Rotes Kreuz: Mindestens 20 Tote bei Explosion im Libanon

Marwa El Chiekh spricht vor einem Krankenhaus in Geitaoui, während sie auf Nachrichten über ihren Bruder wartet, der bei einer Treibstoffexplosion im Nordlibanon schwer verletzt wurde.
Marwa El Chiekh spricht vor einem Krankenhaus in Geitaoui, während sie auf Nachrichten über ihren Bruder wartet, der bei einer Treibstoffexplosion im Nordlibanon schwer verletzt wurde.

Hassan Ammar/AP/dpa

15.08.2021 09:56 Uhr

Der Libanon erlebt die schwerste Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Die Explosionskatastrophe im Hafen von Beirut vor einem Jahr verschärfte die Lage. Jetzt schockt eine neue Detonation das Land.

Bei einer Explosion von Treibstoffvorräten im Norden des Libanons sind mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen.

Das Rote Kreuz Libanon twitterte am frühen Sonntagmorgen, es habe 20 Leichen nach der Explosion in Akkar in Kliniken transportiert. 79 Menschen seien verletzt worden. Der libanesische Sender MTV meldete, es sei ein Treibstoffdepot detoniert. Das Rote Kreuz hatte zunächst von einem explodierten Tanklaster gesprochen.

MTV zufolge werden noch Menschen vermisst. Die Ursache für die Explosion war zunächst unklar. MTV zeigte Bilder von Menschen mit schweren Brandverletzungen. Ein Reporter des Senders berichtete, es seien viele Menschen am Ort der Explosion gewesen, die versucht hätten, Treibstoff zu bekommen. Das Land am Mittelmeer leidet derzeit unter einer schweren Versorgungskrise.

Vor gut einem Jahr waren bei einer gewaltigen Explosion im Hafen von Beirut mehr als 190 Menschen getötet und rund 6000 verletzt worden. Die Hinterbliebenen sprechen sogar von 218 Todesopfern. Große Teile des Hafens und der anliegenden Wohngebiete wurden zerstört. Die Detonation soll durch große Mengen der hochexplosiven Chemikalie Ammoniumnitrat ausgelöst worden sein, die über Jahre ungesichert im Hafen gelagert wurden. Die genauen Umstände sind noch immer unklar.

Der Libanon leidet seit fast zwei Jahren unter der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Die Regierung kann Kredite nicht mehr bedienen, große Teile der Bevölkerung sind in Armut abgerutscht. Die Inflationsrate liegt bei 120 Prozent, für Lebensmittel noch höher. Die Währung hat mehr als 90 Prozent ihres Wertes verloren.

Die Lage hat zu einer dramatischen Versorgungskrise geführt, die sich in den den vergangenen Tagen weiter verschärft hat. Unter anderem fehlt es an Treibstoff für Stromproduktion und Verkehr. Am Samstag bildeten sich vor geschlossenen Tankstellen lange Schlangen frustrierter Autofahrer, die über Stunden vergeblich darauf warteten, tanken zu können. Seit Wochen müssen die Menschen im Land täglich über Stunden ohne Strom auskommen. In Apotheken mangelt es an lebenswichtigen Medikamenten.

Zugleich ist der Libanon politisch gelähmt. Die Regierung war kurz nach der Explosion im Beiruter Hafen zurückgetreten und ist nur noch geschäftsführend im Amt. Wegen eines monatelangen Machtkampfs konnte noch immer kein neues Kabinett gebildet werden. Libanons politische Elite sieht sich schweren Korruptionsvorwürfen ausgesetzt.