24.09.2020 15:00 Uhr

Prof. Grönemeyer rät bei erkälteten Kindern: „Sofort zum Arzt!“

Professor Dietrich Grönemeyer erklärt, wann Hilfe zur Selbsthilfe sinnvoll ist und warum Eltern erkältete Kinder zum Arzt bringen sollten.

Gaby Gerster

Professor Dietrich Grönemeyer (67) stellt in seinem neuen Buch „Naturmedizin und Schulmedizin!“ (S. Fischer) sein „gesammeltes Gesundheitswissen wichtiger Volkskrankheiten“ vor. Im Interview mit spot on news erklärt er, warum erkältete Kinder zum Arzt sollten und welche Hausmittel man vorrätig haben sollte.

Nimmt das Wissen über die Volkskrankheiten in der Bevölkerung ab – und damit auch gleichzeitig das Wissen über Hausmittel?

Dietrich Grönemeyer: Ja! Da ist viel, viel zu viel in Vergessenheit geraten. Zwar erleben wir jedes Jahr eine neue Grippewelle, und Millionen leiden weiterhin unter Rückenschmerzen. Doch wer weiß schon noch, wie er sich selbst helfen kann. Der schnelle Griff zu den Antibiotika oder den Schmerztabletten soll es in der Regel richten. Und natürlich hilft das auch. Nur wäre es in vielen, wenn nicht den meisten Fällen ebenso mit pflanzlichen Produkten, einem Waden-, oder Brust- oder Rückenwickel, einem Kräutertee, mit Massagen und Bewegung oder bei Fieber mit Bettruhe getan. Das mag unter Umständen etwas mehr Zeit kosten, hilft dem Körper aber schonender und lässt seine eigenen Kräfte zur Wirkung kommen. Wenn Sie so wollen, haben wir uns von den großartigen Fortschritten der Schulmedizin verführen lassen, den traditionellen Heilweisen weiter keine Beachtung zu schenken. Hier bedarf es dringender Aufklärung. Das liegt mir am Herzen.

Jetzt steht die Erkältungssaison bevor. Was sollte man an Hausmitteln und Tees am besten vorrätig haben, um grippale Effekte zu behandeln?

Grönemeyer: Wichtig ist vor allem, das Immunsystem zu stärken. Deshalb Bewegung und nochmals Bewegung, möglichst an der frischen Luft, und dazu eine vitaminreiche Ernährung. Als Hausmittel empfehle ich beispielsweise Ingwertee: Das scharf schmeckende Gingerol und die ätherischen Öle der Ingwerwurzel machen die Wirkung aus, am besten kombiniert mit dem ebenfalls keimtötenden Honig. Die Extrakte des Sonnenhuts (Echinacea) können unsere Abwehrkräfte stärken. Wickel mit Senfölen oder innerlich Thymian-Extrakten wiederum wirken atemwegserweiternd und schleimlösend bei entzündeten Atemwegen. Thymian mit dem Pflanzeninhaltsstoff Thymol, Kapuzinerkresse und Meerrettich mit ihren Senfölbestandteilen und die Polyphenole der Zistrose wirken antibiotisch und desinfizierend. Die gute alte Hausapotheke und die Pflanzenheilkunde sind voller Mittel gegen grippale Infekte, Grippe und andere fieberhafte Infekte. Sie enthält mehr, als sich hier aufzählen lässt. Um daran zu erinnern, habe ich das neue Buch geschrieben.

Zum Vorbeugen erwähnen Sie darin unter anderem das Saunieren. Was bringen regelmäßige Sauna-Gänge?

Grönemeyer: Sauna-Gänge mit dem Wechsel von heiß und kalt stärken das Immunsystem. Das Prinzip ist einfach: Nach jedem Schwitzgang zieht kaltes Wasser unter einer Dusche, durch Schlauchabwaschungen oder Eintauchen in ein Kältebecken die Gefäße abrupt zusammen. Das trainiert Herz-Kreislauf, stärkt unser Immunsystem und wirkt heilsam auf die Bronchien. Bei akuten Erkältungen und Entzündungen sollte man allerdings auf die Sauna verzichten. Wer an chronischen Krankheiten wie Asthma, Herzschwäche, Bluthochdruck oder Rheuma leidet, kläre vorab mit dem Arzt oder Ärztin, was er seinem Körper zumuten darf. Was aber immer zur Stärkung des Immunsystems beiträgt, sind Sport und Bewegung, vitaminreiche Ernährung und Stress-Reduktion.

Sie erklären in Ihrem Buch verschiedene Hausmittel, die bei unterschiedlichen Symptomen helfen. Ab wann sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen?

Grönemeyer: Lassen Sie mich das an meinem Spezialgebiet, dem Rücken, erklären. Bei Rückenleiden handelt es sich in über 80 Prozent der Fälle um Muskelverspannungen. Durch Bewegung, Massagen, Faszienbehandlung, Wärme, Yoga und Entspannungsgymnastik oder Akupressur, Akupunktur und Schröpfen lässt sich da vieles lösen. Hilft das nicht, haben sich die Schmerzzustände womöglich chronisch verfestigt, muss der nächste Weg immer zum Facharzt und/oder auch Psychosomatikerin führen. Die Ursachen sind schulmedizinisch zu klären – körperlich wie psychisch. Das gilt für alle Leiden, von denen wir betroffen sein können. Wenn der Schmerz, der Druck oder das Unwohlsein nach einigen Tagen nicht verschwinden, sondern schlimmer werden, wenn hohes Fieber mit Hausmitteln nicht zu senken ist, wenn Atemnot, Herzstolpern, Schwindel oder Taubheitsgefühle auftreten, ist der Arzt aufzusuchen.

Kinder leiden normalerweise mehrmals im Jahr unter einem Infekt. Während der Corona-Pandemie führt das zu Verunsicherung bei Eltern. Zu welcher Vorgehensweise raten Sie, wenn die Kinder Erkältungssymptome zeigen?

Grönemeyer: Da gibt es nur eins: Sofort mit der Tochter oder dem Sohn zum Kinderarzt, schnell, bevor sich Vermutungen einstellen, Selbstdiagnosen nach dem Hörensagen. Das führt am Ende doch bloß zur Verängstigung der Kinder wie der Eltern. So richtig es ist, dass man sich mit den erprobten Hausmitteln oftmals selbst helfen kann, so klar sollte jedem auch sein, dass man nicht mit allem und jedem allein fertig wird – sozusagen als medizinischer Heimwerker. Ich hoffe jetzt auf den innovativen Speichel-Schnelltest ohne Abstrich, der in Minuten anzeigen würde, ob und welche Keime vorliegen könnten, um Corona von einer Grippe oder einem grippalen Infekt zu unterscheiden. Die Entwicklung hierfür ist rasant, auch die zur Optimierung des individuellen Immunsystems, seien es Medikamente oder Impfverfahren. Das lässt hoffen.

Sie sprechen im Buch auch über psychische Erkrankungen. Viele Menschen klagen seit Aufkommen der Corona-Pandemie über Schlafstörungen und Erschöpfung. Wird das Erleben der Pandemie dazu beitragen, dass die Zahl der Menschen mit Depressionen oder depressiven Verstimmungen steigt?

Grönemeyer: Damit ist zu rechnen, zumal die Möglichkeiten für zwanglose Kontakte, Sport, Bewegung, Reisen eingeschränkt sind und dies voraussichtlich auch noch geraume Zeit so bleiben wird. Schon jetzt leiden viele unter Depressionen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie sind niedergeschlagen oder neigen zur Aggression. Denken Sie nur an die Frauenhäuser. Sie sind heute so überlaufen wie nie zuvor. Von den Nebenwirkungen der Pandemie machen wir uns noch gar keine Vorstellung. Psychosoziale Maßnahmen und umfassende gesundheitliche Aufklärung über Zusammenhänge von spezifischen Erkrankungen wie Influenza oder Corona sowie gezielte Anleitung für eine Hilfe zur Selbsthilfe werden notwendig.

Sie plädieren dafür, die Schulmedizin mit der sogenannten Komplementärmedizin zu kombinieren. Wie gut wird das in Deutschland bereits umgesetzt?

Grönemeyer: Aus meiner Sicht leider zu wenig. Natürlich gibt es unterdessen sehr ermutigende Formen der Zusammenarbeit, aber insgesamt, strukturell wünsche ich mir da einfach mehr. Obwohl sich Schulmedizin und Naturheilkunde nicht mehr feindselig gegenüberstehen wie vor Jahrzehnten, zur Zeit meines Studiums, herrscht noch immer ein gewisses Misstrauen. Beide Seiten sind verunsichert, wenn es darum geht, gemeinsam zu behandeln. Auch deshalb, um diese Gräben zu überwinden, habe ich das neue Buch geschrieben. Vor allem den Patienten soll es helfen, mit mehr Wissen alle Möglichkeiten medizinischer Behandlung zu nutzen, die der traditionell überlieferten Verfahren ebenso wie die der Hightech-Medizin unserer Tage oder das Heilwissen anderer Kulturen. Die Weltmedizin ist ein großes Ganzes, in dem jedes seine Berechtigung hat, die Kräutermedizin der Hildegard von Bingen ebenso wie Transplantationschirurgie unserer Tage. Es geht um nichts Geringeres als um die Gesundheit jedes Menschen. Auch der Erde, der Tiere und Pflanzen, deren Erkrankungen auch uns erkranken lassen. Es geht mir um Planetary Health, die Weltgesundheit!

(hub/spot)

Das könnte Euch auch interessieren