Rotkehlchen oder Rauchschwalbe?

Ein Rotkehlchen sucht im Schnee nach Futter.

Julian Stratenschulte/dpa

19.02.2021 08:36 Uhr

Den „Vogel des Jahres“ darf diesmal die Bevölkerung wählen. Ins Finale hat es auch ein eher ungewöhnlicher Kandidat geschafft: die Stadttaube. Doch vorne liegt zurzeit ein gewöhnlicher Gartenvogel.

Dass der Lieblingsvogel der Regensburger Domspatzen der Spatz sein muss, ist irgendwie logisch.

Also machen die Schülerinnen und Schüler der kirchlichen Privatschule gerade kräftig Wahlkampf für den Haussperling, wie der gesellige Vogel eigentlich heißt. Mit ihrem Wahlkampfteam „Spatzen für Spatzen“ gehen sie bei der Wahl zum „Vogel des Jahres“ im Internet auf Stimmenfang.

Doch die Konkurrenz ist groß: Zehn Kandidaten stehen zur Wahl – und der Spatz liegt bisher im Mittelfeld. Um den ersten Platz liefern sich Rotkehlchen und Rauchschwalbe ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Zurzeit führt das Rotkehlchen.

Dahinter folgen Kiebitz, Feldlerche, Stadttaube und Haussperling. Doch auch Blaumeise, Eisvogel, Goldregenpfeifer und Amsel haben noch Chancen. Denn die Wahl läuft noch bis zum 19. März. Erst dann soll der Sieger feststehen.

Normalerweise ernennen der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der bayerische Landesbund für Vogelschutz (LBV) den „Vogel des Jahres“. Seit 50 Jahren läuft das so. Der erste „Vogel des Jahres“ war 1971 der Wanderfalke. Mittlerweile gibt es zahlreiche Tiere, Pflanzen, Pilze und sogar Mikroorganismen des Jahres.

Im Jubiläumsjahr dürfen nun erstmals die Vogelfreunde selbst den „Vogel des Jahres“ küren. Mehr als 200.000 Menschen haben nach Nabu-Angaben bisher auf der Homepage abgestimmt. „Es gibt eine Faszination für Vögel. Jeder kann wahrscheinlich aus dem Bauch heraus sofort seinen Lieblingsvogel nennen“, erklärt sich Stefanie Bernhardt vom LBV in Hilpoltstein die rege Beteiligung.

Auch der Lockdown habe dafür gesorgt, dass sich die Menschen mehr für die Natur und somit für die Vögel vor ihrer Haustür interessierten. „Dass das Rotkehlchen, ein klassischer Gartenvogel, den Schnabel vorn hat, spricht dafür“, sagt Bernhardt.

Die Amsel, ein ebenfalls häufiger Gast im Garten, konnte davon allerdings nicht profitieren. Sie liegt zurzeit auf einem der hinteren Plätze. „Das hat sie nicht verdient“, meint Rudolf Wittmann, der mit seinem Team „Ingolstädter Amselflüsterer“ schon in der Vorwahl für die Amsel jede Menge Stimmen gesammelt hat.

Die Amsel überzeuge mit ihrer melancholisch-schönen Stimme, schwärmt Wittmann. Bemerkenswert sei, dass diese noch vor 100 Jahren ein scheuer Waldvogel gewesen sei, sich dann aber in Dörfern und Städten verbreitet habe. Doch inzwischen ist ihr Lebensraum dort nach Angaben von Wittmann bedroht, weil viele Gärten nicht mehr genug Vielfalt bieten. Auch der Klimawandel mache den Amseln zu schaffen.

Und noch ein Argument spricht aus seiner Sicht für die Amsel: Sie war noch nie „Vogel des Jahres“. Das gilt aber auch für die Blaumeise und die Stadttaube. Überhaupt, die Stadttaube! In der Vorwahl, in der es darum ging, die zehn Kandidaten für das Finale zu suchen, landete diese überraschend auf Platz 1. „Wir gehen davon aus, dass Taubenliebhaber dahinter stehen“, sagt Bernhardt.

Eine davon ist Claudia Rupp vom Nürnberger Tierschutzverein für Stadttauben und Wildtiere. Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen hat sie für die Stadttaube gestimmt und den Link fleißig geteilt. „Wir sind natürlich gut vernetzt“, sagt sie. „Wir wollen das nutzen, um auf das Schicksal der Stadttauben aufmerksam zu machen.“ Diese seien verwilderte Haustiere und litten unter dem Leben auf der Straße. „Sie sind sozusagen die Straßenhunde Deutschlands.“

Über Spekulationen in den Medien, dass Trolle die Wahl gekapert haben könnten, ärgert sich Rupp deshalb sehr. Ihrer Ansicht nach hat die Stadttaube genauso eine Berechtigung „Vogel des Jahres“ zu werden wie jeder andere Vogel.

Das bestätigt auch der Nabu – obwohl die „Vögel des Jahres“ sonst immer stellvertretend für ein größeres Naturschutzthema stehen. In diesem Jahr habe man die Wahl ganz bewusst allen Menschen in Deutschland überlassen, sagt Silvia Teich vom Nabu. „Selbstverständlich werden wir das Ergebnis akzeptieren und den neuen „Vogel des Jahres“ feiern – egal, welcher das Rennen macht.“

Bleibt noch die Frage, welcher Vogel für die Wissenschaft am interessantesten ist. „Aus ornithologischer Sicht hat jede der Arten ihren Reiz, nicht nur die seltenen“, sagt Wolfgang Fiedler, Präsident der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft. Jeder der zehn Kandidaten sei als Botschafter für ein Artenschutz-Anliegen geeignet. „Bei anderen Wahlen dieses Jahres mache ich mir da schon deutlich größere Sorgen, dass für den Artenschutz nichts herauskommen könnte“, meint Fiedler.

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