde er dreimal Weltmeister (1958, 1962, 1970), in insgesamt 92 Länderspielen schoss er 77 Tore. Sein Club FC Santos, dem er bis 1974 treu blieb, wurde dank Pelé zur besten Vereinsmannschaft der Welt. Einmal (1959) machte er in einer Saison 127 Tore, gegen Botafogo erzielte er in einem Spiel allein acht Treffer.

1975 wechselte er das einzige Mal in seinem Leben den Verein und ging zu Cosmos New York, das er, übrigens an der Seite von Franz Beckenbauer (75), zur US-amerikanischen Meisterschaft führte. 1977 war endgültig Schluss mit der aktiven Karriere. Pelé holte seine Hochschulreife nach, um an der Sporthochschule zu studieren. Er machte Werbung, gründete eine Marketingfirma, wurde UN-Sonderbotschafter und (von 1995 bis 1998) sogar außerordentlicher Sportminister Brasiliens.

Er hat auch „reichlich Blödsinn angestellt“ (Tagesspiegel). So versuchte er sich als Schauspieler in John Hustons „Flucht oder Sieg“ oder in „Victory“ an der Seite von Sylvester Stallone (74). Außerdem ist er Co-Autor des Romans „The World Cup Murder“, von dem Kritiker sagen, dass er „glücklicherweise nie auf Deutsch erschienen ist“. Er machte Schlagzeilen mit seinen Frauengeschichten (zwei Ehen, sieben Kinder, unzählige Abenteuer), so dass sich sogar die jeglichen Klatschs unverdächtige „Neue Züricher Zeitung“ genötigt sah festzustellen: „Affären pflastern seinen Weg“.

Verhältnis zum brasilianischen Volk abgekühlt

Das alles haben ihm die Brasilianer verziehen. Anders sieht es aus mit seiner Nähe zu den Mächtigen aus Wirtschaft und Politik. Die Liebe zum Übervater des brasilianischen Nationalsports sei „abgekühlt“, urteilte die „Augsburger Allgemeine“: „Pelé ist zu einem Symbol jenes Fußballs geworden, der heute die Menschen erschreckt. Eine Maschine ohne Herz – getrieben von TV-Verträgen, begleitet von Korruptionsskandalen.“

Zwar sei Pelé in seiner Heimat „eine seltsame Mischung aus Respekt, Bewunderung, aber auch kühler Distanz“ geblieben, doch abgöttisch geliebt wie sein kongenialer Fußballpartner Mané Garrincha, der mit 50 seinem Alkoholismus erlag, werde er nicht.

Der Multimillionär (Hotels, Radiosender, Filmproduktion, Immobilien) kennt den Unterschied zwischen seiner real existierenden Person und der Legende Pelé sehr gut. In seiner Autobiografie schreibt er: „Der Bürger Edson Arantes do Nascimento hat alle Höhen und Tiefen des Lebens gemeistert, gelacht, geweint, viele Schmerzen erleiden müssen, viele Triumphe ausgekostet. Er ist sterblich. Pelé ist dagegen unsterblich, wird immer der Traum aller Kinder bleiben, wird immer strahlen, wird nie Schmerzen empfinden müssen.“

(ln/spot)