01.12.2020 14:32 Uhr

Russlands „Hüterin der Beutekunst“: Irina Antonowa ist tot

In Deutschland war Irina Antonowa vor allem als Verteidigerin von Kunstwerken umstritten, die sowjetische Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg als Beute nach Russland brachten. Nun ist die bedeutende Moskauer Museumspräsidentin im Alter von 98 Jahren gestorben.

Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

Die berühmte russische Kunstwissenschaftlerin Irina Antonowa ist tot. Die als „Hüterin der Beutekunst“ bekannte Präsidentin des Puschkin-Museums in Moskau sei am Montag im Alter von 98 Jahren gestorben, teilte das Museum mit.

In Deutschland war Antonowa als resolute Hüterin jener Kunstschätze bekannt, die Sowjetsoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Moskau brachten. Die „Beute“ galt als Entschädigung für Kriegsverluste, die auf das Konto plündernder und brandschatzender Nazis gegangen waren. In Russland wurde sie von vielen gefeiert.

Antonowa war im Alter von 91 Jahren 2013 als Museumsdirektorin zurückgetreten und hatte ihr Lebenswerk an die Kunstwissenschaftlerin Marina Loschak übergeben. Sie blieb nach 52 Jahren an der Spitze des international bekannten Puschkin-Museums aber weiter dessen Präsidentin – und war bis zuletzt auch bei größeren Anlässen präsent. Antonowa hatte noch unter Sowjetdiktator Josef Stalin 1945 ihre Arbeit im Puschkin-Museum begonnen.

Es gehörte zu ihrem Vermächtnis, dass ein russisches Gesetz gegen den Protest Deutschlands die „verlagerten Kulturgüter“ als Wiedergutmachung festschreibt. Zu den Kostbarkeiten gehören auch die Troja-Funde von Heinrich Schliemann und der Eberswalder Goldschatz. „Eine Rückgabe wäre der Beginn einer Revolution in den Kunstsammlungen der ganzen Welt“, sagte Antonowa einmal. Sie verwies darauf, dass Museen weltweit voll seien mit Kunstschätzen von Eroberungszügen und Kriegen.

Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnete Antonowas Tod als „trauriges Ereignis“. Putin habe Antonowa sehr gut gekannt, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. „Er schätzte ihre tiefgreifende Expertise.“

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, würdigte Antonowa als „eine der eindrucksvollsten Persönlichkeiten der russischen Museumswelt“. Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges sei sie eine verlässliche Partnerin gewesen für intensivere Kooperationen zwischen deutschen und russischen Museen – auch zur Beutekunst, sagte Parzinger, der auch Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe Kultur des Petersburger Dialoges ist. „Dafür danken wir ihr.“

Die am 20. März 1922 in Moskau geborene Antonowa hatte in ihrer Kindheit einige Jahre in Deutschland gelebt und sprach Deutsch. Sie wehrte sich stets gegen Berichte, sie habe nach dem Krieg selbst Beutekunst ausgesucht. Noch zu ihrem 90. Geburtstag 2012 meinte die Frau, die oft wie ein Feldwebel in ihren strengen Kostümen auftrat, dass sie kein Ende ihrer Museumsarbeit absehe.

Wenige Tage vor ihrem Tod sei bei Antonowa eine Coronavirus-Infektion nachgewiesen worden, teilte das Puschkin-Musum der Agentur Interfax zufolge mit. Diese habe diverse chronische Krankheiten, unter denen sie litt, verschärft.

Russische Feuilletonisten lobten die Kunstwissenschaftlerin als Expertin von Weltrang, die mit großer Klugheit und unerschöpflicher Energie selbstbewusst und kompromisslos eines der wichtigsten russischen Museen führte. Zu Sowjetzeiten organisierte Antonowa die erste Schau mit Arbeiten des Surrealisten Salvador Dalí. Nach Ende des Kalten Krieges öffnete sie die Geheimdepots mit Beutekunst, nachdem Moskau bereits zu DDR-Zeiten große Mengen etwa an die Gemäldegalerie in Dresden zurückgegeben hatte.

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