Protestaktion #allesdichtmachen: Der Aufschrei war einkalkuliert?

Protestaktion #allesdichtmachen: Der Aufschrei war einkalkuliert?
Protestaktion #allesdichtmachen: Der Aufschrei war einkalkuliert?

© Igillustrator/Shutterstock

23.04.2021 20:25 Uhr

53 deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler haben sich unter dem Motto "Alles dicht machen" zusammengetan, um gegen die Corona-Politik der Bundesregierung zu protestieren und sich für die Kulturbranche stark zu machen.

Schauspielgrößen wie Jan Josef Liefers, Heike Makatsch, Ken Duken, Meret Becker oder Wotan Wilke Möhring, Volker Bruch, Richy Müller und Ulrike Folkerts sowie Ulrich Tukur unterstützten die eigentlich ironisch gemeinte Kampagne.

„Schließen Sie ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz“, sagte beispielsweise Ulrich Tukur satirisch-zynisch an die Adresse der Bundesregierung in einem Clip. „Nicht nur Theater, Cafés, Schulen, Fabriken, Buchhandlungen, Knopfläden nein, auch alle Lebensmittelläden, Wochenmärkte und vor allem auch all die Supermärkte. „Sind wir erst am Leibe und nicht nur an der Seele verhungert und allesamt mausetot, entziehen wir auch dem Virus und seiner hinterhältigen Mutantenbagage die Lebensgrundlage.“

Aktion als Hilferuf verstehen

Die Statements bekamen heftig Gegenwind, aber es gibt auch Befürwortende. Auch Politiker Wolfgang Kubicki (FDP) hat eine Meinung zu der umstrittenen Aktion und teilt diese in einem exklusiven Kommentar.

„Keine Frage: die Aktion ‚Alles dicht machen‘, an der sich Dutzende Künstler beteiligt haben, sollte Aufmerksamkeit erregen“, erklärte der Vizepräsident des Deutschen Bundestages gegenüber „t-online“. Und sie sollte wahrscheinlich eine große Debatte über unseren gesellschaftlichen Umgang mit Corona auslösen. Schließlich hat man über ein Jahr lang von vielen Schauspielern und Musikern nichts gehört und nichts gesehen. Es hat mich gewundert, dass sie über so lange Zeit geschwiegen haben und dass sie all die Maßnahmen der Bundesregierung relativ klaglos mitgetragen haben“, schreibt Wolfgang Kubicki.

„Ich verstehe die Aktion #allesdichtmachen als einen Hilferuf von Menschen, deren Branche deutlich härter getroffen wurde,
als diejenige der Journalisten, die sich jetzt leichtfertig über sie erheben.“ (Wolfgang Kubicki)

Man sollte über die Art und Weise streiten, wie die Beteiligten ihrem Anliegen Luft verschaffen wollten, doch „man sollte dabei immer den Weg des Respekts gehen. Deshalb wäre es hilfreich, wenn sich die Debatte in einem Rahmen bewegt, der es zulässt, sich nach der Pandemie noch in die Augen zu schauen.“

„Die Aktion ist danebengegangen“

Unter der Überschrift „Ein Riss geht durch die Schauspielbranche“ zitiert die „Bild“-Zeitung Zweifelnde, Protestierende und Befürwortende.

So erklärte Starproduzent und UFA-Chef Nico Hofmann u.a: „Ich habe von dieser Initiative gewusst und vielen Schauspielerinnen und Schauspielern gesagt, dass sie damit insbesondere antidemokratischen Kräften eine Steilvorlage bieten. Es ist ein schmaler satirischer Grad. Und wer darauf ausrutscht, landet rasch im Abgrund, genauer gesagt im sehr rechten, antidemokratischen Milieu. Die Balance bei dieser Aktion ist für mich absolut daneben gegangen.“

Die Beteiligten dürften nicht vergessen, dass viele Produktionsfirmen und Sender tausenden Menschen Arbeit ermöglicht, hätten, weil „von Beginn an sehr strikte Arbeitsschutz- und Hygienemaßnahmen“ eingeführt Woden seien. „Dass viele Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiten könnten, ist das Ergebnis der Einhaltung genau dieser Regeln, die jetzt kritisiert werden.“

„Eingepreiste Reaktionen“

Angeblich sei der Gegenwind, der seit Donnerstagabend (22. April) „wie ein Orkan wütet“, laut „Bild“ „bewusst einkalkuliert worden“.

Das Blatt zitiert einen Schauspielagenten: „Die Wucht der Reaktionen war mit eingepreist. Viele meiner Klienten erhalten seit gestern Abend Drohnachrichten und positiven Zuspruch. Es gibt nichts dazwischen. Jeder hat eine Meinung. Aber genau das ist auch der Gedanke hinter der Initiative.“

So seien die „Gegenreaktionen und der Zwist zwischen Kollegen“ mit eingepreist gewesen und auch bewusst provoziert. „Man darf nicht vergessen: Das sind Schauspieler. Sie inszenieren etwas und sie wollen soziokulturell und politisch etwas bewegen. Wie man an den Reaktionen und dem Diskurs aktuell erkennt, machen sie ihren Job, der ja während der Corona-Zeit als nicht systemrelevant betrachtet wird, sehr gut.“

Inzwischen meldete sich auch Drehbuchautor und Produzent Bernd Wunder, der hinter der Website „allesdichtmachen“ steht. Die ist derzeit nicht erreichbar. Die Initiative sei über Monate mit Beteiligung aller gemeinsam entstanden, erzählte er gegenüber „Bild“.

Teilnehmende wie Heike Makatsch, Meret Becker, Ken Duken, Kostja Ullmann oder Jan Josef Liefers machten einen Rückzieher, löschten ihre Videos oder distanzierten sich mit klaren Worten von Verschwörungstheorien und der Querdenker-Bewegung. (PV)