Polyamorie als Beziehungsform: Das sind die Chancen und Risiken

SpotOn NewsSpotOn News | 27.10.2021, 20:30 Uhr
Mit mehr als einem Menschen eine Beziehung führen? Für viele kommt das nicht infrage. (sob/spot)
Mit mehr als einem Menschen eine Beziehung führen? Für viele kommt das nicht infrage. (sob/spot)

Twinsterphoto/Shutterstock.com

Wie funktioniert Polyamorie und welche Chancen, aber auch Risiken bietet die Beziehungsform? Beziehungscoach Aino Simon klärt im Interview auf.

Nicht jeder glaubt an die einzig wahre Liebe. Menschen können durchaus für mehrere Personen Gefühle empfinden und diese ausleben. Das Konzept der Polyamorie steht genau dafür. „Polyamorie ist ein Kunstbegriff aus dem Wort poly, griechisch für viel, und amora, was Liebe auf Latein bedeutet“, erklärt Beziehungscoach Aino Simon im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news. In ihrem Buch „Liebe lieber einzigartig“ (Goldegg) berichtet die Autorin davon, welche Perspektiven es in der Liebe gibt. Im Gespräch erklärt sie, wie Polyamorie funktioniert und welche Chancen, aber auch Risiken, sie bereithält.

In „Liebe lieber einzigartig“ stellen Sie neben monogamen Beziehungen auch andere Modelle vor, etwa polyamore Konzepte. Welche Vorteile hat Polyamorie und für wen kommt sie in Frage?

Aino Simon: In polyamoren Beziehungen bestehen meist mehrere Lieben nebeneinander. Die Partner leben diese auch aus. Wie das konkret geschieht, ist unterschiedlich. Es gibt polyamore Paare, die miteinander eine Hauptbeziehung führen und daneben noch Zweit- oder Nebenbeziehungen pflegen. Es gibt Beziehungskonstellationen, bei denen kein Hauptpaar erkennbar ist. Wichtigste Grundlage für die meisten Polyamoren ist, dass alle Beteiligten von allen bestehenden Beziehungen wissen und sich gemeinsam um Einvernehmlichkeit bemühen. Das bedeutet, es braucht sehr viel Zeit für Gespräche, Einfühlung, Konfliktlösung. Dadurch stellen die Beteiligten sicher, dass sie die Wünsche und Grenzen aller sehen und beachten.

Der Vorteil für viele polyamor lebende Menschen besteht darin, dass sie frei von monogamen Einschränkungen sind. Sie können sich damit leichter mit ihren Wünschen zeigen und individuell passende Lösungen im Beziehungskontext suchen. Auch die Ausbildung der eigenen sexuellen Identität bekommt in einem solchen Rahmen mehr Impulse und mehr Freiraum. Insgesamt müssen sich Polyamore stärker um ihre emotionale Reife und um Beziehungskompetenz bemühen. Nicht-monogame Beziehungen sind nur von Dauer, wenn die Beteiligten zwischenmenschliche Probleme einvernehmlich lösen. Diese besondere Anforderung übersehen einige gerade am Anfang gerne. Mehrere Menschen zu lieben, bedeutet eben auch, mehr Verantwortung zu tragen und mehr Kraft für die Liebesarbeit aufbringen zu müssen.

Die Polyamorie ist für viele Menschen vor allem als spannende Perspektive interessant, von der ebenso monogame Beziehungen profitieren können. Denn auch innerhalb von monogamen Beziehungen lässt sich mehr Offenheit integrieren, ohne gleich polyamor zu sein. Entscheidend ist nicht das Modell, sondern die Frage: Wie führen wir unsere Beziehung so, dass wir beide ein reiches und erfüllten Liebesleben genießen? Und dafür ist es interessant zu verstehen, wie vielfältig die Möglichkeiten der Liebe sind.

Um nicht nur einen Partner oder eine Partnerin an seiner Seite zu haben, bedarf es Offenheit. Vielen steht dabei wohl vor allem Eifersucht und Angst im Weg. Sind polyamore Beziehungen deshalb stärker als monogame?

Simon: Auch in polyamoren Beziehungen fühlen die Menschen Eifersucht. Aber der Umgang mit den Gefühlen der Eifersucht ist oft anders als in konventionellen Beziehungen. Anstatt Eifersucht zu verdrängen und zu bekämpfen, wird sie als normaler Bestandteil der menschlichen Gefühle verstanden und eher die Chance darin betont. Eifersucht ist Anlass für Selbstreflexion. Eifersüchtige stellen sich die Frage: Was lässt mich gerade unsicher fühlen? Was brauche ich, damit es mir wieder besser geht? Was kann ich selbst dafür tun, um mich liebenswert zu fühlen? Was wünsche ich mir von den anderen, damit es mir leichter fällt, die belastenden Gedanken und Gefühle loszulassen?

In der Eifersucht zeigen sich oft Selbstzweifel und negative Selbstverurteilungen. Insofern stellt jede Eifersucht eine Gelegenheit dar, um sich selbst gegenüber offener, weicher und verzeihlicher zu werden und damit mehr emotionale Selbstständigkeit und Stabilität zu gewinnen. Und sie kann eine Beziehung sogar stärken: Wenn es einem schlecht geht und sich der oder die andere liebevoll um einen kümmert.

Umgekehrt habe ich polyamore Paare erlebt, die aus einer Ideologie der Freiheit heraus ihren Partnerinnen oder Partnern sehr weh getan und wiederholt deren Grenzen verletzt haben. Das zeigt: Polyamore Konstellationen sind nicht besser oder schlechter als monogame Beziehungen, denn beide Versionen haben Vor- und Nachteile. Zwar mögen Polyamore geübter darin sein, für alle tragfähige Kompromisse zu finden. Aber allein die Tatsache, dass die Bedürfnisse mehrerer Personen zu berücksichtigen sind, macht die Sache komplex und störungsanfällig.

Was müssen Menschen in einer Beziehung beachten, wenn sie sich auch mit anderen treffen oder eine Beziehung mit mehreren führen?

Simon: Die wichtigste Grundvoraussetzung für eine offene oder polyamore Beziehung ist eine gute und liebevolle Verbindung. Wenn Menschen die Beziehung öffnen wollen, weil sie sich in ihrer Beziehung nicht mehr richtig wohlfühlen, ist das keine gute Idee. Das wird vermutlich nicht besonders gut klappen. Denn das bringt Druck auf die Partner. Ungelöster Streit oder ungesunde Muster im Verhalten können sich zum gewaltigen Störfaktor entwickeln. Gerade weil die Begegnung mit Dritten Eifersucht und Unsicherheit auslösen kann, braucht es ein hohes Maß an Kommunikationskompetenz und gegenseitigem Einfühlungsvermögen. Insofern braucht es für eine gelungene Öffnung immer die Bereitschaft zum Verzicht oder Kompromiss. Wichtig ist, dass sich alle Beteiligten um Selbstreflektion bemühen und darum, bessere Lösungen miteinander zu finden.

Weshalb entscheiden sich die meisten Menschen für monogame Beziehungen? Liegt das am Menschen selbst oder an der Gesellschaft?

Simon: Zum einen entspricht die monogame Beziehung dem normalen Bild, das wir in unserer Gesellschaft als junge Menschen kennenlernen. Es gibt kaum öffentlich sichtbare Vorbilder für alternative Liebesmodelle. Wenn sich zwei verlieben, sprechen sie nicht darüber, welche Wünsche beide haben und in welchem Modell diese Wünsche am besten realisierbar sind. Stattdessen gilt es automatisch als normal, dass die zwei monogam zusammen sind, wenn „etwas Ernstes“ daraus wird. Das kann schon sehr einschränkend sein.

Auch später noch sind die Einschränkungen sichtbar. Liebe und Sex werden nämlich häufig zusammen gedacht. Viele Menschen glauben wirklich, ihre Liebe zum Partner sei erloschen, nur weil irgendwann mal sexuelles Begehren zu einer anderen Person entsteht. Das ist schon ziemlich traurig. Denn Menschen zweifeln dann an sich oder an ihren Beziehungen, nur weil sie einem falschen Bild aufsitzen: Liebe und Sex kommt gelegentlich zusammen vor – und wird dann auch meistens als besonders schön wahrgenommen -, es sind aber zwei unabhängige Erfahrungsqualitäten.

Es gibt noch weitere gute Gründe für die monogame Liebe. Bedürfnisse nach Sicherheit, nach Klarheit, nach Ruhe und nach Zugehörigkeit lassen sich im „mono-amoren“ Modell deutlich leichter erfüllen. Gerade dann, wenn das Leben sehr anstrengend ist, Arbeit und Familie viel Kraft und Aufmerksamkeit verlangen, helfen einfache Beziehungsstrukturen. Sie bieten Stabilität und Schutz. Und dieser Schutz ist in manchen Phasen des Lebens wichtiger als der prickelnde Raum für Abenteuer und Exploration. In anderen Phasen aber kann er einengend und lähmend wirken, dann wäre vielleicht mehr Öffnung angesagt. Langjährige Beziehungen sind besonders stabil, wenn sie im Laufe der Zeit eine Offenheit für den Wandel im eigenen Beziehungsmodell entwickeln. Das, was früher richtig und wichtig war, mag heute anders sein und kann morgen wieder ganz anders aussehen. Wir kommen einen großen Schritt nach vorne, wenn wir verstehen, dass sich Beziehungen und deren Modelle innerhalb der Lebensdauer ändern dürfen. Dabei geht die Liebe nicht weg, sondern sie entsteht gerade immer wieder neu.